Über dem Markt

 Ulf Meyer
17. Oktober 2018
Eine neue Form der Symbiose in der Stadt? (Bild: Espendiller + Gnegel)
Wohnen und Gewerbe gehen längst Symbiosen ein. Drei Beispiele für Nahversorgungszentren mit Wohnbebauung hat Ulf Meyer auf ihr Zusammenspiel untersucht und erläutert die Projekte.
In jeder deutschen Stadt stehen eingeschossige Supermärkte mit riesigen Parkplätzen autistisch herum – in Zeiten von steigender Wohnungsnot und explodierenden Immobilienpreisen wirkt dieser vorstädtische Bautypus wie eine nicht zu rechtfertigende Platzverschwendung. Denn Grundstücke in bester Lage nur einstöckig zu bebauen, ist reine Flächenverschwendung. Anfang dieses Jahres sorgte die Nachricht für Furore, dass Discounter wie Aldi oder Lidl in den kommenden Jahren tausende günstige Mietwohnungen über ihren Supermärkten bauen werden. Auf zunächst dreißig Grundstücken in Berlin werden dazu einstöckige Märkte abgerissen und durch mehrgeschossige Mischbauten ersetzt. An zwei Modellstandorten hat die Firma Aldi mit diesem neuen Baukonzept bereits begonnen: In den Bezirken Lichtenberg und Neukölln baut der Billgheimer zusammen 200 Wohnungen. Schon nächstes Jahr wird das erste Wohn- und Supermarkt-Gebäude fertiggestellt. Die Wohnungsmieten sollen moderat sein. Ein Drittel der Wohnungen wird als Sozialwohnungen für 6,50 Euro pro Quadratmeter kalt vermietet, der Rest für – immer noch moderate – 10 Euro pro Quadratmeter.

​Die wirtschaftliche Logik der Supermarktbetreiber hat sich mit dem starken Bevölkerungswachstum und den steigenden Immobilienpreisen geändert. Der Bevölkerungszuwachs verschärft nicht nur die Lage auf dem Wohnungsmarkt, er schafft auch neue Nachfrage nach günstigen Lebensmitteln. Bei einem „Supermarkt-Gipfel“ warb der Berliner Senat für eine bessere Grundstücksnutzung bei mehr als 300 Supermärkten in Berlin. Zusammengenommen böten diese Standorte allein Platz für 33.000 zusätzliche Wohnungen –  die Politik, die selbst die Wohnungsmisere mit verschuldet hat, wäre das Problem elegant los und hätte zugleich einige hässliche Parkplätze weniger im Stadtgebiet.

Während diese neue Auffassung der Discounter städtebaulich ebenso erfreulich wie überfällig ist, wirken die architektonischen Pläne von Aldi, Lidl & Co bisher bestenfalls medioker. In Bezug auf Anlieferung, Müll, Gerüche und Akustik sind bei dem neuen hybriden Bautypus Besonderheiten zu beachten. Drei aktuelle Architektur-Beispiele zeigen, wie dennoch aus dem neuen Bautypus Funken geschlagen werden können.

1. Am Bahnhof Hiltrup
 
Der schlanke Kopfbau an der Glasuritstraße (Bild: Michael Rasche)
Die Funktionsmischung war städtebaulich erwünscht (Bild: Espendiller + Gnegel)
Schon im Jahr 2012 wurde in Münster ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben, um einen großen Supermarkt mit einer Wohnbebauung zu kombinieren und zugleich den Stadtteil am Bahnhof Hiltrup zu stärken. Die Funktionsmischung von Handel, Dienstleitung, Gastronomie und Wohnen war städtebaulich explizit erwünscht. Das Architekturbüro Nattler aus Essen ging als Sieger aus dem Wettbewerb hervor und hat ein Haus enworfen, das die orthogonalen Blockkanten aufnimmt und eine Abfolge von Räumen vom Vorplatz zum geschwungenen Weg entlang des Supermarktes formuliert. Ein schlanker Kopfbau und der tiefere Baukörper für den Edeka-Markt bilden einen tor-artigen Eingang zum Hiltruper Bahnhof. Die Fuß- und Radwege führen in einem leichten Bogen entlang der Ladenzugänge zum Bahnhof. Im Wohntrakt gibt es mehrere Maisonettewohnungen mit jeweils hundert Quadratmetern Fläche. Von Norden aus erschlossen, wenden sie sich von der lauten Straße ab und öffnen sich gen Süden mit Dachterrassen zur begrünten Dachfläche über dem Edeka-Markt. Die kubischen Baukörper haben Lochfassaden in einem regionaltypischen rotbraunen Klinker-Ton. Die ruhigen, zeitlosen Fassaden fügen sich in die Bebauung von Hiltrup ein und beweisen, dass Wohnhäuser mit Supermarkt nicht wie blasse Discounter-Häuser oder wie mit der Strangpresse erzeugt wirken müssen.

