Wehrhahn-Linie in Düsseldorf

Analoger Kunsteingriff

Thomas Geuder
10. maja 2016
Nach 15-jähriger Planungs- und Bauzeit konnte im Februar 2016 die Wehrhahn-Linie in der Düsseldorfer Innenstadt eröffnet werden. (Bild: Glas Trösch)

Düsseldorf hat seit Kurzem eine neue U-Bahn-Verbindung, die lang erwartete Wehrhahn-Linie. Sie wurde geplant von netzwerkarchitekten aus Darmstadt zusammen mit Heike Klussmann und fünf weiteren Künstlern – für jede Haltestelle eine/r.

Projekt: U-Bahn-Station Graf-Adolf-Platz in der neuen Wehrhahn-Linie (Düsseldorf, DE) | Architektur: netzwerkarchitekten (Darmstadt, DE) | Künstlerische Konzeption «Kontinuum»: Heike Klussmann (Berlin, DE) | Künstlerische Konzeption Station «Graf-Adolf-Platz»: Manuel Franke (Düsseldorf, DE) | Bauherr: Landeshauptstadt Düsseldorf (Düsseldorf, DE) | Hersteller: Glas Trösch (Ulm-Donautal, DE), Kompetenz: Sonderanfertigung VSG | weitere Projektdaten siehe unten

In nunmehr 30 Jahren haben sich die Düsseldorfer daran gewöhnt, dass sich im innerstädtischen Untergrund einiges tut. Denn seit 1976 wird hier die U-Bahn stetig ausgebaut, oft in nervenzehrender offener Bauweise, entsprechende Verkehrsprobleme und Baulärm inklusive. Anfang dieses Jahres nun ist ein weiteres, wichtiges Teilstück fertiggestellt worden: Die Wehrhahn-Linie ist eine Art Querverbindung durch die Innenstadt, verbindet S-Bahn-Haltestellen Wehrhahn nördlich des Hauptbahnhofs und Bild südlich der Innenstadt und kreuzt die bereits bestehende U-Bahn-Linie an der Haltestelle Heinrich-Heine-Allee. Die 3,4 Kilometer lange Linie ist somit ein zentraler Teil zur Erschließung der Innenstadt. Dieser Bedeutung war sich die Stadt Düsseldorf bewusst, und so lobte sie bereits vor über 15 Jahren EU-weit einen Architektenwettbewerb aus, den 2001 schließlich das Darmstädter Büro netzwerkarchitekten zusammen mit der Berliner Künstlerin Heike Klussmann gewinnen konnten. Schon bei der Ausschreibung bestand die Zielsetzung, die Verbindung von Architektur und Kunst im Stadtraum erfahrbar zu machen. Diesen Ansatz entwickelten sie weiter zum Gestaltungskonzept des unterirdischen «Kontinuums», bei dem eine wiederkehrende Reliefstruktur aus veredelten Betonelementen die Wandoberflächen überzieht und somit als verbindendes Element der gesamten Strecke wirkt. Grundform dieser Struktur ist die Raute, die formal immer wieder variiert wird und dadurch eine räumliche Zeichnung, eine starke Dynamik erzeugt.

Eine wiederkehrende Reliefstruktur aus veredelten Betonelementen überzieht die Wandoberflächen in allen Bahnhöfen. (Bild: Jörg Hempel / netzwerkarchitekten)

Insgesamt sechs Stationen besitzt die neue Wehrhahn-Linie, jede sollte von einem anderen Künstler individuell gestaltet werden. In der ersten von Norden her gesehen lässt Heike Klussmann ausgehend von den Zugängen weiße Bänder über Wände, Decken und Boden laufen, sodass die Geometrie der Architektur gebrochen und eine überraschende, dreidimensionale Wirkung erzeugt wird. Die Künstler für die fünf anderen Stationen wurden in einem 2002 initiierten Kunstwettbewerb, an dem Vertreter der Düsseldorfer Kulturinstitute wie Kunsthalle, Kunstverein, Museum Kunstpalast und Kulturamt teilnahmen, gefunden: Ursula Damm schuf in der Station Schadowstraße eine interaktive Installation, bei der in Echtzeit die Bewegungen der Passanten an der Oberfläche auf eine große LED-Projektionsfläche gezeigt werden. Ralf Brög gestaltete für die drei neuen Zugänge der Station Heinrich-Heine-Allee, der Verbindung zur bestehenden U-Bahn, ein Soundystem, das verschiedenartigste akustische Interventionen ermöglicht, die den Raum zum Theater, Labor und Auditorium machen. Thomas Sticker holt in der Station Benrather Straße das Universum mit Planeten, Sternen, ihrer Ruhe und Schwerelosigkeit in die Unterwelt. Enne Haehnle schieb für die Station Kirchplatz poetische Texte, die skulptural umgesetzt als Schriftzug nur aus bestimmten Perspektiven zu lesen sind.

