Rückzug auf das Land – ein neuer Weg?

Katinka Corts
11. mei 2022
Landschaft bei Erndtebrück (Foto: KoDorf)

Das Land als Sehnsuchtsort, ein Ort der Ruhe, dennoch digital vernetzt und über den öffentlichen Verkehr angeschlossen an die näheren Großstädte: Derlei Spezifikationen suchen mittlerweile immer mehr Menschen, wenn sie der Großstadt überdrüssig sind – und das nicht erst, seitdem wir zwei Jahre Corona-Pandemie durchgestanden haben und sich das Homeworking stark etabliert hat. Aktuell entstehen neuartige, genossenschaftlich organisierte Dorfstrukturen an zwei Orten in Deutschland, in denen genau das ermöglicht werden soll.


Wiesenburg und Erndtebrück – wenn Sie noch nie was von diesen beiden Orten gehört haben und sie auch nicht geografisch einordnen können, ist das verständlich. Wiesenburg befindet sich südwestlich von Berlin in Brandenburg, etwa auf halbem Weg nach Magdeburg. Erndtebrück hingegen ist eine Gemeinde in Nordrhein-Westfalen, etwa mittig im Dreieck zwischen Wuppertal, Kassel und Frankfurt am Main zu verorten. Voneinander entfernt sind sie knappe 400 km Luftlinie. Was sie verbindet: In beiden Orten entstehen (beziehungsweise werden entstehen) KoDörfer (aus Kooperation und Dorf), dank progressiver Bürgermeister, die ihre Standorte weiterentwickeln wollen – und dazu auch ungewöhnliche Wege einschlagen. 

Wohnhof im KoDorf Wiesenburg (Foto: KoDorf)

Für Wiesenburg begann alles im Jahr 2018, als Frederik Fischer, Katrin Frische und Patric F.C. Meier die Idee zu einem neuartigen Gemeinschaftswohnen auf dem Land im Magazin Kommunal publizierten und darin zahlreiche Bürgermeister*innen direkt ansprachen – und sie auch erreichten. „Wir, eine Gruppe aus Architekten, Handwerkern und anderen Kreativen, […] möchten hiermit Gemeinden dazu aufrufen, sich bei uns zu melden, wenn sie Interesse an einer Zusammenarbeit haben.“ Das für das Projekt benötigte Areal sollte mindestens zwei Hektar groß sein, nicht weiter als zwanzig Kilometer von einer Bahnstation entfernt und idealerweise in der Nähe einer Ortschaft liegen, von dieser aber separiert sein. „Wir wollen uns nicht aufdrängen. Wer mit dem KoDorf nichts anfangen kann, kann uns so problemlos ignorieren.“
Patric F.C. Meier, der als Architekt das Büro agmm Architekten + Stadtplaner in München gemeinschaftlich mit Markus Borst führt, erzählt zu seiner Motivation: „Ich habe es einfach irgendwann nicht mehr in der Stadt ausgehalten.“ München fühlte sich damals für ihn immer enger an, wie ein Korsett, und er begann nach alternativen Wohn- und Arbeitsformen zu suchen. „Das Thema der inneren Konkurrenz beschäftigt mich schon lange und ich suche nach Wegen, statt ihrer Kooperationsformen zu etablieren.“ In einer Stadt, so habe er lernen müssen, sei das unmöglich. Irgendwann gerate man immer von der Kooperationshaltung in Konkurrenzsituationen. „Das ist für alles gemeinschaftliche Tun der Tod.“

Feriendorf Meerleben (Foto: Patric Meier)

Im Feriendorf Meerleben in Niendorf/Hohenkirchen an der Ostseeküste, initiierte Meier zunächst ein Urlaubsdorf, das aber noch vergleichsweise wenig mit gemeinschaftlichem Wohnen zu tun hat. Zu den dreizehn privaten Holzhäusern gehören auch Gemeinschaftsflächen, eine Obstbaumwiese und ein Grillplatz. Die Idee der Baugemeinschaft wurde hier schon neu gedacht, jedoch fielen manche Themen – wie ein Gemeinschaftshaus für alle – unter den Tisch. Heute mutet es an wie so vieles an der mecklenburgischen Ostseeküste, die seit der Wende mit neuen Ferienhäusern oder -haussiedlungen überschwemmt wurde. Die Besitzer nutzen ihre Häuser auch selbst, doch wird die meiste Zeit an Feriengäste vermietet. Löblich ist, dass das Feriendorf als baugemeinschaftliches Projekt entstanden ist und dass auf Architektur und Konstruktion mehr geachtet wurde, als man es von den meisten Überbauungen kennt. Heute bezeichnet Meier das Projekt als „Mutter aller KoDörfer“. Doch viele Themen sah Meier hier schlussendlich nicht umgesetzt: Die Idee, gemeinsam Größeres zu schaffen – also Individuelles reduzieren, damit man sich gemeinsam mehr leisten kann. Er und seine Partnerin begnügen sich mit einem 18m2-Haus, während andere um ein Vielfaches größer bauten. Kleine eigene Häuser hätten Geld „freigespielt“ für ein Gemeinschaftshaus, das es nun in dem künstlichen Dorf nicht gibt. „Der schönste Platz auf dem Areal bleibt aber weiterhin für die Gemeinschaft reserviert“, so Meier.

