Mining & Recycling-Architektur

 Manuel Pestalozzi
9. Februar 2018
Werner Sobek erläutert das Konzept, das dem «Materiallager» UMAR zugrunde liegt. Bild: Manuel Pestalozzi
Werner Sobek, Dirk E. Hebel und Felix Heisel haben für das Forschungs- und Testgebäude NEST im schweizerischen Dübendorf eine Wohneinheit entworfen, die komplett wiederverwertet werden kann. Am 8. Februar wurde UMAR eingeweiht.
NEST (Next Evolution in Sustainable Building Technologies) ist ein Stapel weit auskragender Betongeschosse auf dem Gelände der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa in Dübendorf, bei der nördlichen Stadtgrenze Zürichs. Auf den drei offenen Plattformen lassen sich einzelne Forschungs- und Innovationsmodule, Units genannt, nach einem «Plug-&-Play»-Prinzip installieren. Die NEST-Grundstruktur mit ihrem permanenten «Backbone»  basiert auf einem Konzept des Architekturbüros Gramazio & Kohler aus Zürich. Sie zeigt, wie man den Forschungsdrang mit gestalterischen Ambitionen kombinieren kann. Das selbe lässt sich für die Unit «Urban Mining & Recycling» (UMAR) sagen, die sich jetzt auf der Südostseite des zweiten NEST-Obergeschosses eingenistet hat. Ihre Schöpfer sind Werner Sobek, Leiter des Instituts für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren der Universität Stuttgart und Gründer der gleichnamigen Unternehmensgruppe, Dirk E. Hebel, Leiter des Fachgebiets Nachhaltiges Bauen am KIT Karlsruhe und des Future Cities Laboratory am Singapore-ETH Centre, und Felix Heisel, Forschungsverantwortlicher im selben KIT-Fachgebiet.
Dirk E. Hebel und Felix Heisel vom KIT Karlsruhe komplettieren das UMAR-Autorentrio. Bild: Manuel Pestalozzi
Aufbau mit Abfall
Wie kommt es, dass Deutsche eine Forschungseinheit in der Schweiz realisieren? Peter Richner, stellvertretender Empa-Direktor und Verantwrotlicher für die NEST-Strategie, erklärte anlässlich der Einweihung von UMAR, dass sein Team auf Dirk E. Hebels Buch «Building from Waste» aufmerksam wurde und ihn anfragte, ob er daran interessiert wäre, eine Unit, nach den dort festgehaltenen Erkenntnissen und Prinzipien. Anschließend ging es in der globalen Bauwissenschaftswelt ganz schnell, bis das Autorentrio formiert war und UMAR Gestalt annahm. Die Inkubations- und Entstehungszeit von rund drei Jahren ist laut Peter Richner für eine NEST-Unit ein Temporekord.
 
Das Konzept für UMAR leitet sich ab von der Erkenntnis, dass immer knapper werdende Ressourcen und der daraus abgeleitete Wunsch, der heutigen Wegwerfmentalität den Rücken zu kehren, die Baubranche zu Gedanken über die Mehrfachnutzung und Rezyklierbarkeit von Materialien sowie über alternative Konstruktionsmethoden zwingt. Die Unit zeigt, dass ein Bauwerk ohne Verwendung frischer Baustoffe aus nicht erneuer- oder vermehrbaren Ressourcen möglich ist. UMAR ist ein Wohnmodul mit Bädern für zwei Personen und wird auch als solches genutzt. Seine Strukturen und Materialien lassen sich nach dem Rückbau vollständig und sortenrein wieder- oder weiterverwenden, rezyklieren oder kompostieren.
Ein Raumtrenner mit einer Füllung aus «Bauschuttsteinen» lässt sich zur Seite schwenken. Bild: Zooey Braun
Geklemmt, nicht geklebt
Das Tragwerk und große Teile der Fassade der modular aufgebauten Unit bestehen aus unbehandeltem Holz. Man achtete darauf, dass eine sonst übliche chemische Behandlung nicht nötig ist und damit die sortenreine Wiederverwertung oder eine rein biologische Kompostierung möglich wird. Für die Einfassung der Fassade kamen wiederverwendete Kupferplatten zum Einsatz, die zuvor das Dach eines Hotels in Österreich deckten, bzw. Platten, die aus eingeschmolzenem, wiederverwertetem Kupfer gefertigt wurden. Die Dämmung besteht aus geschredderten Bluejeans.
 
Secondhand-Elemente finden sich auch im sorgfältig gestalteten, einen asketischen Luxus ausstrahlenden Innern. So stammen die Türgriffe aus einem Bürobau in Brüssel, das durchaus edle Siebzigerjahre-Beschlagsdesign erhält nun in Dübendorf ein zweites Leben. Die Raumoberflächen bestehen aus diversen UMAR-gerechten Werkstoffen, die trotz ihrer Verschiedenartigkeit ein stimmiges Ganzes ergeben und auch von der Haptik und ihrem Geruch her keinerlei Irritationen auslösen. Alle Elemente lassen sich ohne Aufwand wieder voneinander trennen. Die Devise hieß, frei nach James Bond: geklemmt, nicht geklebt. Verbindungen sind im UMAR reversibel.
Verschiedenen Wandoberflächen werden nebeneinander getestet. Die Türgriffe stammen aus einer Brüsseler Bank. Bild: Zooey Braun
Viele der eingesetzten Elemente sind junge Produkte, welche die umtriebigen Autoren rund um den Globus aufgestöbert haben. Im Entree von UMAR befindet sich eine kleine Materialbibliothek mit Datenblättern, welche mitunter über die Kreislaufgerechtigkeit und -position informiert. Diese Sammlung ist auch auf der UMAR-Website abrufbar. Noch ist weitgehend unbekannt, wie dauerhaft diese Materialien sind und wie sich ihr Langzeitverhalten gestaltet. Doch eines ist sicher: Die Wiederverwertbarkeit ist garantiert.

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