In der neuen Düsseldorfer Wehrhahn-Linie soll die Verbidnung von Architektur und Kunst für jedermann erfahrbar sein. (Bild: Jörg Hempel / Glas Trösch)

Grün ist die vorherrschende Farbe in der Station Graf-Adolf-Platz, für die Manuel Franke auf einigen hundert Glastafeln eine Art begehbaren Farbraum schuf, der durch einen mitreißenden Linienstrom aufgebrochen wird und so die Fahrgäste auf ihrem Weg durch den Untergrund begleitet. Vorbild für das rund 1.000 m² große Werk ist ein Achat mit seinen vielschichtigen, streifigen Zeichnungen. Entstanden sind die Glastafeln in einem für heutige Verhältnisse geradezu ungewohnt analogen, mehrwöchigen Prozess im Werk des Herstellers Glas Trösch: Manuel Franke nahm sich immer ein Paket von sechs Scheiben, jede 950 x 1700 mm groß, vor und brachte auf der Rückseite der vorderen VSG-Scheibe – noch vor der Verbindung beider Scheiben also – die grüne Farbe vollflächig auf. In noch flüssigem Zustand entstand dann der Linienstrom, durch Entfernen der Farbschicht per Spachtel, Bürste, Pressluft, Lösungsmittel und andere Werkzeuge oder schlicht mit den bloßen Händen. Auch nach dem Trockenen wurden die Platten nochmals bearbeitet. Die zweite Scheibe des VSGs wurde rückseitig vollflächig mit einer monochrom violetten Farbebene beschichtet. Schließlich wurden beide Gläser verbunden. Der so entstandene Effekt: Die aufgebrochenen Streifen der vorderen, grünen Schicht geben einen tiefen Blick zur violetten Schicht dahinter frei. Durch die Glasstärke von 10 mm zwischen beiden Farbflächen entsteht außerdem ein Raum für detailreichen Schattenwurf innerhalb der Farbschichten. Um dieses Spiel mit der Tiefe auch optisch durchgängig zu halten, wurden die Scheiben durch ein Punkthaltesystem an der hinteren Scheibe unsichtbar befestigt. Entstanden ist ein großflächiges Kunstwerk, das – an den Außenseiten angebracht – den Bahnhof beeindruckend umfasst und ihn zu einer gestalterischen und räumlichen Einheit werden lässt.

Die aufgebrochenen Bereiche geben den Blick auf die zweite, monochrom violette Farbebene frei, die rückseitig auf der hinteren Scheibe aufgetragen wurde. (Bild: Glas Trösch)
Für die Haltestelle Graf-Adolf-Platz schuf der Künstler Manuel Franke einen gläsernen Achat und nutzte für seine Gestaltung die Möglichkeiten, die der Werkstoff Glas bietet. (Bild: Glas Trösch)
Axonometrien der Wehrhahn-Linie und der Haltestationen (Quelle: netzwerkarchitekten)
«Mein Ziel bei der Gestaltung der Haltestelle Graf-Adolf-Platz war es, den Weg unter die Erde bewusst zu machen. Wie bei einem Achat, der durch seine vielschichtigen Ablagerungen diese besondere Tiefe und spannende Formenvielfalt erhält», erläutert Manuel Franke sein Konzept.
Das Kunstwerk ist mittels eines eigens für dieses Projekt entwickelten, analogen Werkprozesses entstanden, der unmittelbar in die industrielle Fertigung des Verbundsicherheitsglases eingreift. (Bild: Glas Trösch)
Die sechs neuen Stationen der Wehrhahn-Linie führen die Fahrgäste hell und großzügig in den Untergrund und sollen den Außenraum in die Tiefe erweitern. (Bild: Jörg Hempel / netzwerkarchitekten)
Architektur und Kunst sollen untrennbar miteinander verbunden sein, aufeinander eingehen, sich befruchten, sich gegenseitig heben und den Raumeindruck gemeinschaftlich prägen. (Bild: Jörg Hempel / netzwerkarchitekten)
Mit ihrem Gestaltungskonzept des unterirdischen Kontinuums haben sich netzwerkarchitekten in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Heike Klussmann beim Wettbewerb durchsetzen können. (Bild: Jörg Hempel / netzwerkarchitekten)
Ein Punkthaltesystem an der hinteren Scheibe, das zusammen mit Glashandel Pritz für das Projekt entwickelt wurde, ermöglicht die unsichtbare Befestigung der Wandtafeln am Bau. (Bild: Jörg Hempel / netzwerkarchitekten)

Projekt
U-Bahn-Station Graf-Adolf-Platz
in der neuen Wehrhahn-Linie
Düsseldorf, DE

Architektur
netzwerkarchitekten
Darmstadt, DE

Künstlerische Konzeption «Kontinuum»
Heike Klussmann
Berlin, DE

Künstlerische Konzeption Station «Graf-Adolf-Platz»
Manuel Franke
Düsseldorf, DE

Hersteller
Glas Trösch
Ulm-Donautal, DE

Kompetenz
Sonderanfertigung VSG

Objektberatung: Daniela Buck

Bauherr
Landeshauptstadt Düsseldorf, DE

Planung und Montage VSG
Glashandel Pritz
Engelskirchen, DE

Fotografie
Jörg Hempel
Glas Trösch


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