Erst virtuell, dann real bauen

 Martina Metzner, Alexis Anastassiou
2. Mai 2018
Wird aus Architektur womöglich Arch Tech, wie Ben van Berkel behauptet? (Bild: Autodesk)
Die Praxis in Architektur wird in den kommenden Jahren durch neue, digitale Werkzeuge entscheidend verändert. Eines davon ist Virtual Reality. Welches Potenzial steckt darin? Und wie setzt man es um?
Erinnern Sie sich an den Film „Minority Report“ aus dem Jahr 2002? Auch, wenn er im Jahr 2054 spielt, sind wir bereits heute soweit, dass einige der dort gezeigten Zukunftsvisionen real geworden sind: Neben autonom fahrenden Autos, der Identifizierung via Gesichtserkennung und Sprachsteuerung ist es die Szene, in der der Polizist John Anderton alias Tom Cruise auf einem holografisch projizierten Interface mittels Gesten Informationen und Bilder einblendet. Was bis vor wenigen Jahren noch Science-Fiction war, wird plötzlich Teil des Alltags. Die Erweiterung der Realität hinein in eine digitale Welt hat mit dem Internet begonnen und nimmt nun noch einmal an Fahrt auf. Technologien wie BIM und ferner Visualisierungsanwendungen wie Virtual Reality (VR), Augmented Reality (AR) und Mixed Reality (MR) werden die Praxis in der Architektur entscheidend verändern.
Augmented, Mixed und Virtual Reality
Womöglich wird man zunächst einmal mit Augmented Reality in Berührung kommen – Pokémon Go ist ein Beispiel dafür, bei dem auf Smartphones oder Tablets Animationen über die reale Welt sozusagen „drübergelegt“ werden. Ikea hat kürzlich mit „Places“ eine App entwickelt, mit der man AR gut ausprobieren kann. Das Hamburger Möbelhaus PLY zum Beispiel hat in Zusammenarbeit mit Vitra eine AR-App entwickelt, in der Kunden ihren „Eames Lounge Chair“ individuell konfigurieren können. Auch Anbieter wie Hansgrohe oder Interlübke ziehen nach und ermöglichen durch spezielle Apps, ihre Produkte in den realen Raum virtuell zu integrieren und dadurch zu testen. Eine Spielerei vielleicht, aber gerade für Kunden, die wenig räumliche Vorstellungskraft besitzen, eine ideale Möglichkeit.
Noch weiter geht Mixed Reality. Sie erinnern sich vielleicht an die Google-Brille, die das Unternehmen vor einigen Jahren herausbrachte? Solch eine Brille in größerer Version bietet Microsoft mit der Hololens. Blickt man durch die transparente Brille, kann man virtuelle Objekte in der realen Welt sehen – und auch bedienen. Die Zukunftsvision von Microsoft für die Architektur sieht wie folgt aus: Während man auf einer Baustelle gerade mal die Grube ausgehoben hat, kann man sich das simulierte Haus direkt vor Ort anschauen – und daran virtuell arbeiten.
Große Büros rüsten auf
Das Rotterdamer Architekturbüro UNStudio ist wohl eines der führenden Büros, das mit Virtual Reality arbeitet. Bereits seit längerem hat UNStudio einen eigenen VR-Raum, indem es Gebäude simuliert: „Wir glauben, dass mit der Zeit und dem leichteren Zugang sowie diversen Applikationen VR ein relevantes Werkzeug für alle wird – speziell für Architekten.“ Und Jakob Strømann-Andersen von Henning Larsen Architects jubelt: „Wir waren immer an der Einbindung von Kunden und Nutzern interessiert. Diese Technologie beschert uns völlig neue Informationen. Wir sind schon vor Fertigstellung des Baus in der Lage, Parameter wie Akustik, Licht, Material und Reaktion der Menschen zu erfahren. Das ist ein Geschenk!“ Bereits 2014 formulierte es der ehemalige Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt so: „Modernes Bauen heißt: erst virtuell und dann real bauen“. Und Ben van Berkel, der jüngst mit UNSenseein  Start-Up für digitale Technologien in Architektur und Stadtplanung ins Leben gerufen hat, prognostiziert: „Architektur wird sich in Arch Tech verwandeln.“
