Neue Details aus London

Juho Nyberg
20. Oktober 2020
Die Aufklärung des schrecklichen Brands im „Grenfell Tower“ gestaltet sich weiter schwierig: Während jüngst einige Beweismittel neu auftauchten, sind andere verschwunden. Auch Erinnerungslücken der Verantwortlichen helfen nicht. (Foto: ChiralJon via Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

2017 kostete der Brand eines Londoner Wohnhochhauses 72 Menschen das Leben. Bis heute ist die Aufarbeitung der Katastrophe nicht abgeschlossen – und gerät allmählich zur Posse: Mit immer neuen Tricks versuchen die Verantwortlichen, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

In der richterlichen Untersuchung zum Brand des „Grenfell Tower“ in London in der Nacht vom 13. auf den 14. Juni 2017, der 72 Todesopfer forderte, geht es um die Verantwortung. Die von Richter Martin Moore-Bick geführte Untersuchung findet sich hierzulande schon lange nicht mehr in den Schlagzeilen. Doch die gewonnen Erkenntnisse und einzelne Wendungen hätten eine genauere Betrachtung durchaus verdient. Einerseits, um aus den teils haarsträubenden baulichen Fehlgriffen zu lernen. Andererseits, um sich ein Bild davon zu machen, mit welchen Mitteln die Verantwortlichen versuchen, sich aus der Schusslinie zu lavieren.

Plötzlich tauchten vorige Woche mehrere Notizbücher eines ehemaligen Direktors auf, der als leitender Mitarbeiter der Mieterverwaltung für die Renovation verantwortlich war. Sie wurden als bislang noch nicht berücksichtigte Beweisstücke dem Richter vorgelegt. Der Direktor sollte eigentlich diese Woche befragt werden. Um wenigstens etwas Zeit für die Durchsicht der fünf Büchlein sowie acht Tagebücher zu haben, soll die Befragung nun verschoben werden.

Doch damit nicht genug: Die als Projektmanagerin ebenfalls für die Renovation verantwortliche Claire Williams gab zu, den Großteil ihrer Notizen wohl „weggeworfen“ zu haben – alle, bis auf ein Notizbuch. Wie in solchen Situationen üblich, konnte sich die Betroffene nicht mehr erinnern, wann genau sie sich ihrer Notizen entledigt hat. Die Einsicht, dass diese für die Aufklärung doch von Bedeutung hätten sein können, kam ihr erst bei der Befragung.

Es bleibt gerade auch für die Angehörigen der Toten zu hoffen, dass das Gericht den Fall doch noch entwirren und trotz aller Verschleierungsversuche abschließen kann. 

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