Die Klassiker von morgen

Juho Nyberg
24. Juni 2015
ECOchaiR von Felicia Ender. alle Bilder: zVg ECOchaiR von Felicia Ender. (Bild: zVg)

Der Stuhl ist der Prüfstein für Designer schlechthin: Es gilt, Statik, Eleganz und Komfort zusammenzubringen. Neun Studierende der Akademie der Bildenden Künste München haben sich dieser Herausforderung gestellt.

So genannte Designklassiker sind heute Allgemeingut geworden. Kaum ein Haushalt, wo nicht irgendein bekannter Tisch oder Stuhl steht und seiner Umgebung einen Distinktionsgewinn bringen soll – ernst oder augenzwinkernd gemeint. Ebenso zahlreich sind die Händler dieser Objekte. Neben den traditionellen Möbelhändlern tummelt sich eine Schar jüngerer Anbieter und buhlt um Bekanntheit.

Einen interessanten Weg haben die beiden Inhaberinnen der Möbelgalerie Lieblingsstuhl eingeschlagen. In Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Produktgestaltung der Akademie der Bildenden Künste München haben Nina Röhrs und Tina Boetsch nun schon zum zweiten Mal einen Lehrgang begleitet. Bereits die erste, 2013 stattgefundene Zusammenarbeit stellte ein bestimmtes Material – Aluminium – in den Mittelpunkt und liess darüber hinaus den Teilnehmerinnen und Teilnehmern weitgehend freie Hand. Aluminium ist als Material für Stühle vielleicht nicht die offensichtlichste Wahl, aber genau darin lag der Reiz der Aufgabe.

Nina Röhrs mit Studentinnen an der Vernissage in Zürich. (Bild: zVg)

Mit der diesjährigen Durchführung der Designförderung gingen sie noch einen Schritt weiter und brachten einen neuen, weitgehend unbekannten Werkstoff ins Spiel: Das ECOR genannte Material wurde vom kalifornischen Architekten Robert Noble entwickelt. Es besteht hauptsächlich aus Zellulosefasern und «landwirtschaftlichen Nebenprodukten», ist vollständig schadstofffrei und komplett biologisch abbaubar. Von weitem betrachtet, lässt eine unbearbeitete Platte an Graukarton denken. Die erste Berührung offenbart eine leicht strukturierte Oberfläche, ähnlich der Rückseite von Pressspanplatten.

Neben der grundlegenden Aufgabe, innert 15 Wochen einen Stuhl zu entwerfen und zu bauen, mussten sich die neuen Teilnehmer noch zusätzlich mit den Eigenschaften eines weitgehend unbekannten Materials vertraut machen. Enthusiastisch erzählt Friederike Ruoff von der Zusammenarbeit in der Werkstatt und der guten Stimmung unter den Studentinnen. Erste Versuche fürs Biegen unternahm sie kurzerhand mit einem Dampfbügeleisen. Andere experimentierten derweil mit dem Verleimen mehrerer Schichten des 2,5mm dicken Ausgangsstoffs oder fügten mehrere Lagen dreidimensional zusammen – mal gesteckt, mal vernäht.

Antonia Waims genähter Stuhl. (Bild: zVg)

Die Ergebnisse lassen sich sehen. Begeistert und auch ein wenig stolz verweist Nina Röhrs darauf, dass tatsächlich alle Studenten am Ende der vorgegebenen Zeit einen fertigen Stuhl vorzeigen konnten. Einige versprühen noch den rauhen Charme des Prototypen, während andere bereits die Selbstverständlichkeit eines Serienprodukts entfalten. Das blasse Grau der Ecor-Platten lässt viel Raum für farbliche Akzente: die meisten Verbindungen – geschraubt oder genietet – erscheinen als kleine, präzis gesetzte Punkte und verraten zugleich etwas über die Konstruktion.

Besonders auffällig gibt sich der genähte Stuhl von Antonia Waim mit seinen blauen Nähten. Ausgangspunkt für diese Konstruktion bildet das statische Prinzip eines Kreuzgewölbes, das aus der Architektur kurzerhand in den Möbelbau übertragen wurde.

COCOON von Valentina Lachner. (Bild: zVg)

Valentina Lachners Cocoon dagegen bietet – wie der Name schon erahnen lässt – einen Ort des Rückzugs. Sehr gut passt dazu, dass die konstruktive Anleihe aus der Natur stammt: die Gleichzeitigkeit von Stabilität und Flexibilität der Wirbelsäule diente ihr als Inspiration. Die 20 Teile der Schale sind ineinander gesteckt und halten nur dank der Spannung. Der leichte Fuss aus schwarzem Stahlrohr nimmt sich zurück, man könnte sich den Cocoon gut auch als von einem Baum hängende Sitzgelegenheit im Garten vorstellen.

 Bild: zVg

Als einziger hat Stefan Hoffmann an der Farbigkeit der Platten gearbeitet. Die Stühle des dänischen Designers Hans Wegner standen Pate für seinen Entwurf, was sich neben der Form auch im Braun von Hoffmanns Stuhl manifestiert. Dank der Färbung der Platten und ihrer faserigen Struktur rückt der Stuhl – schon fast ein Sessel – in die Nähe von Teakholzmöbeln.


Drei der Stühle wurden für die diesjährige ICFF, International Contemporary Furniture Fair, in New York ausgewählt. Nun kann die ganze Kollektion während eines Monats in den Räumen von Lieblingsstuhl in Zürich Wollishofen besucht werden. Geöffnet ist die Ausstellung jeweils samstags von 11 bis 17 Uhr oder nach Vereinbarung.


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