ruhig und geschützt

Peter Petz | Podest | 21.03.2012
Léon Wohlhage Wernik gewinnt den Wettbewerb Funkkaserne Nord in München. Prof. Hilde Léon und Tilman Fritzsche stellen sich unseren Fragen zum Wettbewerb.
Blick vom Frankfurter Ring
Worin lag die Herausforderung der Aufgabenstellung?
Die größte Herausfordung war der stark befahrene Frankfurter Ring, der die nördliche Begrenzung des Wettbewerbsgrundstücks darstellt. Ähnlich wie bei unserer bereits realisierten Wohnbebauung an der Richard-Strauß-Straße (ebenfalls Teil der Münchener Ringstraßen), sollten in einer lauten und zunächst unwirtlichen Umgebung ruhige und geschützte Wohnsituationen geschaffen werden. Dabei wollten wir nicht einfach nur die Vorgaben des Schallschutzes erfüllen und ihn durch Lärmschutzwände zwischen den Baukörpern herstellen, wie es der Auslober eigentlich gefordert hatte. Ein Akustikgutachten ergab schließlich, dass bei entsprechender Ausbildung der Baukörper auf die Schutzwände verzichtet werden kann. So verringerten wir zum Beispiel gegenüber der Masterplanung den Abstand zwischen den Baukörpern, wodurch der Lärm weniger direkt in das Quartier dringen kann.
Lageplan
Wie kamen Sie zu den Baukörpern? Welche Rolle spielen die Freiräume?
Insgesamt haben wir hybride Baukörper mit unterschiedlicher Geschossigkeit entworfen: Strukturell eine geöffnete Blockbebauung, ausdrucksstarke Gebäuderiegel vom Ring aus gesehen, Kopfbauten an den Hoföffnungen, die zu den südlich des Areals entstehenden Punkthäusern vermitteln. Die grünen und ruhigen Höfe sind nach Süden geöffnet, strahlen aber durch ihr leicht erhöhtes Niveau Privatheit aus. Die Erdgeschosswohnungen besitzen eigene Gartenparzellen, der zentrale Bereich ist aber öffentlich. Die Landschaftsplanung von Atelier Loidl sieht vor, dass am Frankfurter Ring, von dem die Häuser etwas zurückspringen, unter einem grünen Dach aus Kiefern „urbane“ und durchaus geräuschvolle Sportarten wie Skaten und Basketball ausgeübt werden. Der Ring soll zu einer charaktervollen Stadtstraße aufgewertet werden. Im Entwurfskonzept taucht also der Gegensatz zwischen Laut und Leise wieder auf.
Erdgeschoss, Regelgeschosse, Ansicht, Schnitt
Wie gruppieren Sie die Wohnungen? Welche Standards sind vorgesehen?
Ein Großteil der 420 neuen Mietwohnungen soll geförderter Wohnraum sein. Darunter sind 130 Studentenwohnungen, die in einem eigenen winkelförmigen Baukörper am Ostrand des Areals liegen und einige soziale Einrichtungen. Gerade bei der internen Organisation reagiert der Entwurf auf die Erfordernisse des Schallschutzes. So werden die zum Ring gelegenen Bauteile über einen an der Außenwand verlaufenden Gang erschlossen, der einen Lärmpuffer darstellt. Hier reihen sich 42qm große Einzimmerwohnungen auf. Die übrigen Wohnungen sind zwischen 60 und 130qm groß. Zu den Seitenstraßen orientieren sich die Erschließung und Nebenräume der Wohnungen, Schlaf- und Wohnräume liegen immer zum grünen Hof oder zur ruhigen Quartiersstraße im Süden. Durch ihre Lage über Eck gewähren viele Wohnungen die Annehmlichkeit einer geschützten Situation.
Grundrisse
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?
Wichtig war uns, wie bereits angedeutet, die verkehrsbelastete und dadurch zwanghafte Situation nicht zu ignorieren, sondern als architektonisches Thema zu nutzen. Wir wollen nicht geschützte Häuser bauen; die Häuser selber sollen den Schallschutz darstellen. Das bedeutet auch, dass wir die Seite zum Ring als Schauseite sehen und sie für die vorbeirasenden Autofahrer inszenieren – schließlich wird diese Seite das Aushängeschild des ganzen Quartiers sein. Natürlich gibt es im geförderten Wohnungsbau eingeschränkte Gestaltungsspielräume. Doch auch hierbei sehen wir Zwänge als Herausforderungen. Durch eine klare Struktur, eine sparsame und doch großzügige Erschließung sowie durch die Wiederholung von baulichen Elementen wird die erforderliche Wirtschaftlichkeit erreicht. Räumlicher Wohnkomfort ist aber trotz beschränkter Mittel möglich: Durch gute Grundrisse, großzügige Ausblicke, private Freiräume.
Blick von der Quartiersstraße
Welche Materialstrategie schlagen Sie vor?
Unser Entwurf sieht eine variantenreiche Relieffassade mit Vorsprüngen, Balkonen und leichten farblichen Differenzierungen vor; eine plastische Textur, in der sich offene und geschlossene Flächen miteinander verweben. Gleichzeitig wird die Fassade durch das einheitliche Material, mineralischer Putz, wieder zu einer körperhaften Kubatur. Auch gestalterisch begnügt sich die Straßenseite nicht damit, Rückseite zu sein. Erkerartige Vorsprünge geben der dahinterliegenden Erschließung Räumlichkeit und verleihen der Straßenansicht auch für den schnell Vorüberfahrenden ein lebendiges Bild – Nicht einfach bei einer 350 Meter langen Strecke. Doch der Mineralputz mit seiner haptischen Qualität, vereint mit dem tageszeitlich veränderten Schattenspiel der Vor- und Rücksprünge kann es, unserer Meinung nach, leisten.
Fassadendetail
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?
Nein. Darüber kann nur der Auftraggeber GEWOFAG Auskunft geben.
Modell (Foto: Böhm Glaab Sandler Mittertrainer)

Die komplette Wettbewerbsdokumentation finden Sie in
wa 03/2012
Funkkaserne Nord in München
Begrenzt offener Wettbewerb mit Bewerbungsverfahren

Jury
Prof. Manfred Ortner, Vors.
Ina Laux
Prof. Dr. Elisabeth Merk
Martin Rein-Cano
Gordona Sommer

1. Preis
Arch.: Léon Wohlhage Wernik
Berlin
L.Arch.: Atelier Loidl,
Berlin

3. Preis
Arch.: Stefan Forster
Frankfurt am Main
Arch.: Fink + Jocher
München
L.Arch.: realgrün
München

3. Preis
Arch.: Helmut Wimmer
Wien
Arch.: Delugan Meissl
Wien
L.Arch.: EGKK
Wien

4. Preis
Arch.: Florian Krieger
Darmstadt
L.Arch.: Glück
Stuttgart

5. Preis
Arch.: bogevischs buero
München
L.Arch.: grabner + huber
Freising