Eine Stadt sucht ihre Moderne

20. September 2017
Stalinallee und Hansaviertel – gemeinsam soll die neuerliche Bewerbung als UNESCO-Weltkulturerbe gelingen (Bild: Veranstalter)
Das Hansaviertel im Westteil Berlins und sein östliches Pendant, die Karl-Marx-Allee, sollen als ungleiches Paar Eintrag in die Pariser UNESCO-Liste finden. Es ist der zweite Versuch.
Auf die UNESCO-Weltkulturerbe-Liste wollen viele – und wenn es mit dem Antrag nicht klappt, muss eine internationale Konferenz her, um Kompetenzen und Ratschläge einzuholen. So geschehen in Berlin diesen September: Der erste Antrag, Hansaviertel und Karl-Marx-Allee aufzunehmen, war zürückgestellt worden. Die mehrtägige, internationale Konferenz zum Thema „Moderne neu denken. Architektur und Städtebau des 20. Jahrhunderts – zwischen Avantgarde und Tradition“ soll dazu dienen, den zweiten Versuch nicht abermals scheitern zu lassen. 

Die ganze „Moderne neu zu denken“ – nun, das wäre ein vermessener Anspruch für eine Konferenz dieser Art. Tatsächlich sollte nur der UNESCO-Antrag neu gedacht werden. Aber der hat es in sich, weil er die ganze ideologische Aufladung des 20. Jahrhunderts und damit der Moderne enthält und zusätzlich das unerschöpfliche Thema „Tradition vs. Progress“ damit verknüpft. Die Veranstaltungsorte der Konferenz, die Akademie der Künste im Westen (von Düttmann) und das Berlin Congress Center im Osten (von Henselmann) waren entsprechend passend gewählt.

Doch allein mit rhetorischer Kosmetik und wissenschaftlicher Vertiefung ist es bei der neuerlichen Antragstellung vermutlich nicht getan. Es geht um Grundsätzlicheres: Die Karl-Marx-Alle hieß zur Bauzeit noch Stalin-Allee – und dies ist nur ein kleiner Hinweis darauf, dass die UNESCO-Bewerbung so schwierig ist, weil es um große Themen der Geschichte und Vergangenheitsbewältigung geht. Sollte eine Triumph-Achse, die gewaltsam in die Stadt gebrochen wurde um einem der größten Schlächter-Diktatoren des vergangenen Jahrhunderts zu huldigen, zum kulturellen Welterbe werden? Vermutlich ja. Denn Denkmäler haben nicht nur ausnahmsweise unschmeichelhafte politische Ursprünge.
Die beiden städtebaulichen Ensembles
Berlin verfügt über zwei herausragende Manifeste der politischen und ästhetischen Konfrontation der 1950er-Jahre: Die 1951 bis 1958 errichtete Stalinallee und die Interbau 1957.
Die Stalinallee ist ein prominentes Beispiel für den „Sozialistischen Klassizismus“ und wurde zum 70. Geburtstag Josef Stalins als Via Triumphalis konzipiert. Seit 1961 heißt sie – etwas unschuldiger – „Karl-Marx-Allee“. Die städtebauliche Idee war es, „Arbeiterpaläste“ nach dem Muster sowjetischer Monumentalarchitektur mit dem „dekorativen regionalen Historismus“ von Hermann Henselmann zu vereinen. Im Zentrum der Straße wurde 1951 ein 4,80 Meter hohes Stalindenkmal aus Bronze enthüllt, das allerdings schon zehn Jahre später wieder eingeschmolzen wurde. Der zwei Kilometer lange Boulevard, gesäumt von monumentalen Wohnblöcken mit bis zu 13 Stockwerken, war auch für Militär-Paraden und als Protokollstrecke bei Staatsbesuchen gedacht.
Im direkten Vergleich mit der „Interbau – Internationale Bauausstellung“ im Westen ist der „Wettstreit der politischen Systeme“ greifbar. Am westlichen Tiergartenrand wurden damals 53 dezidiert moderne Architekten aus 13 westlichen Ländern mit der Neugestaltung des Hansaviertels auf Grundlage der Charta von Athen beauftragt. Der Westteil Berlins hatte es eilig, an die klassische Moderne der Vor-Nazi-Zeit anzuknüpfen und auch ästhetisch in den Kreis der westlichen Nationen zurückzukehren. Unter Leitung von Otto Bartning wurde das neue Stadtquartier streng nach den funktionsentmischten Kriterien der Moderne geplant und mit hochkarätigen Solitären gespickt.

