Anna Heringer im Gespräch

"Es geht um das Projekt"

 Katinka Corts
29. Mai 2018
Die Stoffe vor Heringers METI school (Bild: Anna Heringer)
In den Arsenale-Beiträgen zeigen sich immer wieder die Schätze der Architekturbiennale. Einer davon ist die Präsentation von Anna Heringer.
„Nur zur Selbstdarstellung wäre ich nicht gekommen“ – sagt Anna Heringer gleich zu Beginn des Gesprächs. Natürlich hat sie mit ihrem Büro schon mehrere sehr zeigenswerte Bauten realisiert (und das schreibt hier die Autorin und ist nicht O-Ton von Heringer), wie die METI school in Bangladesh oder einen Kindergarten in Zimbabwe. Immer um ethische und ökologische Korrektheit bemüht, im Einklang mit dem Umfeld und den Einheimischen. Das schreiben sich viele auf die Fahnen, wenn sie ihre Projekte präsentieren. Anna Heringer glaubt man es aber sogar, ohne dass sie es sagen muss. Ausgezeichnet mit Preisen für Nachhaltiges Bauen und dem Aga Khan Award for Architecture will Heringer im Arsenale-Beitrag einem anderen Projekt Präsenz verschaffen und zeigt dafür mit wenigen präzisen Mitteln den Kontrast zwischen dem Dorf- und dem Stadtleben in Bangladesch. Vor fünf Jahren, so erklärt sie, war sie in Bangladesh eingeladen, um über das Thema der Landflucht, die Arbeit in Textilfabriken und die damit verbundenen Konsequenzen für die Familien zu diskutieren. Ratschläge sollte sie geben, jedoch habe sie schnell gemerkt, dass sie mit ihrem Werkzeug Architektur da „am Ende sei“. Eigentlich, so fand sie, müsse man das Produkt ändern, damit eine dezentrale und natürlichere Produktion wieder möglich werde.
Die Decke mit dem Dorfplan entstand in Handarbeit (Bild: Stefano Mori)
„In den Dörfern Bangladeschs sind die Leute unglaublich fähig, ihren Lebensraum selbst und unabhängig zu gestalten“, so Anna Heringer und deutet auf eine der Decken, die im Arsenale hängt. Auf ihr ist eine Karte eines Dorfes zu sehen, die Teiche sind zugleich Lehmgrube, Bambus wächst drumherum. Neben dem Baumaterial aus dem direkten Umfeld bewirtschaften die Menschen hier auch ihre Felder, auf denen Nahrung wächst, und sie hüten ihre Tiere – jeder kann sein Potenzial ausschöpfen und gleichzeitig die sehr stark ausgeprägten Familienbeziehungen leben. „Hier sind Alte integriert und finden ihren Platz. Das ganze Dorf ist Spielplatz für die Kinder. Und Frauen fühlen sich sicher, weil sie das Netzwerk kennen.“ Eine Idylle, wie sie unser touristisch-verklärtes Auge nur zu gern sieht.
„Doch der Mensch folgt dem Geld, und Geld führt zu unseren Märkten“, unterbricht Heringer den Tagtraum. In Bangladesch regiert hauptsächlich der Textilsektor, und dieser prägt heute die Siedlungsstruktur mehr als alles andere. Arbeitskräfte aus dem ganzen Land zieht es in die Städte und in die dortigen Textilfabriken; und die Menschen kommen mit Träumen und Hoffnung auf Reichtum.
Ausstellung im Arsenale (Bild: Julien Lanoo)
Bild: Julien Lanoo
Stellvertretend für das Leben im Umfeld der Fabriken befindet sich im Arsenale ein wenige Quadratmeter großer Raum: Sein Äußeres, von Goldfarbe überzogen, steht zugleich für die Träume der Menschen und für die Shoppingmalls unserer kapitalistischen Welt. Im Inneren trifft einen die Realität – die Wände sind tapeziert mit Zeitungsberichten über katastrophale Arbeitsbedingungen und Unglücke, die in den Fabriken in der Vergangenheit passiert sind. Spätestens seit dem Brand in der Tazreen-Kleiderfabrik im November 2012 (117 Tote, mehrere hundert Verletzte) und dem Einsturz des Rana Plaza in Sabhar (1135 Tote, mehr als 2400 Verletzte) ein Jahr später kann kein Westler und keine Westlerin das Wissen darüber leugnen.
​Hier passiert Ausbeutung, es ist ein hartes Leben, die Menschen arbeiten an sechs Tagen die Woche je 10 oder mehr Stunden, sehen ihre Kinder kaum und ihre Familie vielleicht noch einmal im Jahr. Der einzige verbleibende Freiraum – Freespace lautet ja das Thema der diesjährigen Architekturbiennale – ist der Fernseher, in den abends apathisch gestarrt werde, so Heringer. Sie weiß, wovon sie redet. Anna Heringer war in den Fabriken, hat auch schon an Nähmaschinen gearbeitet in Bangladesh. „Die Arbeiterinnen und Arbeiter haben einen unglaublichen Druck. Geräusche, Licht, Gebläse, Fasern überall“, so Heringer. Es sei eine ganz harte Arbeit, und die Menschen leiden darunter, sich und ihre Kinder nicht mehr selbst versorgen zu können. Manche Kinder blieben in den Dörfern, manche kämen aber auch mit in die Stadt, erklärt die Architektin. „Dann sind sie aber nur drinnen, haben keine Gemeinschaft und keinen Freiraum im Vergleich zu den Dörfern, aus denen sie kommen.“
Noch immer leben etliche Millionen Menschen in Bangladeschs Dörfern. Freiwillig gehen sie nicht in die Städte. Solange das Land die Familie ernährt, bleibt man im Dorf. Mit der Überbevölkerung wird aber das Land knapp, und wenn es zum selbstversorgten Leben nicht mehr reicht, gehen zumeist die Frauen in die Fabriken der Stadt.
Bild: Anna Heringer
​Statt mit einem Ratschlag, wie ihn sich die Verantwortlichen vor Jahren erhofften, kommt Anna Heringer nun mit einem praktischen Projekt für Schneiderei und Kleidung: „Didi Textiles habe ich gemeinsam mit Veronika Lang, einer Schneiderin aus meiner Heimatstadt Laufen, und  der NGO Dipshikha entwickelt“, so Heringer. Dipshikha kenne sie schon seit mehr als 20 Jahren aus ihren Anfängen in der Entwicklungsarbeit, mit ihnen hat sie auch ihre Projekte bislang gebaut. Viele Frauen arbeiten für die NGO, Arbeit wird benötigt. „Mit Didi Textiles drehen wir den Spieß um und produzieren Shirts in dezentraler Weise, mit fußbetriebenen, alten Maschinen, die keinen Strom brauchen.“ Vieles wird mit Hand genäht und die Shirts, Kleider, Beutel und Kissen sind so entworfen, dass sie sehr einfach produziert werden können und dennoch Einzelstücke bleiben.“

