Lebendig und abstrakt

Ulf Meyer
3. 三月 2020
Der Ort für das Symposium war gut gewählt: Das Haus Lemke in Berlin-Hohenschönhausen ist das letzte von Mies entworfene Wohnhaus in Deutschland. (Foto: Thomas Grabka)

Ein Berliner Symposium widmet sich der „Aktualität von Mies‘ Architekturdenken“. Initiatoren der Veranstaltung waren der Potsdamer Architekturtheoretiker Jörn Köppler und der Wiener Albert Kirchengast.

Hundert Millionen Euro Steuergeld auszugeben für die Renovierung eines Gebäudes, das hinterher nicht „besser“ sein wird, ist etwas Besonderes. Bei der Sanierung der Neuen Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe in Berlin geht es dennoch genau darum: Um die eleganten Proportionen der Fassaden beispielsweise nicht zu verfälschen und dabei zu vergröbern, wird Ein-Scheiben-Glas bei der Sanierung verwendet und die Profile werden thermisch nicht getrennt. Mit derlei diffizilen Details muss sich derzeit Alexander Schwarz auseinandersetzen, der „Kopf“ des Berliner Büros von David Chipperfield, das mit der aufwändigen Pflege von Mies‘ zentralem Erbe in Berlin beauftragt wurde. Schwarz‘ Vortrag im Rahmen des Symposiums „Zur Aktualität von Mies‘ Architekturdenken“ am Freitag drehte sich um die Frage, wie die „Zeiterfahrung in die Moderne eingekehrt“ ist und die „Moderne das Versprechen ihrer ewigen Jugend gebrochen hat“.

Die Ausstellung setzt sechs Modelle von Mini-Architekturen in Bezug zu Blicken in die Landschaft. (Foto: Thomas Grabka)

In Chicago, wo zwei Mies-Gebäude bereits umfassend renoviert wurden, hatten die Sanierungen große Kontroversen um den richtigen Umgang ausgelöst. Der Leitsatz „God is in the details“ – ist zu Recht eines der bekanntesten Bonmots von Mies. Der Umgang mit überlieferten Gebäuden im „Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit“ wird vom Umgang mit dem kleinsten Detail entscheidend geprägt. Für Schwarz ist „Gott gewissermaßen im originalen Stoff“, den er nicht abbilden, sondern erhalten will. Insofern unterscheidet sich der denkmalpflegerische Umgang mit Gebäuden der Moderne nicht grundsätzlich vom Umgang mit älteren, handwerklich hergestellten Bauwerken.

Der Ort für das Symposium war gut gewählt: Das Haus Lemke in Berlin-Hohenschönhausen ist das letzte von Mies entworfene Wohnhaus in Deutschland, bevor er 1938 in die USA emigrierte. Der eingeschossige Bau mit nur zwei Zimmern und Ziegelfassaden dient heute als Ausstellungspavillon. Die Initiatoren des Symposiums sind die beiden Architekturtheoretiker Jörn Köppler aus Potsdam und Albert Kirchengast aus Wien. Parallel zur Konferenz haben sie eine Ausstellung im Haus erarbeitet, die sechs Modelle von Mini-Architekturen in Bezug zu Blicken in die Landschaft setzt. Damit erfassen sie die Essenz des Hauses Lemke, das ganz auf seinen von Karl Foerster gestalteten Garten ausgerichtet ist. 

Das Hauses Lemke ist ganz auf seinen von Karl Foerster gestalteten Garten ausgerichtet. (Foto: Thomas Grabka)

Der Architekturtheoretiker und Mies-Experte Fritz Neumeyer arbeitete sehr schön heraus, wie in Mies‘ Entwürfen die „Gebäude teils auf sich selbst schauen“. Das gilt selbst im kleinen L-förmigen Haus Lemke. Nicht nur die Öffnungen in den Wänden, sondern auch die Gebäude als Ganzes werden zu „Fenstern in die Ewigkeit“. Weil Menschen sich nur Endliches vorstellen können, wird die unendliche „Natur“ zum höheren Rahmen der menschlichen Existenz, der „Aufgehobenheit“ vermitteln kann – keine kleine Leistung für ein paar Wand- und Deckenscheiben. „Architektur ist deshalb für ein gutes Leben unerlässlich“, schloss Neumeyer – ein Satz, wie man ihn gerne einmal von der Bundesarchitektenkammer hören würde. Transzendenz kann man zwar „nicht unmittelbar bauen, aber eben auch nicht abweisen“, wie Neumeyer formulierte. Um als Bild zu taugen, „muss Natur allerdings schön sein“ – gerade so wie Kunst natürlich im Sinne von sinnfällig wirken muss, um als schön empfunden werden zu können. 

Die Architekturtheoretiker Jörn Köppler aus Potsdam und Albert Kirchengast aus Wien haben parallel zur Konferenz dieAusstellung im Haus erarbeitet. (Foto: Thomas Grabka)

Neumeyer zeigte das anhand des Projektes “Mies missing materiality“ von Anna und Eugeni Bach, die den Barcelona Pavillon 2017 mit weißen Folien abgeklebt hatten, wie Mies Räume „ent-architektonisiert“ (Neumeyer) werden könnten. Denn „Vielfalt und Opulenz der Oberflächen“ sind essentielle Bestandteile des Reichtums Mies’scher Räume. Als „morphologischen Dialog“ beschrieb Neumeyer Mies‘ „Architektur des Sowohl-als-auchs“, die unter der Bedingung der Abstraktion, die während der Geburt der Moderne herrschte, dennoch lebendige, beseelte Räume schafft: Nicht nur durch besagte Oberflächen, sondern auch mit anthropomorphen Skulpturen und eben Vistas. „Material und Fügung“ werden unter den Bedingungen der Abstraktion wichtiger und machen Renovierungen der Mies-Gebäude so delikat. Interpretieren lassen sie sich als „Seh-Geräte“, die nicht nur geschickt Blicke in die umgebende Natur rahmen, sondern sogar im Inneren ein Gefühl des Aufenthalts im Außenraum vermitteln, gestützt oft nur von einer Wandscheibe auf einer Seite. Den „Dialog von Innen und Außenraum hat Mies in den Innenraum verlegt“, wie Neumeyer sagte. Die Natur ist der „geheime Held der Ausstellung“ (und des Symposiums), wie Schwarz formulierte. Denn die Natur als etwas „nicht-herstellbares“, ein Element der Poiesis mit anderen Worten, wird von Mies Gebäuden „ins Werk gesetzt“. Nicht nur damit beweisen sie ihre Zeitlosigkeit und Aktualität zugleich.

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