Neue Stadthäuser im Dom-Römer-Areal

Alles alt, oder was?

 Carsten Sauerbrei
27. Juni 2018
Blick auf die neuen Stadthäuser im Dom-Römer-Areal (rechts). In der Bildmitte das Stadthaus am Markt und daran links angrenzend die Kunsthalle Schirn. (Bild: Uwe Dettmar)
Wahrgenommen wird die kürzlich eröffnete neue «Altstadt» in Frankfurt/Main vor allem als Rekonstruktionsprojekt. Dabei gibt es dort auch gelungen Zeitgenössisches zu entdecken. Wir stellen drei der insgesamt 21 neuen Stadthäuser vor.
Die Kontroversen um das Für und Wider der Frankfurter Altstadtrekonstruktion, deren umstrittene Entstehungsgeschichte und Bedeutung für das zeitgenössische Bauen sind noch in vollem Gange. Jenseits solch übergreifender Fragen lohnt sich ein individueller Blick auf einzelne, der insgesamt 36 Neubauten im Dom-Römer-Areal. Interessant sind dabei vor allem die 21 Projekte, die in Architekturwettbewerben ausgewählt wurden und unter Einhaltung der Gestaltungssatzung entstanden. Es finden sich leider unter ihnen nur eine Handvoll Projekte, bei denen es den Architekten gelang, die strengen Vorgaben mal vorsichtig, mal mutig zeitgenössisch zu interpretieren. Die hier vorgestellten Stadthäuser von Meurer Generalplaner GmbH, Frankfurt/Main, des Berliner Architekten Tillmann Wagner und des Schweizer Büros Morger Partner, Basel zählen dazu.
«Rebstockhof II»

Das Frankfurter Architekturbüro Meurer Generalplaner GmbH, die schon 2016 gemeinsam mit dem Büro Christian Bauer Associés, Luxembourg für das am Rande des Dom-Römer-Areals gelegene, sehr gelungene Stadthaus am Markt verantwortlich zeichneten, realisierten im Dom-Römer-Areal das Haus «Rebstockhof II». Die Architekten standen mit dem Neubau vor der Aufgabe, auf der winkelförmigen Parzelle zwischen dem neuen «Haus am Dom» und dem rekonstruierten Rebstockhof zu vermitteln. Dazu schufen sie zwei stadträumlich unterschiedlich differenzierte Situationen: einerseits, einen öffentlichen zugänglichen Weg vom Markt, der auf ein zweigeschossiges Tor als Eingang zuläuft und andererseits einen privaten, introvertierten Innenhof mit einem eingeschossigen Tor als Zugang. Beide Tore überwölbten die Architekten mit einem Rundbogen, der sich als Motiv auch im geschwungenen Treppenhaus wiederfindet.
Ein öffentlicher Weg führt vorbei am rekonstruierten Rebstockhof und läuft auf das zweigeschossige Rundbogenportal des Neubaus zu. (Bild: Uwe Dettmar)
Angenehm ruhig und auf wenige, präzise gestaltete Details reduziert präsentiert sich der Neubau mit einem hellen, sandfarbenen Kammputz, im Kontrast dazu dunklen, aus der Fassadenebene leicht hervortretenden Fensterlaibungen und Gesimsband aus Muschelkalk und einem elegant glatten Schieferdach. Die tief liegenden, in engem Raster gesetzten Fenster sollen nicht nur für eine gute Belichtung in der engen Altstadtbebauung sorgen, sondern verleihen dem Baukörper zusammen mit den bis an den Dachrand hervortretenden Gauben auch eine belebend plastische Wirkung.
Bis auf das Erdgeschoss, indem die Architekten eine gewerblich nutzbare Einheit vorsahen, befindet sich in allen übrigen Geschossen jeweils eine Wohnung, in denen sich - bedingt durch die winkelförmige Grundrissgeometrie des Gebäudes - aus den Zimmern der Wohnungen sich immer neue Perspektiven in die umgebende Stadt ergeben. Die oberste Wohnung dieses angenehm zurückhaltend gestalteten Neubaus bildeten die Architekten als Maisonette aus.
Eine klare und zurückhaltende und dennoch plastisch wirksame Gestaltung sind die Qualitäten des neuen Stadthauses. (Bilder: Uwe Dettmar, Montage: Carsten Sauerbrei)
In jedem Geschoss befindet sich eine Wohnung mit Ausnahme der beiden letzten, in denen die Architekten eine Maisonette vorsahen. (Bild: Uwe Dettmar)
«Goldene Schachtel»

