Zwischeneinander

Meili, Peter
5. Februar 2020
Bauteile C1 und D: Gesimse Geländer und Keramik formen aus unterschiedlichen Baukörpern eine Einheit (Foto: Florian Holzherr)

Das Büro Meili, Peter München hat kürzlich den ersten Abschnitt eines langjährigen Konversionsprojektes in München fertiggestellt. Andreas Müsseler beantwortet unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Stadt ist ein Organismus, in dem die Verteilung von öffentlichen und privaten Bereichen ebenso wie die Ordnung und Mischung unterschiedlicher Funktionen kontinuierlich neu verhandelt wird. Innerhalb eines brachliegenden Gewerbequartiers ist das Projekt die Initialzündung für einen langsamen Wandel hin zu einem durchmischten, belebten Viertel. Als Nukleus einer solchen Entwicklung sucht das Projekt über eine hohe städtische Dichte ebenso wie durch eine prägnante Gestalt eine positive identitätsstiftende Einheit.

Bauteil D: Townhouses mit kleinem Garten und Dachterrasse. Ein Kleinod in städtischer Umgebung (Foto: Florian Holzherr)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Das Projekt sucht seine Wurzeln jenseits der funktionsgetrennten Schollenstruktur der Nachkriegsarchitektur. Es schlägt vor, Stadt wieder als Prozess wahrzunehmen, in dem über die Mischung und das Nebeneinander Zufälligkeiten, Qualitäten und Chancen für städtisches Leben entstehen. Als städtisch wahrgenommene Räume weisen diese Überlagerung mehrerer Schichten und Einflüsse auf. Ziel des Projektes ist daher das Hinzufügen, die Steigerung von Vielschichtigkeit und Komplexität aber auch das Zulassen von Widersprüchlichkeit.

Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Nach intensiver Prüfung waren ein unmittelbarer Erhalt und eine Umnutzung der vorhandenen Industriegebäude in den gegebenen Bedingungen zwar nicht darstellbar. Aber dennoch spielt die große Dimension des Industriellen eine wichtige Rolle. Das Projekt sucht daher auf unterschiedlichen Maßstabsebenen den Kontakt zu Rhythmus und Robustheit der Umgebung. Beispielsweise durch die Körnung der einzelnen Bauteile oder durch den Einsatz der keramischen Elemente.

Bauteil D: Glasierte Keramik, verzinkter Stahl, Beton und Lärchenholz prägen die Erscheiung der Townhouses (Foto: Florian Holzherr)
Bauteil D: Großzügige Fensterformate ermöglichen vielfältige Blickbeziehungen (Foto: Florian Holzherr)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Mehr als bei anderen Vorhaben, ist das kontinuierliche Miteinander der unterschiedlichen Spieler für ein solches Konversionsprojekt über die gesamte Laufzeit eines solchen Projektes von entscheidender Bedeutung. Im Idealfall gelingt es der Architektur das Bild für ein zukünftiges Stück Stadt zu zeichnen, das alle Spieler auf ein gemeinsames Ziel hin auszurichten vermag. Aber es ist selbstverständlich, dass Architektur gerade für solche langfristig angelegten Entwicklungsstränge anpassungsfähig für Änderungen und Entwicklungen bleiben muss.

Bauteil C1: Putz und Keramik wirken in wechselndem Licht immer wieder neu zusammen (Foto: Florian Holzherr)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Das Projekt hat unterschiedlichste Einflüsse aufgenommen. Zunächst galt und gilt es Strukturen zu entwickeln, die unterschiedliche Nutzungen aufnehmen können. Die Anforderungen changierten dabei zwischen Bürgerhaus und Einzelhandel, Bürogebäude oder Boardinghaus, Großmarkt und kleinteiligen Strukturen, gefördertem und freifinanziertem Wohnungsbau in unterschiedlichsten Kombinationen und Konstellationen. Die Struktur, der sich vom Blockrand in die Tiefe entwickelnden und verdichtenden Baukörper, hat sich hierfür als sehr anpassungsfähig erwiesen. Zusätzlich konnte die Polygonalität der Baukörper bis zum Schluss baurechtliche Fragestellungen und Blickbeziehungen im Detail flexibel moderieren, ohne die Gesamtstruktur in Frage zu stellen.

Bauteil C1: Roh belassener Beton, verzinkte Geländer und glasierte Keramik spielen im Inneren zusammen mit den warmen Materialien der verputzten Wände und hölzernen Türblätter (Foto: Florian Holzherr)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Die Idee einer kristallinen, auf das Notwendige reduzierten Moderne steht bis zu einem gewissen Grad im Widerspruch zur heutigen Notwendigkeit bereits während des Entstehungsprozesses auf Veränderungen zu reagieren. Die Architektur zielt daher von Beginn an darauf, verschiedene narrative Elemente wie beispielsweise die Keramik oder die Gesimsbänder als übergeordnete verbindende Elemente einzusetzen. Gerade in Räumen hoher städtischer Dichte ist uns darüber hinaus die sorgfältige Gestaltung der Übergänge und Schwellenräume wichtig. Es geht um die Vermittlung zwischen Öffentlichem und Privatem, um Rückzug und Vielfalt der Ausblicke.

Bauteil C2: Wie eine Jalousie öffnet sich die Bandfassade des Bürogebäudes zur Hansastraße (Foto: Florian Holzherr)
Bauteil C2: Die keramisch belegten konkaven Brüstungsbänder glitzern in der Morgensonne. (Foto: Florian Holzherr)
Schwarzplan (Zeichnung: Meili, Peter Architekten München)
Lageplan mit Bezeichnung der Bauteile (Zeichnung: Meili, Peter Architekten München)
Regelgeschoss (Zeichnung: Meili, Peter Architekten München)
Querschnitt (Zeichnung: Meili, Peter Architekten München) 
Wohnen zwischen Hansastraße und Tübinger Straße – BA1 Hansastraße 
2019
Hansastraße 8-8f, 10
80686 München

Nutzung
Wohnen, Büro, Einzelhandel
 
Auftragsart
Direktbeauftragung
 
Bauherrschaft
ISARIA Objekt Hansastraße GmbH, München 
 
Architektur
Meili, Peter Architekten München
Team: Andreas Müsseler, Jenny Lutz, Victoria Fernández Daglio, Zora Syren

Fachplaner
Landschaftsarchitekten: Keller Damm Kollegen GmbH Landschaftsarchitekten Stadtplaner, München
Tragwerksplanung: BPR Dr. Schäpertöns Consult GmbH & Co. KG, München
Gebäudetechnik: BDKplan Ingenieurgesellschaft für Haustechnik mbH, München
Bauphysik / Brandschutz: Müller-BBM GmbH, Planegg
Verkehrsplanung: Lang + Burkhardt Verkehrsplanung und Städtebau, München
Vermessung: IB Knud Ußling, Dachau
 
Bauleitung
GU: W. Markgraf GmbH & Co KG, München

Ausführende Firmen
GU: W. Markgraf GmbH & Co KG, München
 
Hersteller
Sonnenschutz: Warema Renkhoff SE, Marktheidenfeld
Keramik Fassade: Agrob Buchtal GmbH, Schwarzenfeld

Energiestandard 
EnEV 2016
 
Bruttogeschossfläche
ca. 12.500 m²
 
Gesamtkosten
k.A.
 
Fotos
Florian Holzherr

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