Wie viel Planung braucht der Wald?

Katinka Corts
1. de desembre 2021
Der heutige Naturschutzwald am Harzer Brocken. Die Fichten-Monokultur ist in großen Teilen dem Borkenkäfer zu Opfer gefallen. (Foto: Katinka Corts)

Um den deutschen Wald steht es schlecht: Nur noch 21 Prozent aller Bäume weisen laut der letztjährigen Waldzustandserhebung keine Schädigungen auf. Auch bei der Glasgower COP26 war der Wald ein wichtiger Schwerpunkt – 114 Staaten haben zugesagt, bis 2030 den weltweiten Verlust der Wälder stoppen zu wollen und werden dafür 12 Milliarden US-Dollar aufwenden. 

Mit 11,4 Millionen Hektar sind über 30 Prozent des Landes bewaldet – Deutschland ist damit das waldreichste Land Mitteleuropas. Vieles, was man heutzutage als Wald bezeichnet, ist aber nicht mehr als eine monokulturelle Schonung. Fichten über etliche Hektare, angepflanzt zur Herstellung von Festmetern Holz. Meist wurde dafür zuvor der ursprüngliche, wirkliche Wald gerodet. Wer sich an riesigen Palmöl- oder Bananenplantagen stört, sollte es auch an den Fichtenanpflanzungen, zum Beispiel im Harz. Und das tut man heutzutage auch, denn der Wald gefällt nicht mehr, sieht nicht mehr aus, wie er sollte. Denn: In der Baum-Monokultur konnte sich die Population des Borkenkäfers, auch dank der steigenden Temperaturen und der großen Niederschlagsdefizite der letzten Jahre, in den Rinden der geschwächten Bäume ideal vergrößern. Trockenstress verringert die Harzproduktion und damit die natürliche Abwehr der Bäume gegen die Eindringlinge. Reißen zudem Stürme Bäume um, entsteht schnell viel bruttaugliches Holz.

Foto: Katinka Corts

Das Problem ist jedoch nicht neu: Berichte über Borkenkäferkalamitäten reichen laut nabu bis ins 15. Jahrhundert zurück – bereits damals kultivierte man die auf höhere Lagen angepassten Fichten weit über ihre natürliche Verbreitung hinaus. Dennoch blieben die Schadflächen damals kleiner als heute im sich erwärmenden Klima. Der nabu erklärt dazu: „Wir erleben im Moment den Zusammenbruch von Fichtenkulturen, der im Vergleich zu sonstigen Naturvorgängen geradezu im Zeitraffer abläuft, man möchte beinahe von einem Kollaps sprechen. Der Natur selbst bleibt dabei gar nicht die Zeit, darauf zu reagieren. Ihre Antwort wäre ein anderer Wald mit anderen Baumarten. Bis der aber heranwächst, vergeht viel Zeit.“ Der andere Wald, ja, man erinnert sich. An Julia Klöckner, die damalige und jetzt noch geschäftsführende Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, die im zerstörten Wald eine Douglasie pflanzt. Diese Bäume seien klimawandeltauglicher, könnten sich anpassen und seien nicht anfällig für den Borkenkäfer. Diese fromme Hoffnung ist indessen erloschen, deutsche Waldbetriebe vermelden inzwischen, dass die Käfer erstaunlich flexibel sind und auf andere Baumarten ausweichen, wenn keine Fichten mehr zur Verfügung stehen. 

 

Foto: Katinka Corts

Im mitteldeutschen Harz fallen zwei unterschiedliche Möglichkeiten auf, mit den Schäden der Vergangenheit umzugehen: In bewirtschafteten Wäldern wird das Totholz geschlagen, übrig bleiben die (vermeintlich) gesunden Bäume. Im Nationalpark Harz hingegen setzt man auf das natürliche Heranwachsen eines klimastabilen Mischwaldes. Allerlei Beschilderungen mit Erklärungen zum Konzept sollen den Wanderern die Sorge um das Gesehene nehmen. Das Konzept funktioniert: Zwischen dem Altholz wächst langsam seit einigen Jahren ein kleiner frischer Wald heran, ganz unbewirtschaftet vom Menschen. Lediglich wegnahe Totbäume werden geschlagen oder so eingekürzt, dass sie niemanden gefährden. 