Wesentlich expressiver gestaltete der Berliner Architekt Tillmann Wagner das Haus «Goldene Schachtel» auf dem Dom-Römer-Areal, wobei er dessen Baugestalt und Raumbildung ausgehend von spezifischen Eigenschaften des Ortes entwickelte. Das neue Haus, das durch die Zusammenlegung von zwei historischen Parzellen auch zwei Adressen ausbildet, erstreckt sich zwischen «Markt 32» und «Hinter dem Lämmchen 5». Die letztere Gasse verläuft auf Höhe der Parzelle in einem konvexen Knick. Dies und die Tradition Fachwerkhäuser mit vertikalen Vorsprüngen auszuführen, übersetzt Wagner in einen Baukörper mit einer gestaffelten Außenhülle, die mit geknickten Vorsprüngen den Gassenraum nachzeichnet.
Südliche Hausansicht des Neubaus «Goldene Schachtel» (links) und nördliche Ansicht (rechts). (Bilder: twarc, Montage: Carsten Sauerbrei)
Horizontale Ausrichtung und plastische Wirkung der Baukörperhülle verstärkt Tillmann Wagner durch die auf je einer Seite eng nebeneinandergesetzten Fenster und die geschossweise alternierend, über die gesamte Hausbreite kontinuierlich zu- bzw. abnehmende Stärke der Geschossvorsprünge. Der subtil golden schimmernde Fassadenputz des Neubaus nimmt Bezug auf den Namen «Goldene Schachtel», den auch schon der mittelalterliche Vorgängerbau an dieser Stelle trug. Eine für dieses Projekt entwickelte goldene Transparentlasur, die in die Vertiefungen des gefilzten Muschelkalkputzes eingerieben wurde, gibt dem Haus seinen markanten Glanz. Je mehr man sich dem Gebäude jedoch nähert, umso mehr verliert sich dieser Schein und tritt zugunsten des erdtonigen Putzes zurück.
Faltung und Staffelung finden sich auch im Lichthof und im Inneren des Gebäudes wieder, das durch perspektivische Raumwirkungen geprägt ist. Die großzügig verglasten Hoffassaden entwickelte Wagner ebenfalls als gefaltete Oberflächen, um helle Innenräume zu ermöglichen und ein allzu starkes Gegenüber der Glasflächen auf die kurze Hofdistanz zu vermeiden. Versprünge kennzeichnen auch die sich über die ganze Parzellentiefe erstreckenden, loftartigen Wohnräume, die aus aufgrund der Bauplatztopografie leicht höhenversetzt zueinander angeordneten Trakten bestehen. Gegenwartsbezug, statt Replik oder historische Spolien betont nicht nur die Formensprache der «Goldenen Schachtel», sondern auch die drei, passend zum architektonischen Hauskonzept konzipierten Künstlergitter «Palindrom» des Malers Paul Antonius.
«Raumhaltige Wände» nennt Tillmann Wagner die Kombinationen aus Trennwand und Einbaumöbel, die neben Sichtbeton und Putz das Innere der Wohnräume prägen. (Bild: twarc)
Aufgrund der Bauplatztopographie bestehen die loftartigen Innenräume aus leicht zueinander höhenversetzt angeordneten Trakten. (Bild: twarc)
«Markt 30»

