Kulturerbe an der Ostsee

Katinka Corts
26. Juni 2019
Die Schalenbauten von Ulrich Müther (1934–2007) waren zu DDR-Zeiten Exportschlager, die Zeugnisse der DDR-Nachkriegsmoderne haben in Deutschland aber (noch) keinen guten Stand. (Foto: Müther-Archiv Wismar / Jahnke)

Ulrich Müthers Bauten sind bekannt für ihre filigranen Schalendächer und ziehen sich wie eine Perlenkette vor allem entlang der ostdeutschen Küste. Das Vermächtnis des tüftelnden, rechnenden und frei experimentierenden Schalenbauingenieurs hütet an der Hochschule Wismar Matthias Ludwig. Um Müthers baulichen Nachlass steht es nur in wenigen Fällen gut, die Akzeptanz der DDR-Schalen und der Willen zur Erhaltung wachsen aber.

Matthias Ludwig kam vor 18 Jahren nach Wismar, als Dozent berufen an die Fakultät Gestaltung, Bereich Entwerfen und Architektursimulation. Ulrich Müther (1934–2007) sei ihm damals nicht unbekannt gewesen, auch „im Westen“ hatte man unter Fachleuten schon von dem Schalenbauingenieur aus Ostdeutschland gehört. Schalenbau war schließlich einer der wenigen Exportschlager der DDR. Für Müthers Bauten bekam die DDR zum Beispiel aus Libyen Öl und für die Zeiss-Sternwarte in Wolfsburg 10‘000 VW Golf. Über die Jahre fanden Müthers Werke ihren Weg in die Welt, und das nicht nur in die sozialistisch befreundete. 1966 war Müther dank der guten Beziehungen seines Professors, Ingenieur Hermann Rühle, zur Bauausstellung nach Budapest gereist und hatte Jörg Schlaich (*1934), Josef Eibl (*1936), Stefan Polónyi (*1930) und Heinz Isler (1926–2009) kennen gelernt.

Buswartehäuschen in Binz (Foto: Müther-Archiv Wismar)
Versuchsschale, Binz (Foto: Müther-Archiv Wismar)

Frei Otto – 1964 hatte er das Institut für Leichte Flächentragwerke (IL) an der Technischen Hochschule Stuttgart gegründet – kannte Ulrich Müther ebenso persönlich. Jahre später war Matthias Ludwig am Institut für Baukonstruktion I  der TH Stuttgart Assistent und hörte dort von Ulrich Müther. „Als ich nach Wismar kam, habe ich die Bauten Müthers an der Ostseeküste erstmals gesehen“, so Ludwig. „Aber sie waren fast alle in einem bedauerlich schlechten Zustand.“ Von einem Studenten, der zu dieser Zeit bei Müther im Praktikum arbeitete, erfuhr sein Kollege Georg Giebeler im Jahr 2006, dass der mittlerweile 71-jährige Ingenieur eine neue Bleibe für sein in Prora gehütetes Archiv suchte und seinen Nachlass der Wissenschaft übergeben wollte. 

Im Februar desselben Jahres hatte ich Ulrich Müther in Prora getroffen, das Archiv war dort auf mehrere kleine Räume verteilt. Trocken und sauber, meinte Müther damals zu mir, aber es müsse alles sortiert werden, und da sei er mit Helfern dran. Diese Mammutaufgabe, das eigene Lebenswerk aus vielen Jahrzehnten Bautätigkeit im In- und Ausland zu sichten und zu katalogisieren, schien kaum zu bewältigen. Planrollen neben vollen Planschränken, Regale voller kleiner und großer Modelle aus faserarmiertem Kunststoff und anderem Material, Messgeräte und Computerdaten hatten sich angesammelt. 

Damals arbeitete Müther noch als Ingenieur, meist in beratender Funktion – die fachliche Kompetenz des Ingenieurs, der zu DDR-Zeiten mit seiner Firma Aufträge für Schalenbauten ausgeführt hatte, war enorm. An der Hochschule Wismar wollte man das Archiv gern übernehmen, wenn auch zunächst weder Räumlichkeiten noch Finanzierung geklärt waren. Für Müther dennoch eine Erleichterung, zumindest seinen Nachlass in Sicherheit zu wissen. 