Der deutsche Förster Peter Wohlleben hat schon häufig den deutschen Plantagenwaldbau, der zudem staatlich subventioniert wird, scharf kritisiert. Er plädiert dafür, den Wald einfach „machen zu lassen“ – in 2018 abgebrannten Waldgebieten habe sich beispielsweise gezeigt: Wird gerodet und neu gepflanzt, verdichten die Maschinen den Boden und schaffen wasserabführende Rinnen, die den Untergrund entwässern. Neue Anpflanzungen haben es schwer, da der Boden nicht von Altbäumen beschattet wird und die Oberflächentemperatur auf bis zu 60 Grad Celsius ansteigt. Auf einem Testgebiet, in dem die verbrannten Baumstämme belassen wurden, habe sich hingegen inzwischen ein kleiner Mischwald gebildet – ganz ohne kostenintensive Anpflanzung.

Julia Klöckner ließ 2020 in der Waldzustandserhebung verlauten: Noch nie seien seit Beginn der Zählungen so viele Bäume in einem Jahr abgestorben. Nahezu alle Hauptbaumarten weisen Schadsymptome auf. Die Bundesregierung hat das Thema Wald und Holz im Corona-Konjunkturpaket mit insgesamt 700 Millionen Euro berücksichtigt. Erstmals gibt es eine Nachhaltigkeitsprämie für den Wald, die diejenigen erhalten können, die ihre Wälder besonders nachhaltig bewirtschaften. Derzeit müssen über 277'000 Hektar wieder bewaldet werden – und dabei muss ein Umgang mit den klimawandelbedingten Verlusten und Schäden gefunden werden, der nachhaltig der Waldwirtschaft hilft und vor allem dem Wald die Möglichkeit gibt, zu gesunden.
 

Waldzustandsbericht aus Berlin, 29.11.2021: Nur 3 von 100 Kiefern ganz gesund
Trotz etwas besserer Witterungsbedingungen als in den Vorjahren bleibt der Gesundheitszustand der Berliner Waldbäume im Jahr 2021 kritisch. So zeigt weiterhin gut ein Drittel (34 Prozent) der Waldbäume im Land, zumeist Kiefern und Eichen, deutliche Schäden (Vorjahr: 36 Prozent). Leichte Schäden weisen inzwischen 60 Prozent der Waldbäume auf (Vorjahr: 57). Der Anteil der gesunden Bäume ist sogar noch weiter gesunken: Nur noch sechs Prozent (Vorjahr: sieben Prozent) weisen keine sichtbaren Schäden auf. Das ist der bisher geringste Anteil gesunder Bäume seit Beginn der Erhebungen zum Waldzustand im Jahr 1991. Selbst an der grundsätzlich trockenheitstoleranten Kiefer, mit Abstand der häufigste Waldbaum in Berlin, zeigen sich weiterhin starke Vitalitätseinbußen. Ihr Zustand hat sich im laufenden Jahr durch mehr Niederschläge nur teilweise leicht verbessert: Gut ein Viertel (26 Prozent) bleibt deutlich geschädigt (Vorjahr: 31 Prozent). Nur noch drei von 100 Kiefern sind ganz gesund – auch dies ist der niedrigste Wert der vergangenen drei Jahrzehnte.

Forstliches Umweltmonitoring in Deutschland
Jeden Sommer nehmen Fachleute der Länder auf systematisch über die gesamte Waldfläche Deutschlands verteilten Stichprobenpunkten den Kronenzustand der Waldbäume auf. Beurteilungsmaßstab ist die Verlichtung der Baumkronen im Vergleich zu einer voll belaubten bzw. benadelten Krone. Die Abweichung von einer vollständigen Belaubung wird in 5-%-Stufen geschätzt. 0 % Verlichtung bedeutet eine voll belaubte Krone. 40 % Verlichtung bedeutet: Gegenüber einer voll belaubten Krone fehlen 40 % der Blattmasse bzw. es ist nur 60 % der normalerweise zu erwartenden Blattmasse vorhanden.
Der Kronenzustand hat sich bei vielen Baumarten weiter verschlechtert. Auch 2020 sind der Anteil der deutlichen Kronenverlichtung und die mittlere Kronenverlichtung gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Die mittlere Kronenverlichtung ist im Durchschnitt aller Baumarten mit 26,5 % so hoch wie noch nie. Nur noch 21 % aller Bäume weisen keine Kronenverlichtungen auf. Außerdem zeigt sich eine stark zunehmende Absterberate. Vor allem die älteren Wälder über 60 Jahre sterben ab, doch auch die jüngeren Bäume zeigen einen negativen Trend.

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