Syd Mead – Future Cities

Falk Jaeger
13. November 2019
Downtown Cityscape, Blade Runner (Bild: © Syd Mead, 1981)

Eine Ausstellung in der Berliner Galerie O&O Depot zu Syd Meads Schaffen führt in die von ihm entworfenen künstlichen Welten.

Zwei Größen haben die Welt der Science-Fiction Filme geprägt. Ken Adam (1921-2016) mit seinen fantastischen High-Tech-Refugien diverser Filmbösewichte, die James Bond als Showdown jeweils katastrophenmäßig spektakulär aus der Welt schaffen durfte. Und Syd Mead (* 1933), der vor allem mit dem Set von Blade Runner den Lieblingsfilm der Architekten geschaffen hat. Der Einfluss des 1982 von Regisseur Ridley Scott herausgebrachten dystopischen Science-Fiction-Films auf viele kulturelle Genres wie Film, Videospiele, Musik und Popkultur ist kaum zu unterschätzen. Er ist hauptsächlich Meads visuellem Design zu verdanken, assistiert von der düster-atmosphärischen Filmmusik, die Vangelis beigesteuert hat. Genesis, Iron Maiden und Kim Wilde sind einige der Protagonisten, die in verschiedener Form auf Blade Runner Bezug nehmen.

Bevor er ins fiktive Fach wechselte, arbeitete Syd Mead in der realen Welt an Produktdesign u.a. für Ford, Chrysler, Sony und Philipps. Zu den bekanntesten Filmen, die er ausstattete, gehören neben Blade Runner auch Star Trek, Tron, Aliens – Die Rückkehr, Mission to Mars und Elysium. Er entwarf ganze Städte und dazu die utopischen Mobilitätskonzepte, Bahnen, Flugapparate, autonome Autos, Raumschiffe, darunter auch Wernher von Brauns ringförmige Orbitalstation, die dann 2013 im Film Elysum zum gigantischen, doppelringförmigen Trabanten mit ganzen Landschaften zum Lebensraum wird. Visueller Futurist, nannte er sich, denn er interessierte sich vor allem für die Ikonographie futuristischer Welten, weniger für Gesellschaftssysteme oder zukünftige Lebensumstände und -zuschnitte.

Cityscape Lightening, Blade Runner (Bild: © Syd Mead, 1981)

Mit seinen Produktdesignentwürfen pushte Mead die Designerkollegen. Als Utopist extrapolierte er existierende Tendenzen. Das neobarocke „Straßenkreuzer“-Design der 1960er-, zum Teil sogar der 1950er-Jahre überzeichnete er lustvoll und führte es damit ad absurdum – so mag man es aus heutiger Sicht empfinden. Andererseits ließ er sich Autos in glatten, dynamischen Formen einfallen, denen man ohne Weiteres Überschallgeschwindigkeit zutraut, schwebende oder aviatisch anmutende Gefährte darunter, die wohl auch fliegen können. Andere Mobilien tendieren im Design zu Batmans Aventador. Die Fahrzeuge in Blade Runner muten wie Hybride aus Rettungswagen und Baufahrzeug an, besetzt mit allerlei rätselhaften Gerätschaften. Das Design oszillierend zwischen Retromaschinenästhetik und Dynamismus. Dieser Dualismus zeigt sich an seiner Lust an atemberaubenden Karossen und dynamischen Sportwagen. Manch einer seiner Autoentwürfe, 1:1 produziert, hätte das Zeug zum Kassenschlager. Andererseits schwelgt er in Technizismus, wie ihn schon Stanley Kubick in 2001 Odyssee im Weltraum mit seinem Raumschiffdesign gezeigt hat. Dann ist sein Urbild nicht der glatte Sportwagen, sondern der Panzer, sichtbar montiert aus Platten, attributiert mit allerlei Aggregaten, Tanks und Antennen.

