Der Holzbau EDGE Südkreuz in Berlin

Ein smarter Prototyp

Falk Jaeger
13. Juli 2022
Foto © Ilya Ivanov / Tchoban Voss Architekten

Der Boom lässt auf sich warten. Der Holzbau hat noch nicht den Aufschwung genommen, der ihm vor zwei Jahrzehnten vorausgesagt (und gewünscht) worden war. Die Gründe sind vielfältig. Die Veränderung und der Neuerlass der einschlägigen Vorschriften verlaufen schleppend. Holzbausysteme sowie deren Produktionsweisen erweisen sich in der Entwicklung als komplizierter als erwartet. Und schließlich ist es noch nicht gelungen, die Kosten durch Mengenfertigung auf ein konkurrenzfähiges Niveau zu senken. Auch die gegenwärtige Steigerung der Bauholzpreise trägt dazu bei, dass sich der Durchbruch beim Holzbau neuerlich verzögert.

Holzbauvorhaben in der Dimension des zweiteiligen Büroensembles EDGE in Berlin sind noch immer die Ausnahme. So kann der größere der beiden, das Carré, als „auf lange Sicht flächenmäßig das größte freistehende Holz-Hybrid-Gebäude in Deutschland“ beworben werden. Das Projekt unmittelbar westlich des Fern- und S-Bahnhofs Südkreuz ist Teil der Quartierentwicklung rund um den Verkehrsknoten Südkreuz auf dem Gelände der sogenannten „Schöneberger Linse“, einem linsenförmigen, von Bahnstrecken und Verkehrsschneisen eingeschnürten Stadtteil und steht damit im Blickfeld vieler Tausend Bahn- und Autoreisender täglich. 

Mit Faserzement-Fassadenplatten in Silber- und Sandfarben der eine, in „Saharasand“ und Terracotta der andere Baukörper, drängen sich beide in der Umgebung weiterer Büroblöcke nicht gerade in den Vordergrund. Hier und da setzen Fensterbänder mit Festverglasung, Glaserker genannt, Akzente und suggerieren eine abweichende innere Nutzung, etwa für Cafeterias und Aufenthaltsbereiche. Ein Irrtum, wie sich innen herausstellt, wo die ungegliederten Büroflächen durchlaufen. Immerhin, in den Obergeschossen des Carrés öffnet sich die Skylounge mit Panoramafenster und einer zweigeschossigen Loggia als Freiterrasse. An dieser Loggia wird durch die mächtigen Deckenbalken die Holzbauweise auch nach außen hin anschaulich. Dennoch werden die beiden Büroblöcke kaum wahrgenommen, denn sie haben keine signifikante, exaltierte äußere Erscheinung.

Foto © Ilya Ivanov / Tchoban Voss Architekten
Foto © Ilya Ivanov / Tchoban Voss Architekten

Umso überraschter erleben die Eintretenden den strahlenden Lichthof im Carré. Grüne Ruheinseln und Gastronomie beleben das Atrium. Vor allem wartet der Innenhof mit einer imposanten Treppenanlage auf. Lange Kaskadentreppen turnen vom Foyerlevel nach oben, springen auf mächtige, holzverkleidete Pilzstützen mit Aufenthaltsplattformen und erschließen mit Stegen die verschiedenen Etagen der Bürotrakte. Die Treppenhalle ist ein Begegnungsraum, ein Architekturerlebnis und animiert die Angestellten des Energiekonzerns Vattenfall, Treppen statt Lifts zu nutzen und Begegnungen für zwanglose private und dienstliche Kommunikation wahrzunehmen.  

Die naheliegende Frage, warum die Treppenläufe in diesem demonstrativen Holzbau nicht auch aus Holz gefertigt sind, beantwortet sich von selbst: sperrig und viel zu massiv wären sie im Vergleich zur stählernen Ausführung ausgefallen. Das wunderbar luftige, flache Glaskuppeldach wiederum ist aus diagonal gespannten Holzbindern konstruiert und mit einem dünnen Gespinst stählern unterspannt. Die Profile des delikaten Tragwerks, für das Büro Happold verantwortlich ist, konnten extrem schlank ausgeführt werden, da die Dachdeckung lediglich aus einer leichten, transparenten Membran besteht.

Foto © Ilya Ivanov / Tchoban Voss Architekten
Foto © Ilya Ivanov / Tchoban Voss Architekten

32.000 m² Nutzfläche wurden in modularer Holz-Hybrid-Bauweise errichtet. Bemerkenswert ist jedoch nicht die schiere Größe, sondern die Konsequenz des Holzeinsatzes bei einem kommerziellen Bürobau sowie die Präzision der Bausysteme und der Fügung.  Die Hybridkonstruktion folgt den derzeit gängigen Standards. Stahlbeton kam bei den Fundamenten und Untergeschossen zum Einsatz, ferner bei den aussteifenden Treppenhäusern und den Brandabschnittstrennungen. Die Stützen in der Fassadenebene bestehen aus Brettschichtholz. 435 Wandelemente, „Multibox“ genannt, wurden montiert. Auch die Holz-Hybrid-Deckenmodule wurden vorfabriziert. 

Die frei möblierbaren Geschossflächen sind durch eine Reihe, beim Solitär durch zwei Reihen Mittelstützen unterteilt. In den Innenräumen ist viel Holzoberfläche zu sehen, die Deckenbalken kommen voll zur Wirkung und lasten auf den Stützen der Außenwand. Alle Installationen für Licht und Klima sind hinter bündig zwischen den Deckenbalken abschließenden Verkleidungen untergebracht. Das ruhige Erscheinungsbild profitiert von der präzisen, minimierten Detaillierung von Konstruktion und Ausbau.

Foto © Ilya Ivanov / Tchoban Voss Architekten
Foto © Ilya Ivanov / Tchoban Voss Architekten

Höhere Konstruktionskosten wurden durch Vorfabrikation, präzisen, fehlerarmen und zeitsparenden Montagebau, durch Materialeinsparungen und günstigere Logistik kompensiert. So wurden die meisten Bauteile in der näheren Region aus 1300 heimischen Fichten vorproduziert, die Wandelemente in Neuruppin und die Deckenelemente in Lemwerder bzw. Henningsdorf. Wesentliche CO2-Einsparpotenziale wurde durch Gewichtseinsparungen durch die leichtere Hybridbauweise und die smarte Dachkonstruktion genutzt. So konnte eine um 30 Prozent dünnere Fundamentplatte gegossen werden.

Unter dem Strich wurden bei dem Bauvorhaben zwar keine Kostenvorteile erzielt. Der gegenüber einem Betonbau durch die Holzbauweise deutlich günstigere CO2-Footprint, das Cradle-to-Cradle-Prinzip und weitere ökologische Vorteile  sprechen jedoch unbedingt für die eingesetzte Bauweise. Deutliche Fortschritte, auch in der Wirtschaftlichkeit, können nun durch Nutzungen der Erfahrungen dieses Projekts und weitere Verwendung der Bausysteme erreicht werden. Denn noch ist fast jeder Holzbau ein Prototyp, noch fehlen gängige Standards, noch mangelt es dem Holzbau auf breiter Front an Routine.

Querschnitt durch den Baukörper Carré (Plan © Tchoban Voss Architekten)
Erdgeschoss (Plan © Tchoban Voss Architekten)
Regelgeschoss (Plan © Tchoban Voss Architekten)

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