Wohnmodule im Grünen

Freivogel Mayer Architekten
13. oktober 2021
Foto: Dietmar Strauß / Besigheim

Freivogel Mayer Architekten haben ein Wohnheim am Schoferweg in Pforzheim fertiggestellt. Jochen Freivogel beantwortet unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Zum einen war es das Ziel, ein weitestgehend nutzungsflexibles Wohngebäude zu schaffen. Von Beginn an war klar, dass sich die Erstnutzung als Nachfolgeunterbringung für Geflüchtete über nur wenige Jahre erstrecken wird, für die Zeit danach wurden mehrere Nutzungsszenarien mitentwickelt – vom studentischen Wohnen über Wohngemeinschaften/-gruppen bis hin zum konventionellen Wohnen. Zum anderen war das Baugelände auf einem nicht mehr genutzten Bolzplatz, umgeben von einem Wohngebiet und sehr viel Bestandsgrün, ungewöhnlich und herausfordernd. 

Foto: Dietmar Strauß, Besigheim
Foto: Dietmar Strauß, Besigheim
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Von der Konzeptfindung an war klar, dass das neue Gebäude auf diesem Baugelände keine klassische Wohnungsbauarchitektur werden kann. Wir entschlossen uns zu einer weitestgehend autonomen Formensprache, die sowohl mit den Faltungen der Außenhülle als auch durch ihre Farbgebung mit der präsenten Vegetation direkt und unmittelbar in Dialog tritt. 

Der Neubau sollte auch keine Assoziationen zu einer Flüchtlingsunterkunft üblicher Ausprägung herstellen, stattdessen sollte eine neue, Identität stiftende Adresse geschaffen werden – und dass, obwohl die Gebäudestruktur aus acht identischen Modulen besteht. 

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Der Bauherrschaft war es von Anbeginn ein wichtiges Anliegen, ein Gebäude zu erstellen, das nicht nur temporär den derzeitigen Bedarf an die Unterbringung von Geflüchteten deckt, sondern langfristig und flexibel als Wohngebäude genutzt werden kann. Hierzu war die Minimierung von tragenden Bauteilen im Innern ein wichtiger Baustein für eine einfache spätere Umnutzbarkeit. Die überdachte offene Erschließungszone zwischen den beiden Gebäudeflügeln, dient als niederschwelliger Gemeinschafts- und Kommunikationsbereich für die Bewohner. 

Foto: Dietmar Strauß, Besigheim
Foto: Dietmar Strauß, Besigheim
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Es war von Anfang an noch nicht klar, ob das Gebäude als Massiv- oder Holzbau erstellt werden soll. Die verschiedenen Vor- und Nachteile wurden bewertet und abgewogen, Ergebnis war erst zu Beginn der Ausführungsplanung eine Holz-Massiv-Hybridbauweise, die die meisten Vorteile auf sich vereinigen konnte. So wurden die tragenden Bauteile in massiver Skelettbauweise mit Stützen und Flachdecken, die gesamte Außenhülle als vorgefertigte Holzrahmenkonstruktion erstellt.

Foto: Dietmar Strauß, Besigheim
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Bereits in vergangenen Projekten mit der Bauherrschaft wurde auf Energieeffizienz sehr großen Wert gelegt. Als das Thema noch keinen großen Stellenwert in der Gesellschaft hatte, waren vor über zehn Jahren die Nutzung von Umgebungsenergie mit Geothermie, Solarthermie und Photovoltaik der Projektstandard – 2015 erhielten wir zum Beispiel für ein gemeinsamen Sanierungsprojekt mit der Pforzheimer Bau und Grund den DGNB-Preis Nachhaltiges Bauen. Im vorliegenden Projekt wurde durch einen sehr hohen Dämmstandard die Anschlussleistung an das städtische Fernwärmenetz minimiert. 

Foto: Dietmar Strauß, Besigheim
Welche speziellen Bauweisen oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Um die gewünschte Präzision zu erzielen und um eine wirtschaftliche Erstellung in kurzer Bauzeit sicher zu stellen, wurde die gesamte Holzkonstruktion der Fassaden nahezu vollständig vorgefertigt. Die Übergabe unserer Ausführungsplanung an das ausführende Holzbauunternehmen erfolgte via digitalem 3-D-Modell, das die Grundlage der CNC-Herstellung bildete. Bei der Wahl des Fassadendämmstoffs wurden Holzfaserplatten eingesetzt, um zusammen mit der Verwendung heimischen Nadelholzes aus dem Nordschwarzwald eine positive CO2-Bilanz zu erreichen. 

Lageplan (Zeichnung: Freivogel Mayer Architekten)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: Freivogel Mayer Architekten)
Schnitt (Zeichnung: Freivogel Mayer Architekten)
Wohnheim Schoferweg 
2021 
Schoferweg 7 
75175 Pforzheim 

Auftragsart
Einzelgewerkevergabe 
 
Bauherrschaft
Pforzheimer Bau und Grund GmbH, Pforzheim 
 
Architektur
Freivogel Mayer Architekten, Ludwigsburg, Pforzheim 
Projektleiter: Jochen Freivogel 
MitarbeiterInnen: Nina Passek (LPH 1-4), Björn Sippel (LPH 5-8) 
 
Hersteller
Außenputz: Knauf, Iphofen 
Holzfaser-Einblasdämmung: Steico SE, Feldkirchen 
Holzfaser-Putzträgerplatten: Sonae Arauco Deutschland, Meppen 
Innenfassade Birkensperrholzplatten: Koskisen, Järvelä (FI) 
 
Energiestandard 
Primärenergiebedarfsstandard A (32% unter EnEV-Standard) 

Bruttogeschossfläche
1.190 m²

Gebäudevolumen
3.650 m³
 
Kubikmeterpreis
430 €/m³
 
Gebäudekosten
1.595.000 € KG 300-500 netto

Gesamtkosten
1.850.000 € KG 200-700 netto

Fotos
Dietmar Strauß, Besigheim

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