Future Urban Architecture (Bild: © Syd Mead, 1979)

Es könnte so gekommen sein, ist das Charakteristikum der fiktionalen Entwürfe Syd Meads. Wo andere Filmdesigner hemmungslos ins Fabulieren kommen, entwirft Mead Städte, Fluggerät, Fahrzeuge und andere Technik realitätsnah, mit anschaulichen, plausiblen, funktionalen Formen. Gerade Blade Runner stattete er mit durchaus bekannten Motiven und Detailformen aus. Später nehmen seine Hochhausstädte die Skyline von Abu Dhabi oder Doha vorweg: Ansammlungen von skurrilen Großformen, mal gedreht, mal schräg abgeschnitten, mal dynamisch gerundet, mal kantig, jedes einzelne um Aufmerksamkeit buhlend und in der Summe doch ein chaotisches Einerlei ohne kompositorische Qualität. 

Gänzlich neue Welten waren 2013 für Neill Blokamps düstere Zukunftsvision Elysium gefragt, eine eigene Welt in Form eines riesigen, ringförmiges Raumschiffs. Hier schwelgt Syd Mead in ungehemmtem Technizismus, bedient sich der Motive aus der Welt der Großtechnik, der Ölplattformen, der Großwerften, des Brückenbaus. Solche Szenarien kulminieren in riesigen Chemiefabriken im Inneren des Torus. 

So entwirft er auch „Dienstgebäude“ eher wie Kommandobrücken von Flugzeugträgern, besetzt mit Relings, Kranen, Antennenanlagen. Im Kontrast dazu erholt sich die privilegierte Schicht in Parks à la Malibu und residiert in Villen in der Art französischer Schlösser. Elysium ist als eine Art Paradies ausgestattet, in dem die Oberschicht sich buchstäblich über die überbevölkerte Erde erhebt und weit abgehoben von deren Elend im Orbit lebt. Syd Mead illustriert diesen Kontrast zwischen der strahlenden Raumwelt und den düsteren, abgewirtschafteten Hochhausschluchten auf der Erde in drastischen Bildern.

TRUIA Disco (Bild: © Syd Mead, 1986)

Dabei ist ihm der Schauwert immer wichtiger als die unerhört dynamische Großform, die man gerne futuristisch nennt. Die Lust am Detail ist atemberaubend. Das kinoästhetische Prinzip ist der Überfluss, denn es gibt immer mehr zu sehen, als die Dynamik der Filmsequenz es dem Zuschauer erlaubt zu erfassen. Syd Meads Entwürfe muss man an die Wand hängen, um sie in Ruhe studieren zu können. Das passiert gerade in der Berliner Galerie O&O Depot, die seit 2012 von den Architekten Ortner & Ortner Baukunst im Erdgeschoss ihres Berliner Büros betrieben und von Markus Penell, einem der Gesellschafter, programmatisch betreut wird. Sie präsentiert vor allem aktuelle bildende Künstler.

Die Syd Mead-Ausstellung konnte in Kooperation mit dem Unternehmer Marc F. Kimmich (COPRO) realisiert werden. Kuratiert hat der Berliner Filmemacher und Kommunikationswissenschaftler Boris Hars-Tschachotin, der 2014 bereits die Ken Adam-Retrospektive im Deutschen Filmmuseum kuratiert hatte. Zu sehen sind 33 Originalzeichnungen und Gouachen, eine Auswahl von Entwürfen urbaner Räume für verschiedene Auftraggeber sowie, zweifelsohne im Mittelpunkt des Interesses, die ikonischen Zeichnungen für Blade Runner. Der Film spielt im verregneten November 2019 in den bedrohlichen Hochhausschluchten des apokalyptischen Los Angeles. Irgendwie tröstlich, dass der Blick aus dem Fenster der Galerie im realen November 2019 noch immer das beschauliche, 130 Jahre alte Charlottenburg zeigt, und auch in Los Angeles scheint Scotts und Meads Dystopie ja noch etwas auf sich warten zu lassen. 

SYD MEAD - FUTURE CITIES

14. November 2019 bis 16. Januar 2020
Öffnungszeiten: Mo–Fr 15–19 Uhr und nach Vereinbarung
Ort: O&O Depot, Leibnizstr. 60, 10629 Berlin-Charlottenburg
Vernissage: 14. November 2019, 19 Uhr

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