Gelesen: Urlaubsarchitektur 2019

Katinka Corts
2. Oktober 2019
Blick ins Buch (Foto: Emin Homalioglu)

Bisher sind wir noch gar nicht dazu gekommen, Ihnen die diesjährige Ausgabe „Urlaubsarchitektur“ vorzustellen. Das holen wir jetzt nach, denn auch im Herbst lässt es sich gut reisen – und dabei sollte man schließlich auch gut wohnen.

Der immer noch vorherrschende „Mangel an hochwertiger Architektur“ ist es, der die Macher*innen von „Urlaubsarchitektur“ antreibt. Das vor mittlerweile zwölf Jahren gegründete, gleichnamige Internetportal listet heute 535 Unterkünfte aus 27 Ländern auf, wobei Deutschland und Italien mit am besten vertreten sind. Jan Hamer, deutscher Architekt und Gründer der Plattform, verbreitet die digital auffindbaren Schätze aber auch analog. Das nunmehr siebte Buch des Verlages stellt auf 250 Seiten 34 neu in der Sammlung aufgenommene Objekte vor. „Viele Partnerhäuser aus unserem Netzwerk liegen in eher ländlichen Regionen“, liest man in den einleitenden Zeilen für das aktuelle Buch. „Dort hochwertige Gastgeberkultur und -architekturen verortet zu wissen, erachten wir als kleine, wertvolle Schritte in Richtung zukunftsweisender Reiseangebote.“ Tatsächlich kann man anhand der Häuservorschläge an Orte gelangen, die ziemlich sicher nichts mit Massentourismus und Überfüllung zu tun haben.

Blick ins Buch (Foto: Emin Homalioglu)

Bevor man im Buch zu den eigentlichen Objektbeschreibungen vorstößt, leitet ein Essay von Tina Barankay in das Thema Design und dessen Wirkung auf uns ein. Bei der Suche nach dem unverwechselbaren Design treffe man oft auf Mode- oder Produkttrends, die nach kurzer Zeit wieder vorbei sind. Die dahinter liegenden „Megatrends“ wirkten hingegen auf globaler Ebene und betreffen alle Bereiche unseres Lebens. Die gegenseitige Beeinflussung von Design und Gesellschaft betrachtet Barankay bezogen auf die Formensprache des Bauhauses, auf etabliertes skandinavisches Design und die regelmäßig wiederkehrende Vintage-Bewegung. Sie schließt mit dem Gedanken, dass für eine gute Ästhetik jedoch nicht die starre Verfolgung einer Richtung entscheidend sei, sondern das feine Zusammenspiel einzelner Design-Objekte, aus dem guter Stil entstehen kann – und den sie auch in den Häusern, die Urlaubs-Architektur zeigt, sieht.

Blick ins Buch (Foto: Emin Homalioglu)

Im Hauptteil ist jedes der 34 Urlaubshäuser in einem kurzen Text in deutscher und englischer Sprache beschrieben. Verschiedenformatige Fotografien zeigen das jeweilige Gebäude im Inneren, aber auch dessen Einbindung in seine Umgebung und Ausblicke aus dem Haus. Da sich die Macher*innen von „Urlaubsarchitektur“ nicht als Verwalter einer Buchungsplattform sehen, ist zu jedem Objekt lediglich eine Website-Adresse angegeben, über die man die Zuständigen kontaktieren kann. Den Reigen der Urlaubshäuser eröffnet das Light House im dänischen Århus, nach ihm folgen 14 Objekte aus Deutschland und weitere aus insgesamt zehn Ländern.

Blick ins Buch (Foto: Emin Homalioglu)

Im abschließenden Essay „Facetten des Minimalismus“ erläutert Hubertus Adam, ausgehend vom Wirken Alain de Bottons als Gründer der Stiftung „Living Architecture“, welche Rolle qualitativ hochstehende, wohlkomponierte Architekturen innehaben. Das Life House bei Llanbister nennt er dafür exemplarisch und schreibt, „nichts wurde gescheut, um Reduktion und Verzicht zu inszenieren.“ Die klare Entscheidung des und der Einzelnen für andere Formen des Tourismus als Ferien im „Kettenhotel eines Konzerns“ kann als „bewusster Tourismus“ positive Auswirkungen haben. 

Als Beispiele dafür führt er zunächst das Momonoura Village auf der japanischen Halbinsel Oshika an, später das Yoshino Cedar House am Fluss Yoshino. Ersteres ist gestaltet von Atelier Bow-Wow und soll sanften Tourismus in der Region fördern, die 2011 vom Tsunami zerstört wurde. Neben den Unterkünften können Touristen hier in Vorträgen oder bei Exkursionen mehr über die Folgen des Erdbebens und den Neuaufbau der Region erfahren.   
Initiator des Yoshino Cedar House ist Kenya Hara, ein bekannter Grafiker und Designer in Japan. Mit Architekt Go Hasegawa, Joe Gebbia von Airbnb und der lokalen Bevölkerung des Dorfes Yoshino entwickelte er das Projekt, das nicht nur als Gästeherberge, sondern auch als Gemeinschaftszentrum funktioniert.  
Auf den letzten Seiten des Buches sind auf unterschiedlich skalierten Überblickskarten alle Häuser verortet, die „Urlaubsarchitektur“ in den letzten Jahren „gesammelt“ hat. Schwarz unterlegt sind jene, die sich im Buch finden; alle weiteren sind im Anhang gelistet. Mit Faden geheftet und in Leinen gebunden macht das Buch optisch wie haptisch einen sehr guten Eindruck – ein inspirierendes Coffee-Table-Buch.

Blick ins Buch (Foto: Emin Homalioglu)

Urlaubsarchitektur 2019

Urlaubsarchitektur 2019
Anke Steinweg, Britta Krämer, Ulrich Knoll, Hubertus Adam, Tina Barankay

26 x 19 cm
250 Seiten
gebunden, Leineneinband
ISBN 9783981736755
Edition URLAUBSARCHITEKTUR, Jan Hamer (Hrsg.)
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