Der deutsche Beitrag zur 17. Architekturbiennale von Venedig heisst «2038. Die Neue Gelassenheit».

Zurück aus der Zukunft

Ulf Meyer
19. fevereiro 2020
Filmstill aus «2038 – Francesca Bria», 2020 (Abbildung: mit freundlicher Genehmigung von 2038)

Allzu oft geraten Beiträge zur Architekturbiennale von Venedig zur «Architektur-Vermeidung». Eine Mischung aus Langweile und Unsicherheit, oft gepaart mit (über-)grossen politischen Ambitionen, sorgt wohl dafür. Das könnte auch dieses Jahr der Fall sein, wenn von der ersten Präsentation des deutschen Beitrags «2038. Die Neue Gelassenheit» in Berlin auf den Mai zu schliessen ist.

Der deutsche Beitrag zur 17. Architekturbiennale von Venedig soll eine Rückschau aus dem Jahr 2038 auf 2019 wagen – und zwar eine positive. «Heute, im Jahr 2038, haben wir die großen Krisen gemeistert. Es war knapp, aber wir haben es geschafft. Die globalen, ökonomischen und ökologischen Katastrophen der 2020er-Jahre brachten Menschen, Staaten, Institutionen und Unternehmen zusammen», texten die Kuratoren dazu beispielsweise. Der «Rückblick aus der Zukunft» setzt auf «Grundrechte, Technologien und Big Data», die eine «radikale Demokratie und Bürokratie» erlauben – «eine Welt, die weder Heldinnen noch Schurken kennt. Oder braucht.»

Dass aus Fiktion Realität werden soll, ist klar. Leider wird der Beitrag auf eine «Reihe von Filmen» setzen und nicht auf dreidimensional erlebbare Architektur. Die Vision einer «Ära der Neuen Gelassenheit» wird von einem «Team aus den Bereichen Architektur, Kunst, Literatur, Ökologie, Ökonomie, Politik und Technologie» erraten. «Zwischen Fiktion und Fakt, erzählt ‹2038› die Geschichte einer Welt, in der noch einmal alles gut gegangen ist», so die dünne Presseauskunft. Das Konzept wurde von Arno Brandlhuber, Olaf Grawert, Nikolaus Hirsch und Christopher Roth entwickelt.

Filmstill aus «2038 – Sénamé Koffi Agbodjinou», 2020 (Abbildung: mit freundlicher Genehmigung von 2038)

Prophetie kann schnell ungewollt komisch werden, wenn sie nicht von hellen Geistern wie Aldous Huxley stammt. Eine Extrapolation der Gegenwart genügt nicht. Die Kuratoren verraten zwar bisher herzlich wenig über den geplanten Beitrag – man hatte sich nach der Ankündigung im Oktober 2019 mehr erhofft –, aber dass «Roboter zu Freunden werden und Wände zu Medien-Membranen» hätte man vor 30 Jahren auch schon orakeln können. Alle «Bull-Shit-Bingo»-Vokabeln mindestens einmal fallen zu lassen, ist für eine gelungene Prophetie, die sich auf das heute auswirken soll, zu wenig. Das Bundesinnenministerium als Verantwortlicher zuckt angesichts des Konzeptes scheinbar noch nicht spürbar zusammen. Ob Deutschland so den Goldenen Löwen der Biennale bekommen kann?

Bisher scheint nur festzustehen, dass die Publikation des Deutschen Pavillons als Ausgabe der «Arts of the Working Class», einer «Straßenzeitung für Kunst und Gesellschaft, Armut und Reichtum», gedruckt werden wird und dass die Ausstattungsmaterialien von der Organisation «Rebiennale» stammen werden, die sinnvollerweise Materialien aus den Pavillons vorheriger Mostre recycelt.

17. Architekturbiennale Venedig

Giardini della Biennale 
23. Mai bis 29. November 2020, 10–18 Uhr, montags geschlossen (ausser am 25. Mai und 23. November)
Eröffnung des deutschen Pavillons: 22. Mai, 15 Uhr