Erlebnisraum Schwarzwald
Als erste Anlaufstelle des Nationalparks Schwarzwald entwarf das Büro Sturm und Wartzeck das neue Besucher- und Informationszentrum. Jörg Sturm und Susanne Wartzeck geben einen Einblick in das Projekt.
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?Die Passhöhe Ruhestein auf 915 m über NN ist geprägt von ihrer touristischen Nutzung als zentrale Anlaufstelle im Nationalpark Schwarzwald. Hier befindet sich neben dem Nationalparkzentrum ein kleines Skigebiet mit Sessellift und die „Große Ruhesteinschanze“.
Zu beachten waren einerseits der Schutz des Baumbestandes, sowie besondere Einflussfaktoren auf das Tragwerk wie hohe Wind-, Erdbeben- und Grundschneelasten, „Baumwurf“ und hohe Luftfeuchtigkeit, die die Grenzen des konstruktiven Holzbaus ausloteten.
Das Gebäude zeigt sich als gestreckter Baukörper entlang der Landstraße, wobei die nordwestlichen Riegel auf einem baumfreien Bestandsplateau liegen und sich entlang der Straße entwickeln. Die süd-östlich gelegenen Riegel mit Ausstellung, Skywalk und Turm beziehen sich auf die Geländetopographie und schweben freitragend zwischen den als schützenswert eingestuften Bestandsbäumen.
Die Anforderungen an den Bau des Besucher- und Informationszentrums war von Anfang an, ein Gebäude für den neuen Nationalpark zu erschaffen, einen Ort, an dem die Natur und der Wald erlebbar werden und der Besucher ein Teil dessen wird. Vor diesem Hintergrund entstand die erste Konzeptidee zum Nationalparkzentrum, basierend auf der Struktur eines heimischen Urwalds, dessen wesentliches Kennzeichen das Totholz ist. Ein solcher Wald lässt sich in direkter Nähe zum Ruhestein erleben: Rund um den Wildsee werden umgeknickte und übereinander gestapelten Baumstämme sichtbar. Auch der naturbelassene Waldboden zeigt eine Mikrostruktur aus geschichteten Ästen. Entsprechend wurde das Nationalparkzentrum nach den Funktionen in einzelne Riegel gegliedert, die sich in Anlehnung an Baumstämme und Äste scheinbar willkürlich im bestehenden Wald stapeln. Die Analogie zum Wald wurde auch in Bezug auf Oberfläche und Materialität der Fassade fortgesetzt. Die silbergrauen Schindeln bilden die Farbigkeit und Textur der geschuppten, das Nationalparkzentrum umgebenden, Tannenstämme nach.
Bei genauerer Betrachtung ist die Lage der Riegel nicht zufällig, sondern ergibt sich aus den vielfältigen Abhängigkeiten in Bezug auf die Hanglage, die Nutzungsbereiche, die Besucherführung und den Baumbestand. Um die Eingriffe in die Natur zu minimieren, kam der Lage der Gebäude dabei einer besonderen Bedeutung zu. Der überwiegende Teil des Nationalparkzentrums (Verwaltung, Foyer, Betrieb) wurde auf einem baumfreien Bestandsplateau platziert, während die Ausstellungsbereiche und der Skywalk zum Teil freitragend in den Wald ragen. Diese Gebäudeteile platzieren sich exakt zwischen den als besonders schützenswert bestimmten Bestandsbäumen. Die hohen Lasten werden dabei über möglichst geringe Fundamentflächen abgetragen. Dank Pfahlgründungen wird der Boden nur minimal verdichtet, Waldboden und Wurzelwerk bleiben zum Großteil unberührt.
Ein weiteres Highlight des Besucherzentrums ist der offene, frei bewitterte Skywalk, der den Wald hautnah erlebbar werden lässt. Als Fachwerkbrücke aus Brettschichtholz mit einer Spannweite von 60 m verbindet er das Besucherzentrum mit dem 35 m hohen und 15° geneigten Aussichtsturm. Die Tragstruktur mit den 4 m hohen V-Fachwerken ist als Brückenträger konzipiert, auf dem Turm aufgelagert und endet als frei auskragende Aussichtsplattform in den Baumkronen.
Bereits im Wettbewerb waren das jetzige Raumprogramm und die Gebäudegestalt sehr weit ausformuliert. Die schrägen Riegel der Dauerausstellung waren bereits im Konzept als barrierefreie „natürliche“ Führung durch die Ausstellung angelegt.
In Verbindung mit der Ausstellungsgestaltung konnte die Höhenstaffelung der Gebäudeteile den didaktischen Aufbau der Ausstellung unterstützen und die unterschiedlichen „Stockwerke“ des Walds erlebbar machen.
