Baukunst darf wieder schön sein

»25 Jahre GRAFT« bei Aedes

Falk Jaeger
1. November 2023
»Bricks«, Revitalisierung des denkmalgeschützten ehemaligen Postfuhramts, Umnutzung für Gewerbe, Wohnen, Bildung und Gastronomie, Berlin; GRAFT (Foto: © BTTR GmbH)

Mehr als 300 Gäste drängelten sich in den Räumen und im Hof. Kaum weniger feierten anschließend im von GRAFT entworfenen Berliner Hauptquartier in der Invalidenstraße die Einweihung des neuen Büros. Unterm Dach wohnen die drei Gründungsmitglieder des Büros Thomas Willemeit, Wolfram Putz und Lars Krückeberg mit ihren Familien – eine verschworene Gemeinschaft seit Studientagen.

An der TU Braunschweig ausgebildet, hatten sie sich frühzeitig ins Ausland abgesetzt und ihr Glück in Los Angeles gesucht. Dort gestalteten sie erste Ausstellungen, Läden, Büros und schließlich Häuser. Dort sind sie mit Arbeiten für Brad Pitt in die Medien gekommen, dort haben sie sich die Hyperdosis Lockerheit und Eloquenz geholt, mit der sie dann auch anfangs der 2000er Jahre in Deutschland erfolgreich wurden. Mittlerweise haben sie ihren Schwerpunkt in Berlin, mit Zweigstellen in München, Shanghai und Seoul

Anfangs machten sie mit James Bond-Wohnlandschaften wie aus dem Musterbuch Verner Pantons aus den sechziger Jahren, fließenden Räume sowie ungewohnten Formen und Materialien Furore. Das Hotel Q! und die Zahnarztpraxis Ku64 am Kurfürstendamm oder die häufig gefilmte Dachwohnung in der Gleimstraße, in der schon einige Krimiopfer zu Tode gekommen sind, gingen durch die Presse, spektakulär das Bilderrepertoire, exaltiert die Formen, extravagant die Entwürfe. »Utopisch«, dieses Epitheton fällt nicht nur den Lokalreportern als erstes ein, wenn es gilt, GRAFT-Architektur zu beschreiben.

Ausstellungsansicht (Foto: Aedes Architecture Forum)
Ausstellungsansicht (Foto: Aedes Architecture Forum)

Es ist diese Lust an dynamistischen Formen, die GRAFT bekannt gemacht haben, und die vielleicht nicht von jedermann als genuine Baugestaltung akzeptiert, so doch zumeist als schön empfunden werden. »Schönheit spielt immer eine wichtige Rolle«, sagen sie und verweisen – für manche dann doch  überraschend – auf eine Erkenntnis der Denkmalpflege: »Wenn ein Gebäude geliebt wird, wird es auch erhalten«. Dann gebe es auch bei Leerstand immer die Chance auf Re-Allegorisierung. Dies sei ein Aspekt der sozialen Nachhaltigkeit von Architektur, und Nachhaltigkeit ist ein Credo, das sie ganz groß auf ihre Fahnen geschrieben haben.

Die Formenwelt, die man geneigt ist, mit der von Zaha Hadid, Coop Himmelb(l)au oder UNStudio in einer Schublade zu sehen, verstellte aber den Blick auf den Entwurfsprozess, der nicht von vorgefassten Formvorstellungen bestimmt wird. Ihr »parametrisches Entwerfen« geht, mehr als das der Dekonstruktivisten oder Strukturalisten, von den Projektparametern aus. Örtliche Bautraditionen oder klimatische Bedingungen, Bauherrenvorstellungen oder Blockstrukturen, Lichteinfall oder Produktionsbedingungen, auf viele Fragen suchen sie plausible Antworten, wo andere Architekten längst mit der schnellen formalistischen Lösung zufrieden sind.