Schwimmbad Cliffhotel, Baabe, 2006 (Foto: Katinka Corts)
Auf das Lehrgerüst, das den Trichter formt, wurde mit dünnen Holzlatten die Schalung für die Betonmembran gelegt. (Foto: Müther-Archiv Wismar)

Neben all den verfallenden Schalen zwischen Rügen und dem Erzgebirge konnten nur wenige Schalenkonstruktion in neuem Glanz erstrahlen – darunter mit dem Strandwachturm von Binz auch eine der kleinsten. Der Turm, ursprünglich einer von zweien am Rüganer Ostseestrand, war 2003 außer Betrieb gestellt worden, hatte Müther dann bis 2007 als kleines Büro gedient und war später umfassend von der Gemeinde Binz saniert worden. Der Grund: Immer mehr Menschen wollten im Turm in der Binzer Bucht mit Blick auf Strand und Ostsee heiraten. Zunächst mit Einzelbewilligung, später als feste Außenstelle des Standesamtes, wurde der im Grundriss 5.5x5.5m großen Konstruktion neues Leben eingehaucht. Ein Standesamt schafft Akzeptanz, eine Gemeinde als Besitzerin Sicherheit – so darf der ehemalige Strandwachturm als Symbol für nette, freundliche Nachkriegsarchitektur aus DDR-Zeiten weiterbestehen. „Manchmal hilft eben auch der Zufall und führt zu neuen Dynamiken“, interpretiert es Matthias Ludwig. „Wenn eine Gemeinde merkt, dass sie mit einem neuen Konzept sogar Geld verdienen kann, funktioniert eine Umnutzung erstaunlicherweise gut und schnell.“

Die angekippte Hyparschale von Glowe ist baugleich in Eberswalde und Hohenfelden errichtet worden. (Foto: Müther-Archiv Wismar)
Ostseeperle Glowe, Innenzustand während des Umbaus, 2006 (Foto: Katinka Corts)

Der Strandwachturm war eines der ersten Gebäude, die relativ originalgetreu wiederhergestellt wurden und nun neu bewirtschaftet werden. Anderen Bauten sind schwierigere Schicksale nicht erspart geblieben – allen voran das Berliner Ahornblatt, das kurz nach der Wende abgerissen wurde. Der Warnemünder Teepott ist zwar erhalten, muss aber dringend saniert werden. Um das Vorhaben tobt ein Streit, das Gebäude steht auf Erbpacht, der Besitzer will auch den Grund sein Eigen nennen, bevor er die errechneten 20 Millionen Euro investiert. Wie hier saniert würde und ob es der Schale zuträglich wäre, steht dabei noch nicht einmal fest – im Inneren haben verschiedene Vorbesitzer über die Jahre mit Leichtbauwänden und neuen Unterteilungen die eigentliche Idee des Baus zunichtegemacht. Zwar ist die Grundsubstanz der Schale nicht zerstört, aber viele Teile des originalen Innenausbaus sind verloren gegangen, so die von Künstlern gestaltete Fassade und ein Rundbild im Inneren. „Heute hätte man das alles nicht mehr weggeworfen“, so Matthias Ludwig. „Wäre man damals auf dem heutigen Wissensstand gewesen, wäre vermutlich vieles anders gelaufen.“

Der Teepott an der Mole von Warnemünde ist vielen Urlaubern bekannt. (Foto: Gieratz / Müther-Archiv Wismar)
Das Ahornblatt im Wohngebiet Fischerinsel Berlin, abgerissen 2000 (Foto: Foto: Müther-Archiv Wismar)

