Über Leben und Werk Konrad Wachsmanns

Spekulatives Denken

 Ulf Meyer
28. November 2018
Die sechs Meter hohe Grapevine-Skulptur in den venezianischen Giardini 2018 (Bild: Marianne Burkhalter)
Marianne Burkhalter und Christian Sumi haben auf der vergangenen Biennale in Venedig den Architekten Konrad Wachsmann mit einer Skulptur ins Sichtfeld der Besucher gerückt. Mittlerweile entdeckt eine neue Generation sein Schaffen.
Das Leben von Konrad Wachsmann bleibt trotz intensiver Erforschung rätselhaft, seine Karriere wirkt (nur) auf den ersten Blick wie ein großer Flop: Fast ohne relevantes gebautes Oeuvre erscheint Wachsmann als Opfer seines eigenen sozialen Geschicks. Er war mit absolut jedem bekannt und befreundet, der in der Entwicklung der Moderne – egal auf welchem Kontinent – eine Rolle gespielt hat, konnte denken, sprechen, charmieren und fotografieren. Aber ist es allein den Wirren des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts geschuldet, dass sich seine brillanten Konzepte partout nicht in nachhaltige Gebäude übertragen ließen?
burkhalter sumi architekten: reconstruction of the Grapevine Structure (Bild: © Burkhalter Sumi Architekten, Zürich)
Eine neue Generation von Architekten entdeckt derzeit in der Schweiz und anderswo das Erbe von Wachsmann. Speziell ein – nur scheinbar – kleiner Aspekt der Wachsmann’schen Tragwerks-Tüfteleien aus der amerikanischen Zeit hat es zwei Schweizer Architekten angetan: Marianne Burkhalter und Christian Sumi aus Zürich haben die „Grapevine Structure“ von Wachsmann wiederentdeckt und daran faszinierende und bahnbrechende Aspekte herausgestellt: In einem neuen und schön gestalteten Buch haben Burkhalter/Sumi ihre Fragen und Antworten zusammengefasst und neue Aspekte herausgekitzelt. „Grapevine“ ist ein geometrisch komplexer Weinreben-artiger Tragwerksentwurf – und zugleich ein Wortspiel: Etwas „durch die Rebe zu hören“ heisst im Amerikanischen auch, einem Gerücht zu erliegen. Marvin Gaye sang in seinem Hit „I Heard It Through the Grapevine“: „People say believe half of what you see, Son and none of what you hear. But I can't help but be confused“.

Es scheint, als hätten Burkhalter/Sumi diesen Schlagertext zum Leitfaden ihrer Recherchen gemacht. Denn zunächst einmal glaubten sie nichts von dem, was man gemeinhin über Wachsmann in der Geschichtsschreibung der modernen Architektur findet: Aus Frankfurt/Oder stammend hat Wachsmann (1901–1980) sich zeitlebens mit Fragen der Konstruktion und Vorfabrikation beschäftigend nach Süd-Kalifornien vorgearbeitet. Architektur und Stadt haben ihn nicht interessiert, sondern allein modulare Fertig- und Elementbauweisen. Ab 1926 war er Architekt des Holzbau-Unternehmens Christoph & Unmack AG in Niesky in der Oberlausitz. Wachsmanns bekanntestes Bauwerk blieb dennoch das Einstein-Haus in Caputh bei Potsdam. Als Jude musste Wachsmann 1941 (mit Unterstützung Einsteins) über Frankreich in die USA fliehen, wo die geballte europäische Avantgarde der Moderne sich wiedersah.