Die gesamte Baubranche befindet sich im Wandel. Viele Diskussionen, viel Verunsicherung, aber durchaus auch viele neue Chancen begleitet die Einführung von Building Information Modelling, zu Deutsch Bauwerksdatenmodellierung. Auch wenn BIM vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert wird und die Industrie sich darauf vorbereitet – es steht noch in den Sternen, in wie weit BIM die jetzige Praxis, die ja oft noch in 2D-Plänen erfolgt, ablösen wird. Gerade die Baubranche in Deutschland verhält sich noch zaghaft, während BIM in den USA oder in England schon weit verbreitet ist. 
Immobilienwirtschaft geht voran
Die bisherige Praxis der Architektur-Visualisierungen, nämlich Renderings, könnte nun teilweise durch VR ersetzt werden. Vor allem der Umstand, dass die Immobilienwirtschaft mit großer Begeisterung und viel Engagement das Thema VR vorantreibt, dürfte sich auch auf die Architektur auswirken. Kaum ein größerer Immobilienentwickler oder Makler, der nicht auf VR aufrüstet, um damit neue Projekte an den Kunden zu bringen.
Für Architekten war es noch nie so einfach, in dieses Thema einzusteigen: Durch neue, benutzerfreundliche Software, einem wachsenden Pool an 3D-Daten von Bauprodukten und Möbeln sowie günstigeren Versionen von VR-Brillen wie der Oculus Rift und der HTC Vive. Mittlere bis große Architekturbüros, die aktuell BIM einführen, denken das Thema VR-Visualisierungen bereits mit. Architekten können die eigenen Ideen überprüfen, diese dem Projektteam und Handwerkern noch konkreter kommunizieren und den Kunden räumliche Zusammenhänge erlebbar machen.
BIM als Basis von VR
Vorteile in der Ausführung sind, dass man im virtuellen Raum Gebäudeteile hinzufügen oder verändern kann. Durch eine Handbewegung lässt sich die Szene skalieren, so dass man eben noch im Wohnzimmer neben dem Sofa stand und einige Sekunden später das Grundstück samt Gebäude von der Vogelperspektive aus betrachten kann. Ein besonders konsequenter Projektleiter kann sich ein eins zu eins VR-Modell zusenden lassen und so vor Baubeginn bei einer virtuellen Begehung alle gestalterischen und konstruktiven Themen abarbeiten. Sollte der Entwurf und die Planung in BIM erfolgen, so kann man die Daten eins zu eins für eine VR-Simulation nutzen. Allerdings ist eine detaillierte Nachbearbeitung der VR-Simulation dennoch notwendig.
Für den Auftraggeber lassen sich, während er durch das Gebäude läuft oder geführt wird, Möbel und Einbauten einfügen, Bodenbeläge und Wandfarben auswählen oder gar alternative Dachformen einblenden. Wenn er im Umgang mit dieser Technologie geschult ist, dann kann er diese Varianten sogar selbst abrufen. Der Idealfall in der Zukunft wird sein, dass er eine Datei oder einen Link gesendet bekommt und sich das Projekt ortsunabhängig anschauen und mitgestalten kann. Eine VR-Brille passt in jeden Koffer – und kann auch selbst während des Sommerurlaubs an der Adria zum Einsatz kommen.
Noch mangelnde Detailtiefe
Natürlich gibt es auch Nachteile in der Arbeit mit VR. Gerade die Detailtiefe, insbesondere bei Materialien, ist im Verhältnis zur herkömmlichen Ansicht in Renderings oder ausgedruckt auf Papier etwas schlechter. Allerdings entwickelt sich die Technologie rasant.
Auch in der Kommunikation mit Kunden, kann es Schwierigkeiten geben, und zwar in Bezug auf den absoluten räumlichen Eindruck. So kann es passieren, dass Räume zu klein wirken, was einen negativen Effekt auf Verkaufsgespräche haben kann. Das lässt sich grundsätzlich regulieren, aber noch nicht auf Knopfdruck.
Außerdem noch nicht gelöst ist das Problem des Unwohlseins, der so genannten „VR Sickness“, die entsteht, wenn sich der Betrachter im virtuellen Modell fortbewegt, ohne seine Körperposition zu ändern. Der Effekt führt schnell zu Übelkeit und Kopfschmerzen, die viele Stunden anhalten können. Solch ein Betrachter begibt sich ungern erneut in den virtuellen Raum. Ein Ansatz ist, die virtuelle Bewegung auszuschließen und sich zu den gewünschten Positionen zu teleportieren.

Erfahren Sie in zwei Wochen mehr zu den möglichen Anwendungen in der Fortsetzung "Verschwindet der Architekt?"

Vorgestelltes Projekt

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