Die Ausstellungsbesucher tauchen über Rampen und höhengestaffelte Kabinette langsam in den Wald ein. „Blickluken“ und Panoramafenster schaffen, begleitend zur Ausstellung, gelenkte Bezüge und Ausblicke zu den geschützten Waldbereichen.
Der Werkstoff Holz ist das dominierende Material des Besucherzentrums. Es war bestimmend für Konstruktion und Fassade, aber auch für den Innenausbau. Je nach Anforderungen wurden verschiedene Holzarten (Nadelholz, Buche) und Holzwerkstoffe (Vollholz, Brettschichtholz, Brettsperrholz, Furnierschichtholz) eingesetzt. Das verwendete Holz stammt dabei vorwiegend aus einheimischen Wäldern.
Das Haupttragwerk besteht aus Holz-, Stahl-, und Hybridfachwerken mit einer Höhe von bis zu fünf Metern. Zwischen den Fachwerken sind vorgefertigte Dach- und Bodenelemente als Kastenträger eingehängt. Zusätzlich sind einige der Riegel vollflächig als wandartige Träger aus Brettsperrholz ausgeführt.
Das Tragwerk ist auf hohe Wind- und Grundschneelasten ausgelegt. Zusätzlich waren Schneeverwehungen und besondere Lastfälle wie „Baumwurf“ und Erdbebenlasten der Zone 1 zu berücksichtigen. Aufgrund der besonderen Wetterbedingungen am Ruhestein mit bis zu 200 Tagen im Jahr mit hoher Luftfeuchtigkeit wurden beim konstruktiven Holzschutz höchste Anforderungen definiert. Beispielsweise sind sämtliche sichtbaren Fachwerkträger des Skywalks hinterlüftet und nicht direkt der Witterung ausgesetzt.
2021
Ruhestein 1
72270 Baiersbronn
Nutzung
Besucher- und Informationszentrum
Auftragsart
ARGE: Objektplanung, Tragwerksplanung, Gebäudetechnik, Freianlagen
Bauherrschaft
Land Baden-Württemberg, vertreten durch die Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Pforzheim
Architektur
Sturm und Wartzeck Architekten, Dipperz
ARGE-Leiter: Jörg Sturm, Susanne Wartzeck
Projektleitung: Franziska Witzel, Steffen Schultheis, Sebastian Fell
Fachplaner
Tragwerk: schlaich bergermann partner sbp gmbh, Michael Werwigk, Florian Markert, Stuttgart
TGA: ewt Ingenieure GmbH, Alexander Klein, Holger Pitzer, Grebenhain
Freianlagen: [f]landschaftsarchitektur GmbH, Gunther Fischer, Susanne Weihrauch, Neelja Gillich. Solingen
Ausstellungsgestaltung: Kunstraum GfK mbH, vivid exhibitions, Hamburg
Bauleitung
bm^a Baumeister Architekten GmbH, Jan Baumeister, Monir Elmir, Stuttgart
Ausführende Firmen
Erd-, Mauer-, Betonarbeiten: Lang Bau GmbH & Co. KG, Ettlingen
Fassade Holz-Schindeln: Zinser Holzbau GmbH, Loßburg
Holzbau Nationalparkzentrum: Züblin Timber Aichach GmbH, Aichach
Dachabdichtung und Klempner: Schweizer Metallbedachungen GmbH, Ludwigsburg
Verglasungs-, Fensterbauarbeiten: Kehrel Fenster GmbH & Co.KG, Eiterfeld
Putzarbeiten, Außen- und Innenputz: BB Stuck GmbH, Aldingen
Trockenbau Nationalparkzentrum: Schwarzwald Akustik, Oberkirch
Tischlerarbeiten Innentüren Nationalparkzentrum: Rienth GmbH & Co. KG, Winnenden
Tischlerarbeiten Einbaumöbel Nationalparkzentrum: Kalmbach Innenausbau GmbH, Simmersfeld
Maler- und Lackierarbeiten: Raisch Maler & Lackierer, Pfalzgrafenweiler
Sanitär: Kläger Haustechnik, Freudenstadt
Elektro und Beleuchtung: Elektro Ofzky, Freudenstadt
Heizung und Gebäudeautomation (MSR): Christian Bachhäubl e.K., Baiersbronn
Lüftung: Büchele Lufttechnik, Karlsruhe
Hersteller
Schalterprogramm: Jung
Armaturen, HansGrohe
Badkeramik, Duravit
Bruttogeschossfläche
5.201 m²
Gebäudevolumen
29.200 m³
Gebäudekosten (Kostengruppe 300+400 in €)
25.412.000 €
Gesamtkosten
33.000.000 €
Fotos
Achim Birnbaum