Besucherinformationszentrum „Am Niederwald“ in Rüdesheim von grabowski.spork

Rhein, Reise, Rast

 Thomas Geuder
8. Januar 2018
Der langgestreckte Neubau des Besucherinformationszentrums des liegt an der Zufahrt zum Park oberhalb der Stadt Rüdesheim am Rhein und soll sich in die Landschaft des Rheingaus schmiegen. (Bild: Thomas Nutt / grabowski.spork)
Anlässlich des 250-jährigen Bestehens des „Landschaftsparks Niederwald“ am Eingang zur „Kulturlandschaft Oberes Mittelrheintal“ haben die Architekten von grabowski.spork dort ein neues, von außen gänzlich schwarzes Besucherzentrum aus Holz errichtet.
Projekt: Besucherinformationszentrum „Am Niederwald“ (Rüdesheim am Rhein, DE) | Architektur: grabowski.spork.architektur (Wiesbaden, DE) | Bauherr: Verwaltung der staatlichen Schlösser und Gärten Hessen (Bad Homburg, DE), vertreten durch: Landesbetrieb Bau und Immobilien, Niederlassung West (Wiesbaden, DE) | weitere Projekten siehe unten
Wer vom schönen „Rheintal“ schwärmt, hat meist das UNESCO Welterbe „Kulturlandschaft Oberes Mittelrheintal“ zwischen Bingen und dem rund 67 km entfernten Koblenz vor Augen, wo sich der Rhein eng eingefasst durch das Rheinische Schiefergebirge zwrängt, gesäumt von Steilhängen, schmalen Uferleisten, Felsvorsprüngen und Höhenburgen. Rheinromantik pur, die nicht zuletzt Heinrich Heine zur Dichtung des Loreleylieds inspirierte. Den südlichen Auftakt bildet der 226 ha große „Landschaftspark Niederwald“ (auch „Ostrhein‘scher Park“ genannt), mit einer der frühesten romantischen Parkanlagen in Deutschland und dem Niedernwalddenkmal, mit dem seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert an die Einigung Deutschlands im Jahr 1871 erinnert werden soll.

Anlässlich des 250-jährigen Bestehens des „Landschaftsparks Niederwald“ wurde der Park nun revitalisiert, in seiner Ursprungsform wiederhergestellt und durch ein dringend benötigtes Besucherzentrum ergänzt. Der Neubau befindet sich auf dem Weg von der Bergstation der Rüdesheimer Seilbahn zum Niederwalddenkmal, mit rund zwei Millionen Besuchern jährlich. Die Architekten von grabowski.spork aus dem nahegelegenen Wiesbaden haben hier ein langgestrecktes Haus errichtet, das seinem langen Namen voll und ganz gerecht wird. Hier sollen die Besucher sich treffen und ausruhen können und gleichzeitig direkt und indirekt vielfältige Informationen über die Kulturlandschaft erhalten. Das deutet sich bereits an der Fassade an, wo Informationstafeln einen Überblick über die Geschichte geben. Nach Betreten des Gebäudes gelangt man im von jangled nerves aus Stuttgart geplanten Innenraum zunächst zu einer kleinen, interaktiven Ausstellung, die mittels Touch-Screens, Karten und Schübe zur geschichtlichen Entdeckung des Orts und zur (Rhein-)Reise einlädt. Das folgende Restaurant bietet die Möglichkeit zur Rast und verbindet den Kommunikations- und Gastronomiebereich gestalterisch wie räumlich: Lampenschirme über den Tischen bilden in ihrer Anordnung den Rheinverlauf von Bingen nach Koblenz nach. Sie leuchten aus dem Inneren heraus und zeigen ein 360°-Panorama aus Sehenswürdigkeiten und Städten der Region.
Die Fassade zur Terrasse kippt leicht nach vorne, verleiht dem Haus dadurch eine charakteristische Dynamik und fasst sie gleichzeitig räumlich ein. (Bild: Thomas Nutt / grabowski.spork)
Das Gebäude selbst gibt sich dabei eher zurückhaltend: Die Planer von grabowski.spork haben ein Holztragwerk entwickelt, das die Dynamik des Ortes in einen Fassadenrhythmus übersetzt. Entlang der Terrasse kippen sich die Stützen den Besuchern quasi entgegen. Ein Effekt, der durch den herabgelassenen (ebenfalls schwarzen) Sonnenschutz noch verstärkt werden kann. Die Fenster dazwischen lassen sich vollständig öffnen, sodass ein fließender Übergang vom Gastraum zur Terrasse erzeugt werden kann. Vorbildlich: Das Haus wurde unter fast ausschließlicher Verwendung heimischer Baumaterialien aus nachwachsenden Rohstoffen errichtet. Durch die Vorfabrikation der Wand- und Deckenelemente, sowie der Fassadenverkleidung aus vorbehandelten Holz-Lamellen, konnten die Arbeitsabläufe und die Bauzeit optimiert werden. So unterschreitet das Gebäude die Anforderungen gem. EnEV beim Jahres-Primärenergiebedarf um mehr als 15 % und bei der Wärmedämmung um mehr als 30 %. Die Bodenplatte ist bauteilaktiviert und wirkt als Speichermasse, die Lüftungsanlage besitzt eine effektive Wärmerückgewinnung. Das Tüpfelchen auf dem i: Alle Bauleistungen wurden vorrangig an lokale Unternehmen vergeben, um den CO2-Ausstoß schon während der Bauphase zu minimieren, betonen die Architekten. Eines Landschaftsparks ist das durchaus würdig.
Von gibt sich das gesamte Gebäude zunächst eher wie ein Hintergrund, zurückhaltend komplett in schwarz. (Bild: Dirk Uebele / grabowski.spork)
Bei eingeschalteter Innenraumbeleuchtung allerdings wird durch die Fassade mit ihren raumhohen Fenstern der Innenraum inszeniert. (Bild: Thomas Nutt / grabowski.spork)
Der Besucher wird sowohl im Besucherzentrum als auch beim Rundgang durch den Niederwald unter dem durchgehenden Motto „Rhein, Reise, Rast“ auf eine Entdeckungsreise durch die Region und ihre Geschichte(n) mitgenommen. (Bild: Thomas Nutt / grabowski.spork)
Oberhalb der Tische bilden Lampenschirme den Rheinverlauf von Bingen nach Koblenz nach: Sie leuchten aus dem Inneren heraus und zeigen 360°- Panoramen von Sehenswürdigkeiten und Städten aus der Region. (Bild: Thomas Nutt / grabowski.spork)
Lageplan (Quelle: grabowski.spork)
Grundriss (Quelle: grabowski.spork)
Fassadendetail (Quelle: grabowski.spork)
Der Eingang ist deutlich durch eine Überhöhung in der Fassade markiert, rechts geben integrierte Informationstafeln en passant einen Überblick über die Geschichte des Ortes. (Bild: Thomas Nutt / grabowski.spork)
Projekt
Besucherinformationszentrum „Am Niederwald“
Rüdesheim am Rhein, DE