Lageplan von Wiesenburg: agmm Architekten

In den geplanten KoDörfern soll nun gerade dieser Gemeinschaftsgedanke Programm sein. Mit „Meerleben“ habe man erst das Selbstvertrauen entwickeln müssen, dass die Menschen sich trotz hoher ökologischer Ansprüche an das Bauen anschließen würden. Ein KoDorf soll nun also belebt sein, und das ständig, und keine Investitionsarchitektur auf dem Land. „Jeder darf solange da sein, wie er will. Wenn er nicht da ist, hat er das Haus freizugeben zur Nutzung“, lautet die neue Devise von Patric Meier. Das erste KoDorf wollte der Wiesenburger Bürgermeister Marco Beckendorf in seiner Gemeinde haben. Ein ehemaliges Sägewerk am Bahnhof stand bald als Grundstück bereit, heute sind alle Parzellen geplant und vergeben, momentan wird die Entsorgung der Grundstücksaltlasten geplant. In Wiesenburg wird aber auch das zur Hürde: Rund um das alte Sägewerk sind in den vergangenen Jahren auf dem verseuchten Boden viele Bäume gewachsen, die nun gefällt werden müssen, um den Boden zu sanieren. 180'000 Euro soll für diese „Waldvernichtung“ als Entschädigung gezahlt werden, wobei sich die gewachsene Mischholzsammlung kaum als gesunder Wald bezeichnen lässt.

Co-Working im umgenutzten Sägewerk von Wiesenburg (Visualisierung: agmm Architekten)

In Wiesenburg soll es künftig 40 KoDorf-Häuser geben, die kleinsten sind 28 m2, die größten 80 m2 groß. Doch was ist nun die Neuerung – ist das nicht ebenso eine Grundstücksentwicklung, einfach auf dem Land? Meier verneint das, denn hier werde klug und genossenschaftlich geplant, nachhaltig gebaut und mit hohem ästhetischem Anspruch gestaltet. Größere Familien oder Freunde könnten benachbart wohnen, ein WG-Haus soll es geben, sechs Gemeinschaftshäuser sowie das umgenutzte Sägewerk ergänzen die Bauten. Es gehe nicht darum, bestehenden Dörfer umzunutzen oder zu verdichten – gebaut werden KoDörfer lediglich in ihrer Nähe. Denn es sei schwierig, so Meier, mit Dörfern derlei genossenschaftliche Prozesse zu planen: „In einem Dorf ist nur hin und wieder ein Haus frei, andere sind bewohnt. Selbst bei 50 Prozent Leerstand wäre es schwierig, eine neue Identität zu erreichen, da die Wiederbelebung von alten Häusern sehr individuell ist – die Wahrscheinlichkeit, dass das dann eher im Eigentumsmodell passiert, ist groß. Und dann bin ich wieder bei ähnlichen Themen, die wir jetzt schon kennen: My home, my Castle!“

In Erndtebrück und Wiesenburg werden daher Industriebrachen wiederbelebt, wobei der Zuzug auch den Infrastrukturen der nahen Dörfer helfen soll, z.B. hinsichtlich Schulen und Grundversorgung. Doch nicht jede und jeder kann KoDörfler werden, auch wenn sich wohl viele nach zwei Jahren Pandemie gut vorstellen könnten, digital vernetzt im Grünen zu leben und zu arbeiten. Meier und seine Weggefährten suchen jeweils in einem Auswahlprozess diejenigen zusammen, die ins Dorf passen und den Gemeinschaftsgedanken auch leben wollen. „Anspruchshaltung ist beispielsweise sehr schädlich für solch eine Gemeinschaft: Wer immer nur formuliert, was er haben möchte, passt nicht zu uns.“ Gesucht sei eine diverse Gemeinschaft hinsichtlich Alter und Milieu, bunt gemischt, mit einer gewissen Schnittmenge. Auf die Frage, ob sich dann nicht hauptsächlich Digitalarbeiter*innen aus Architektur, Design, Grafik und Journalismus dort versammeln, antwortet Meier: „Sie haben noch zwei vergessen: die Coaches und die Yogalehrer.“ Man versuche, die Hipsterblase zu vermeiden, es sei aber nicht einfach. „Wir werden das Projekt in die Welt bringen und wir wissen jetzt schon, dass wir nicht alle Probleme unserer Gesellschaft damit lösen können. Man kann nur versuchen, das Beste zu machen.“

Lageplan von Erndtebrück (Plan: agmm Architekten)

Rückzug aus dem hektischen Alltag in das vermeintlich ruhige ländliche Leben und dennoch am Puls der Zeit bleiben – vielleicht sind KoDörfer ein Weg, um genau das zu ermöglichen. Aber eben nur für einige, denn die breite Masse der Arbeitnehmenden wird sich derlei Wünsche nicht einfach so erfüllen können, sowohl finanziell als auch organisatorisch. Der ländliche Raum und besonders ein eigener geschützter Raum darin scheint für derlei Kultur- und Wohnexperimente geeigneter als die Stadt, in der sich in allen Lebensbereichen starke Konkurrenz etabliert hat. Die ausgewählten Gemeinden Erndtebrück und Wiesenburg stellen den Idealfall dar, denn beiderorts haben sich schon diverse Initiativen gegründet, die sich auch untereinander austauschen. 
KoDörfer dienen nicht nur der Revitalisierung des ländlichen Raumes, indem sie bestehende Brachen umwidmen und den nutzbaren Flächen eine neue Nutzung zuschreiben. Das Experiment mit neuen Gemeinschaftsformen, mit neuen Formen des Zusammenlebens und -arbeitens begrüßen viele, die neue Strukturen für ein besseres Miteinander suchen. Doch es gilt auch, die Perspektive der nahe wohnenden Alteingesessenen nicht aus den Augen zu verlieren, denn nur die städtische Perspektive einzunehmen, greift zu kurz. Nur wenn eine echte Verzahnung möglich wird, kann über die Zeit eine neue Art der Gemeinschaft entstehen, von der alle profitieren – und die bestenfalls auch Schule macht. 

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