Auch die Schweizer Architekten des Büros Morger Partner, unverdächtig jeder Retro-Attitüde, realisierten eines der Stadthäuser im neuen Dom-Römer-Areal. Sie schufen damit eine Architektur, die bei den Materialien sowie mit Form und Proportion des Baukörpers auf die Frankfurter Baugeschichte Bezug nimmt und sich in das neue Altstadtensemble einfügt und dabei dennoch individuelle Präsenz zeigt und vor allem bei den Konstruktionsdetails ihren Gegenwartsbezug ausdrückt.
Ansichten «Markt 30». (Bilder: Steffen Kunkel, Montage: Carsten Sauerbrei)
Der Neubau aus 49 cm starken, monolithischen Ziegelmauerwerk befindet sich auf einer schlanken, tiefen Parzelle mit Lichthof und bildet zwei Adressen aus – im Süden «Markt 30» und im Norden «Hinter dem Lämmchen 3». Die Fassaden zu beiden Seiten gestalteten Morger Partner nach dem gleichen Prinzip und mit gleicher Konstruktion. Die mit einem glatten, roten Kratzputz versehenen Fassaden gliedern sie geschossweise durch deutliche, in der Höhe an Stärke zunehmende Vorsprünge. Als weitere, markante Gliederungselemente verwenden sie großzügig raumhohe, außen bündig angeschlagene Kastenfenster.
Ansicht «Hinter dem Lämmchen 3» (Bild: Steffen Kunkel)
Die Erdgeschosszonen und Eingänge der beiden Hausseiten bildeten Morger Partner unterschiedlich aus. Das südlich gelegene Erdgeschoss an der Marktstraße bekleideten sie - so wie von der Gestaltungssatzung vorgeschrieben - mit aus einem für Frankfurt typischen, roten Sandstein in großformatigem Zuschnitt, über einem sehr schmalen und damit elegant wirkenden Sockelband aus ebenfalls vorgeschriebener Basaltlava. An der nördlichen Hausfassade an der Straße «Hinter dem Lämmchen » integrierten sie dagegen eine dreiachsige, historische Spolie aus Buntsandstein, die eine dahinter liegende Fassadenebene so verdeckt, dass die Zugänge zu den Wohnungen in den Obergeschossen und den Läden im Erdgeschoss individuell gestaltet werden konnten.
Die tiefen Kastenfenster sind nicht nur außen, sondern auch im Gebäudeinneren ein wichtiges Gestaltungselement. (Bild: Steffen Kunkel)
Unterschiedlich fallen auch die Hausbreiten und die Dachformen an beiden Adressen aus, was zu zwei Fassadenvarianten führt. Auf der schmaleren südlichen und giebelständigen Hausseite platzierten Morger Partner ein Fenster mittig vor dem dahinter befindlichen Wohn-Essbereich. Auf der breiteren nördlichen und traufständig ausgebildeten Hausseite, sind es zwei Fenster, je eines vor einem dahinter befindlichen Wohnraum, einmal ein Schlafzimmer und einmal das Bad. Um das Zentrum der Wohnungen zu belichten, ordneten Morger Partner zusätzlich einen schmalen Innenhof in der Mitte der Parzelle an.
Außen und Innen des Gebäudes stehen in direktem Zusammenhang. (Bild: Steffen Kunkel)
Ausblick

Die moderne Formensprache des Neubaus von Morger Partner, aber auch die der beiden anderen, hier vorgestellten Häuser zeigen eindrucksvoll, dass lokaler und Geschichtsbezug sich durchaus vertragen mit einer dezidiert, zeitgenössischen Architektur. Von solchen die Geschichte transformierenden Neubauten hätte man sich auf dem Dom-Römer-Areal mehr gewünscht. Leider sind allzu viele Neubauten lediglich enttäuschende oder auch skurrile Nachempfindungen, langweilige Retro-Nachbauten ihrer historischen Vorgänger. Mehr «kritischer Regionalismus» - wie es Kenneth Frampton nennt - ist nötig, nicht nur in Frankfurt, aber auch Architekten, die in der Lage sind, diesen qualitätvoll zu interpretieren.

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