„Der Sinn der Aufgabe ist die eigentliche Energiequelle, das trägt zum Glück bei.“

Anna Heringer
Bangladesch hat eine fantastische Textilkultur, was in der Massenproduktion der banalen Kleidung für den Westen gar nicht berücksichtigt wird. Anna Heringer: „Wir haben das Projekt ganz ähnlich wie Architekturprojekte begonnen: Wir schauten, welche Potenziale in Land und Kultur vorhanden sind und wie man da das beste draus machen kann.“ Und sie wurden im Umfeld der Menschen fündig: Von der Familie bekommt jede Frau anlässlich des religiösen Hauptfestes traditionell einen Sari pro Jahr, jeder Mann einen Wickelrock. Die sehr feinen Baumwollstoffe werden nach dem Tragen aber nicht weggeworfen, sondern über die Jahre gesammelt. Die geschichteten Familienkleider werden dann mit feinen Stichen zu Decken vernäht, auf denen die Familie schläft. Ein erstes Up-Cycling. Mit der Zeit hat jede Decke sozusagen einen „Abdruck der Familie“. Bevor der Stoff zu durchgelegen ist, und nur noch für Putzlappen oder Kinderwindeln taugt, übernimmt Didi Textiles. Per Hand werden aus den immer noch zarten Stoffen nun hochwertige Kleidungsstücke.
​„Wir müssen wegkommen von dieser Unsitte, Kleidungsstücke für einzelne oder wenige Events zu haben“, sagt Heringer, die im Arsenale selbstverständlich in einem Shirt des Startups steht. „Den Wert einer Kultur sieht man häufig in deren Abfall. Wenn dieser Stoff nochmals aufgewertet und neu genutzt werden kann, ist das ein großer Gewinn. Unsere Ressourcen sind wertvoll und wir veredeln sie mit Handwerk, um etwas einzigartiges zu schaffen.“
Das neue Zentrum in Rudrapur soll ab Herbst 2018 gebaut werden (Zeichnung: Studio Anna Heringer)
Ab Herbst baut Anna Heringer mit ihrem Team in Rudrapur ein neues Gebäude für Menschen mit Behinderung. Im Obergeschoss wird es eine Textilwerkstatt geben, in der Frauen im Auftrag von Didi Textiles Kleidung nähen. Organisiert über Dipshikha werden die Angestellten gut bezahlt, gleichzeitig sorgt die NGO dafür, dass auch Geld in die Dorfgemeinschaft fließt und Schulen und Betreuung unterstützt werden. „Der Zirkus hier und der Geltungsdrang, der in der Architekturszene schon sehr groß ist, erschöpft und nimmt einem die Ressourcen. Deshalb ist mir Bangladesch und die dortige Verwurzelung mit dem gesunden Leben sehr wichtig“, erklärt die Architektin. „Immer wieder vor Ort zu sein und zu spüren, warum man das macht, ist unglaublich wertvoll. Der Sinn der Aufgabe ist die eigentliche Energiequelle, das trägt zum Glück bei.“

Für Didi Textiles haben Anna Heringer, Veronika Lang und Dipshikha eine Crowdfunding-Kampagne gestartet und freuen sich über begeisterte Unterstützer.
Die Crowdfunding-Kampagne begann am Eröffnungstag der Architekturbiennale (Bild: Didi Textiles)

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