Doch der Archivleiter weiß auch Erfreuliches zu berichten: Der Leiter einer Binzer Schule, für die Müther einst eine Sporthalle baute, ließ sich von Ludwig zu Konzepten beraten. Abriss und Neubau standen im Raum, der Bau ist nicht denkmalgeschützt. Im Gespräch kamen die beiden auf eine andere Lösung, die mit einer neuen Sporthalle auf dem Schulgelände und der Umnutzung der Schalenkonstruktion für andere schulische Nutzungen einhergeht. „Wir beraten gern potentielle Nutzer, denn mit dem Archiv können wir viele Ideen und Daten zum Originalbau beisteuern“, so Ludwig. An der Wismarer Hochschule ermöglichte zunächst die interne Forschungsförderung einen ersten Aufschluss des Archivs, mittlerweile werden Archiv und drei feste Mitarbeiter vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Was neben der Digitalisierung und Katalogisierung der Bestände bei der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit hilft, ist auch das Engagement der Wüstenrot-Stiftung. Diese sanierte von 2016 bis 2018 zwei Projekte auf Rügen, die Kurmuschel in Sassnitz und eben jenen Rettungsturm 1 der Strandwache in Binz. Nun soll die unter Denkmalschutz stehende Magdeburger Ausstellungshalle am Heinrich-Heine-Weg (gebaut 1969) von der Stadt Magdeburg saniert werden. In Templin setzt sich die Stiftung Denkmalschutz für den Erhalt der Hyparschale ein, unter der früher die Speise- und Tanzgaststätte Bürgergarten beheimatet war.

Die Potsdamer Seerose beherbergt heute ein spanisches Restaurant. (Foto: Koerwien / Müther-Archiv Wismar)
Der Musikpavillon in Sassnitz wurde kürzlich sorgfältig saniert. (Foto: Müther-Archiv Wismar / © Thomas Knappheide)
Sonderbauten sinnvoll umnutzen

Alles steht und fällt immer wieder mit der Nutzung solcher Sonderbauten, die nicht alle zum Museum oder zur Galerie erklärt werden können, erst recht nicht in einer wirtschaftlich schwachen Gegend wie Mecklenburg-Vorpommern. So hängt die Zukunft der Mütherschalen ständig davon ab, ob die Pizzeria oder der Grieche darin funktionieren und ob das Haus von der Bevölkerung akzeptiert und neu entdeckt wird. Das wohl schwierigste Beispiel zum Thema Umgang ist das Restaurant Seerose in Potsdam, das Innen an eine Geisterbahn erinnert: Alle Wände sind schwarz gestrichen, rustikale Holzbretter kleben an den Wänden, flammend rote Sitzmöbel stehen im Raum und ein Stierkopf hängt an der Wand – ein spanisches Steakhaus. 

Einen anderen Zugang zeigen das ehemalige Strandrestaurant Ostseeperle in Glowe und das frühere Kinderferienlager in Borchtitz. Die Ostseeperle ist heute der Restaurantbereich eines neu daneben stehenden Hotels, beides über einen seitlichen Zugang miteinander verbunden. Die Bungalowbauten des Ferienlagers gehören Privatleuten aus Hessen, die daraus Luxusferienhäuser gemacht haben. Bei so manchen Projekten kann man sich kaum weiter vom Original entfernen, inhaltlich wie optisch. Dennoch: Diese Bauten sind erstmal gerettet. Und betrachtet man es mit Müthers Gelassenheit, kommt mir einer seiner Sprüche in Erinnerung: „Man kann das ja auch wieder rausreißen.“

Strandwachturm 1, Binz (Foto: Jahnke / Müther-Archiv Wismar)
Im Strandwachturm war später Müthers Repräsentationsbüro, heute ist der Raum eine Außenstelle des Standesamtes. (Foto: Müther-Archiv Wismar)

Heute haben vor allem die vielen Bauten entlang der Ostseeküste Rügens keinen guten Stand, da der Denkmalschutz bei DDR-Bauten zu schwach ist – und zu kompromissbereit. Nach langem Leerstand und Vandalismus folgte in den vergangenen Jahren oft die Privatisierung. „Und wenn ein solches Gebäude dann noch denkmalgeschützt ist, traut sich oftmals kein Investor an das Objekt ran“, weiß Ludwig. „Ginge es um einen Schinkelbau, wäre es keine Frage; selbst Prora ist mittlerweile vermittelbar. Doch bei moderner Nachkriegs-Architektur wird es schwierig.“

Die Bauten Ulrich Müthers stammen aus einer Zeit, in der Material teuer und Arbeit billig waren. Die geringe Überbauungsdichte in fantastischen Lagen und die aufwendige Bauweise der Schalen würden sich heute nur schwer rechtfertigen lassen. Und gerade deshalb sollten die noch erhaltenen Bauten dieser DDR-Nachkriegsmoderne nicht vergessen und stattdessen besser geschützt werden.

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