​Wachsmann gilt aber auch als Übervater der Hi-Tech-Architektur und industriellen Vorfertigung in der Baukunst wie Norman Foster, Renzo Piano und Richard Rogers sie in den 1980er-Jahren groß gemacht haben. Die „Grapevine Structure“ von 1953 hat Wachsmann mit Studenten des Chicago Institute of Design entwickelt. Zur selben Zeit trieben ihn das letztlich erfolglose „Packaged House System“, ein Fertighaus in Holzbauweise, da er mit Walter Gropius entwarf und Entwürfe für den militärich-industriellen Komplex in Amerika um: Unter seiner Anleitung entstand 1943 auf einem Militärgelände in Utah das „Deutsche Dorf“, ein Nachbau von Berliner Mietskasernen, an dem Spreng- und Brandbomben getestet wurden. Wachsmann entwarf Konstruktionssysteme für große freitragende Flugzeughangars, die von der US-Luftwaffe finanziert wurde.
Nine hinges (Bild: © Akademie der Künste, Berlin, Konrad-Wachsmann-Archiv)
Als „Wendepunkt im Bauen“ gelten Wachsmanns Experimente aber vor allem, weil der Ingenieur-Architekt erstmals voraussah, dass die Vorfertigung von Bauteilen in der Fabrik und ihre automatisierte Montage auf der Baustelle den herkömmlichen Baubetrieb komplett verdrängen könnten. Wachsmanns Publikation „Wendepunkt im Bauen“ von 1959 gilt als epochales Manifest für die Industrialisierung des Bauens. Zehn Jahre später entwickelte Wachsmann einen „Local Orientation Manipulator (LOM)“, eine Apparatur für den Zusammenbau von Fertigbauelementen. Wachsmann strebte zeitlebens die universelle Verwendbarkeit der Komponenten seiner Konstruktion an. Mit wenigen Teilen sollte eine breite Vielfalt an Konstruktionsmöglichkeiten erzielt werden. Wachsmann schuf die Grundlagen zur Fügung standardisierter Elemente für weit gespannte Raumtragwerke, aber umsetzen konnte er sie nie.

Sein Lebenswerk war die Suche nach dem „universellen Knotenpunkt“ – und ein solcher ist der Weinreben-Punkt. Auf der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig haben Burkhalter Sumi vor der Hauptausstellung in den Giardini eine sechs Meter hohe, totempfahl-ähnliche Grapevine-Skulptur auf einem Schraub-Fundament aufstellen lassen, die auf der Konstruktion Wachsmanns mit acht mal drei rotierenden Beinen basiert und bisher nur in Zeichnungen existierte. In dem Buch, aber auch in eindrücklichen Projekten, die anlässlich der Buchpräsentation im Zürcher Buchladen Never Stop Reading zu sehen waren, erscheinen die Möglichkeiten der Präfabrikation plötzlich unendlich: Denn erst mit den computergesteuerten Entwurfs- und Fertigungsmethoden unserer Zeit und dem „rapid prototyping“ wird maschinelle Produktion individuell gestalteter Formen wirtschaftlich.
Konrad Wachsmann: Wohnhaus für Dr. Estrich im brandenburgischen Jüterborg (Bild: Konrad-Wachsmann-Archiv)
Industrialisierung, Vorfertigung und Systembau haben seit den 1990er-Jahren neue Bedeutung und Wachsmann erscheint als ihr Prophet. Selbst für das Bauen mit Robotern gibt es bei Wachsmann bereits erste Ansätze. Heute erhofft man sich vom Einsatz der Robotik in der Baukunst, vom Standard abweichen zu können. Aber auch der Umkehrschluss ist erlaubt: Je mehr Augenmerk auf Wachsmann, den „Designer von Bauelementen“ gelegt wird, desto wertvoller erscheint sein einziges „echtes“ Haus, das nicht wie ein Produkt aus Produkten aufgefasst wurde: Wachsmanns erster gebauter eigener Entwurf war das Wohnhaus für Dr. Estrich in Jüterbog in Brandenburg. Das Haus im Kanon der gemäßigten klassischen Moderne wurde 1930 als Wohnhaus mit Arztpraxis an der Altstadtmauer mit Wehrturm gebaut. Bauherr „Georg Estrich war ein Vegetarier und Sonnenanbeter, liebte Nacktbadestrände und lief in den Ordinationsräumen in kurzen Hosen herum“, sagte Wachsmann damals über den Bauherren seiner ersten eigenen entwurflichen Gehversuche.

​Von dort bis in die kalifornische Rüstungsindustrie führte einer der wohl kuriosesten Lebenswege eines deutschen Architekten der Moderne, der noch viel Stoff für Entdeckungen bietet. „Als Influencer würde man Konrad Wachsmann heute wohl bezeichnen“, so das Resümee von Christian Sumi am Ende seiner verdienstvollen Auseinandersetzung mit dem ostdeutschen Architekten und Erfinder: „Von Wachsmann kann man nicht das Bauen, aber das spekulative Denken lernen!“

  Konrad Wachsmann and the Grapevine Structure

Hrsg. Marianne Burkhalter, Christian Sumi
Englisch
Park Books, Zürich 2018

152 Seiten, 181 Abbildungen
23 x 32 cm
Flexicover

ISBN 978-3-03860-110-4
 

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