​Pikant wird der Vergleich der beiden Areale in Ost und West erst angesichts seiner Widersprüche und Wechselwirkungen: Im Westen war mit Oscar Niemeyer beispielsweise ein bekennender Kommunist am Werk, während im Osten in der dritten Bauphase der Allee plötzlich auf eine vulgarisierte Bauhaus-Moderne umgeschwenkt wurde: Im Zuge der „nachgeholten Moderne“ im Osten wurden 1959 bis 1969 kantige Plattenbauten entlang der Allee gebaut, von den Ursprungsideen war plötzlich nichts mehr wahr. Nach der politischen Wiedervereinigung wurde die ehemalige Stalinallee großenteils von privaten Investoren gekauft. Dass „Hotel Berolina“ wurde 1996 abgerissen. Eine „Nachverdichtung“ droht. Derlei bauliche Änderungen schaden der Bewerbung um den UNESCO-Status. Der Antrag des Landes Berlin im Jahr 2013, zwei Abschnitte der Karl-Marx-Allee und alle Zeugnisse der Interbau für die Nominierung bei der UNESCO vorzuschlagen, schlug fehl.
«Welterbekonvention massiv politisiert»
Zu den Rednern der Berliner Konferenz gehörten Berliner Größen der Architekturgeschichte und Denkmalpflege, aber auch internationale Experten aus Tel Aviv, Weißrussland, Polen, Russland, Österreich, Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz. Sie beleuchteten ein Übermaß an Beispielen der 50er-Jahre Architektur in Ost- und Westeuropa. Welche Ratschläge sind aus den Referaten abzuleiten? Der UNESCO geht es mit ihrem Weltkulturerbe-Label um „fassbare Werte“. Dass die ehemalige Konfrontation der politischen Systeme nun „gemeinsames Erbe“ einer wiedervereinigten Stadt werden soll, mag sie nicht beeindrucken. Wittern die Juroren eine kulturelle Adelung des Stalinismus‘? Nach Meinung von Birgitte Ringbek vom Auswärtigen Amt ist die „Welterbekonvention derzeit massiv politisiert“. Das städtebauliche ungleiche Berliner Zwillingspaar ist zwar „Ausdruck des „Kalten Kriegs“, aber damit kein inner-deutsches Phänomen, sondern eine Erinnerung an eine weltweit prägende Ära, wie Bernhard Furrer aus Bern, Mitglied des Landesdenkmalrats Berlin bemerkte. Im geteilten Korea sind die Spannungen bis heute spürbar. Dass Berlin sein Gedenken an die Mauer nicht überzeugend organisieren kann, führt zur Überlegung die verbliebenen Mauer-Gedenkstätten zum UNESCO-Weltkulturerbe machen zu wollen, um an den Kalten Krieg zu erinnern. Die beiden „Siedlungen“, wie die Denkmalpfleger sie wohl angesichts ihres un-städtischen Charakters nennen, wurden jedoch vor dem Mauerbau geplant und den „Streit zwischen Tradition und Moderne“ gab es schon in den 1920er-Jahren, wie Marieke Kuipers von der TU Delft zu recht bemerkte.
Das Erbe des 20. Jahrhunderts ist auf der UNESCO-Welterbeliste noch völlig unterrepräsentiert, besonders städtebauliche Ensembles der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Diese „Lücke“ der Welterbeliste könnte schon bald durch die Nominierung von städtebaulichen Denkmalen aus post-sozialistischen Ländern geschlossen werden. Diskutiert wird derzeit ein „serieller Antrag“, der eine ganze Gruppe von Ensembles umfasst. Das „doppelte“ Berlin und seine Nachkriegsmoderne blieben dennoch ein Sonderfall: Moderne und Gegen-Moderne, radikale und gemäßigte Moderne, Avantgarde und Gegen-Avantgarde spielen bis heute in der zeitgenössischen Architektur eine riesige Rolle.

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