Architektur
grabowski.spork.architektur
Wiesbaden, DE

Team
Moritz Kleisinger (PL), Tobias Freitag

Bauherr
Verwaltung der staatlichen Schlösser und Gärten Hessen
Bad Homburg, DE

vertreten durch
Landesbetrieb Bau und Immobilien, Niederlassung West
Wiesbaden, DE

Hersteller
Fensterbänder: Fa. Roto, Roto NT Designo
Sonnenschutz: Fa. Warema, Fallarmmarkise Typ 340
Aluminiumdeckschalen: Fa. Gutmann, Mira Contour
Fenstergriffe: Fa. FSB, Modell 1035
Innentüren Holz: Fa. Herholz
Innentüren Stahlblech: Fa. Domoferm
Schiebetür: Fa. Geze
Fliesen WC öffentlich: Fa. Agrob Buchtal, Unique
Fliesen WC Personal: Fa. Villeroy & Boch, Unit One
Waschtische: Fa. Keramag, Varicor
Waschtischarmatur: Fa. Shell, Celcis E HD-K
WCs: Fa. Keramag, Renova Nr. 1 Plan
Urinale: Fa. Duravit, Fizz
Accessoires: Fa. HEWI, 805
Heizkörper: Fa. Zehnder, Röhrenradiator

Projektsteuerung
Architekturbüro Dipl.-Ing. Claus Giel
Dieburg, DE

Innenarchitekur
jangled nerves gmbh
Stuttgart, DE

Landschaftsarchitektur
DLA – Die Landschaftsarchitekten, Bittkau - Bartfelder + Ingenieure
Wiesbaden, DE

Tragwerksplanung
Wagner Zeitter Bauingenieure GmbH
Wiesbaden, DE

Haustechnik HLS
k:bp köhler beraten + planen gmbh
Wiesbaden, DE

Haustechnik ELT
Ingenieur-Planungsgesellschaft Dries + Liebold mbH
Rüdesheim am Rhein, DE

BGF
504 m²

Baukosten
2,5 Mio. Euro

Fertigstellung/Eröffnung
2016

Fotografie
Thomas Nutt
Dirk Uebele
Projektvorschläge
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