Inzwischen »haben sie sich beruhigt«, wird mancher sagen. Wohnungsprojekte an der Spree mit hundert Apartments, wie sie jetzt in der Ausstellung zu sehen sind, müssen stadtverträglich sein, doch Aufmerksamkeit erregend, aus der Rolle fallend, und vor allem schön sind sie noch immer. »Bricks« heißt das Revitalisierungsprojekt eines Postareals in Schöneberg, bei dem sie mit einer dynamisch reliefierten Ziegelfassade auf die hundert Jahre alte Backsteinmoderne des Bestands antworteten.

»Jugendherberge München«, 1. Preis im Wettbewerb, München; GRAFT (Visualisierung: © GRAFT GmbH)
»Solarkiosk«, Netzunabhängige und saubere Energieversorgung für ländliche Regionen in Afrika und weltweit; GRAFT (Foto: © Georg Schaumberger)

»Charlie Living« ist ein Projekt am Checkpoint Charlie in Berlin mit 243 Wohneinheiten. Man erwartet bei GRAFT immer einen besonderen Kick. Hier ist es der städtebauliche Ansatz, ein »Hybrid aus Block und Gartenstadt«, wie sie es nennen. Ein interessanter neuer Typus neben der üblichen Blockrandbebauung mit engen Innenhöfen ist es allemal. Wie ein grüner Canyon zieht sich eine Schlucht durch den aus vier Gebäuden gebildeten Block. Der Blockrand ist nach Südwesten aufgerissen und öffnet sich zur Sonne. Zudem weichen die Hauswände nach oben zurück, sodass auch die unteren Wohnungen gut belichtet sind.

Zum bezahlbaren Wohnungsbau gehört das Projekt nicht, doch andere Exponate verweisen auf das soziale Engagement der »Grafties«, wie sie sich und ihre hundert Mitarbeiter nennen. Ein »Solarkiosk« steht bei Aedes, ein bislang 200-fach in Serie gebauter autonomer Container mit Ladestation für Handys, Kühlschränken für Medikamente und Getränke. In abgelegenen Gegenden hauptsächlich Afrikas dient er als Versorgungs- und Kristallisationspunkt für soziale Aktivitäten. Von billig zu erstellenden Fertighäusern für Opfer des Hurricanes Katrina 2005 in New Orleans bis zur Entwicklung und humanen Gestaltung einer Muster-Intensivstation reichen ihre Engagements.

Die ästhetisch perfekte Ausstellung mit wunderbaren, in Polen gefertigten Holzmodellen von Wohn-, Büro-, und Kulturbauten, einem jüdischen Museum in Moskau, einer Jugendherberge in München u.a. zeigt die Bandbreite des Büros zwischen Luxus- und Sozialbau, Glamour und Nachhaltigkeit. Am sympathischsten aber, was unter Architekten seit Einbruch der Moderne vor 120 Jahren verpönt ist: GRAFT, zu denen inzwischen 2018 Sven Fuchs und Georg Schmidthals als Partner hinzugestoßen sind, reden wieder von Schönheit. Architektur darf (und muss) wieder schön sein.

»Charlie Living«, Neubau eines Wohnquartiers in Berlin; GRAFT (Foto: © GRAFT GmbH)
Die Partner von GRAFT, von links nach rechts zu sehen: Thomas Willemeit, Lars Krückeberg, Sven Fuchs, Wolfram Putz und Georg Schmidthals (Foto: © Christian Thomas Photography)

TASTE IS THE LACK OF APPETITE
Hybrid Approaches to Architecture – 25 Years of GRAFT

Ausstellung: 
28. Oktober – 5. Dezember 2023. Mo 13–17 Uhr, Di–Fr 11–18.30 Uhr, Sonn- und Feiertag 13–17 Uhr
Öffentliche Veranstaltungen:
15. November 2023, 18.30 Uhr: Taste Is the Lack of Appetite
24. November 2023, 18.30 Uhr: Architecture in Times of Need

 

Taste Is the Lack of Appetite

Taste Is the Lack of Appetite
GRAFT

ISBN 978-3-943615-82-1
Aedes
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