2. Mehrfamilienhäuser in Berlin von zanderroth
Das Vorderhaus schließt die Straßenfassade (Bild: Simon Menges)
Vier Gebäude umschließen einen Gartenhof, der mit unterschiedlichen Oberflächen (kein Wasser!) gestaltet ist (Bild: Simon Menges)
Im beliebten Berliner Wohnquartier Prenzlauer Berg hat eine Bauherrengemeinschaft 51 Wohnungen direkt über einem Supermarkt vom Berliner Büro Zanderroth Architekten entwerfen lassen. Das pa1925 genannte Gebäude liegt in der Pasteurstraße. Auf dem Grundstück befand sich zuvor nur eine unansehnliche, flache Kaufhalle. Das neue Ensemble besteht aus vier Gebäuden, die einen Gartenhof auf dem Dach des Supermarktes umschließen. Das Vorderhaus schließt brav die Straßenfassade, während die drei Gartenhäuser fünf kleinere Höfe bilden, die sich in Größe und Nutzung unterscheiden. Die 3- bis 6-Zimmer-Wohnungen mit einer Größe zwischen 60 bis 200 Quadratmetern erstrecken sich über zwei bis drei Geschosse. Jede Wohnung hat einen Balkon, eine Terrasse, einen Garten auf Bodenniveau – oder auf dem Dach des Supermarktes. Das pa1925 ist eine clevere städtebauliche Lösung für ein dicht bebautes Innenstadtviertel.

3. Paragon von Graft
Paragon Apartments, Graft (Bild: George Messaritakis, Berlin)
Hier wird über einem Biomarkt gewohnt (Bild: Kevin Fuchs)
Ebenfalls in Berlin-Prenzlauer Berg, an der Danziger Straße, haben die enfants terribles der Berliner Architekturszene, vom Büro Graft, ein Wohnquartier mit 217 Mietwohnungen, Gemeinschaftsraum, Kindergarten und Café direkt über einem Bio-Supermarkt entworfen. Der „Paragon Apartments“ genannte Stadtbaustein liegt an der Schnittstelle zwischen der Blockrandbebauung und einer offenen Bauweise und ergänzt einen Berliner Baublock ohne ihn ganz zu schließen. Das „Hybrid aus Blockrand und offener Bebauung“ besteht zur Hälfte aus einem Umbau eines alten Krankenhauses von 1912 und zur anderen Hälfte aus Neubauten.
Mit dem Auto zum Bio-Supermarkt zu fahren, ist eine widersprüchliche Handlung. Die Integration des Bioladens in dem Graft-Bau ist in Berlin, einer Stadt, in der viele Bewohner kein eigenes Auto haben und zu Fuß oder mit dem Fahrrad einkaufen, eine sinnvolle Idee.
Ebenso urban konzipiert ist der Grundkubus, auf dem Grafts Entwurf basiert: Der Zwei-Zimmer-Typus mit nur 37 Quadratmetern Fläche hat einen Wohn- und Schlafbereich, die mit einer Schiebetür verbunden sind. Trotz der reduzierten Raumgröße haben sie Loft-Atmosphäre.

​Handelsketten wie Aldi oder Lidl möchten städtisches Wohnen billiger machen. Ihre bisher vorgeschlagenen siebengeschossigen Riegel mit großem Super-Markt und Parkplätzen davor ist städtebaulich jedoch allenfalls eine Verschlimmbesserung. Die Riesenmärkte mit bis zu 1400 Quadratmetern, die in Berlin im Bau sind, sollen ihre Kunden gewissermaßen gleich mit bauen. „Ein Mehrwert für Berlin“, wie die Lebensmittelhändler ihre ersten architektonischen Gehversuche nennen, ist zugleich eine Reaktion auf den Trend zum Onlinehandel, der auch den Lebensmitteleinkauf erfasst. Ein örtlicher Kundenstamm erspart den Lieferdienst.
​Erste Supermärkte gab es in Deutschland schon in den 1920er-Jahren, aber durchgesetzt hat sich die Selbstbedienung erst nach dem zweiten Weltkrieg, als die Städte funktionsentmischt, locker und autogerecht gebaut wurden. Zum hundertsten Geburtstag des Einzelhandel-Typs ist die Zeit für eine gestalterische Neuerung willkommen!
Aldi-Pläne für Berlin-Lichtenberg (Bild: Aldi Nord)

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