Präzision im Ausdruck

Röing genannt Nölke
31. augustus 2022
Ansicht Verwaltungsgebäude (Foto: Brigida González)
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Felix Röing gen. Nölke: Bauaufgaben im Bereich des Industriebaus sind in der Regel aufgrund des hohen Termin- und Kostendrucks gekennzeichnet durch Standarddetails, vorgefertigte Bauprodukte aus der Bauindustrie sowie einer Monotonie in der Fügung. Das Ergebnis sind leider viel zu oft die in der Peripherie anzutreffenden austauschbaren Gebäudehüllen. Auch unser Entwurf bedient sich aus wirtschaftlichen Überlegungen den üblichen Standarddetails der von der Bauindustrie zur Verfügung gestellten Bauprodukte, jedoch haben wir versucht durch Variation in der Anwendung und einer Abwandlung in der Fügung ein eigenständiges, gegliedertes Gebäude zu entwickeln. Beispielhaft kann für diesen Entwurfsansatz die Trapezblechfassade genannt werden.

Produktions- und Verwaltungsgebäude (Foto: Brigida González)
Die Fassade der Produktionshallen zeichnet sich aus durch eine umlaufende horizontale Bänder mit wechselnden Trapezblechlagen, einer Dachlandschaft aus gestaffelten Dachsheds und dem auskragenden Vordach im Bereich der Warenanlieferung. (Foto: Brigida González)
Warenanlieferung mit Staffelung der Kubatur (Foto: Brigida González)
Haupteingang Verwaltung (Foto: Brigida González)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Alexandra Röing gen. Nölke: Inspiriert hat uns der Werkstoff des Unternehmens. Im Sinne einer aussagekräftigen und markenbildenden Architektur steht die präzise gefügte Metallfassade für den Hauptwerkstoff des metallverarbeitenden Betriebes sowie den hohen Qualitätsanspruch, die Präzision und das Know-how der Trautwein Präzisionsdrehteile GmbH. Die heterogenen Funktionen der Baukörper der Verwaltung und der Produktion sind an der Fassadenhaptik ablesbar. Während die Fassade der Produktionshalle über eine tiefe vor- und zurückspringende Stahl-Trapezblechverkleidung mit horizontaler Schichtung gegliedert wird, setzt sich die Verwaltung mit einer glatten, präzise gefügten Aluminium-Metallfassade in seiner Flächigkeit bewusst ab. Dabei erscheint die Metallfassade der Produktion als leichtes, textiles Fassadenkleid, während die Verwaltung als monolithisches Gegenstück erscheint. Die horizontale Schichtung der sich wechselnden Positiv- und Negativlagen der Trapezblechfassade nehmen dem Produktionsgebäude seine Höhe und schaffen abgestimmte Übergänge zwischen den Baukörpern.

Übergang Glattblechfassade Verwaltung zu Trapezblechfassade Produktion mit Höhenbezug einer umlaufenden Bänderung (Foto: Brigida González)
Horizontale Bänderung der Produktionsfassade mit Wechsel zwischen Positiv- und Negativlage der Trapezbleche (Foto: Brigida González)
Präzise gefügte Aluminiumfassade Verwaltung (Foto: Brigida González)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Felix Röing gen. Nölke: Der neue Standort des Produktions- und Verwaltungsgebäudes befindet sich in der Peripherie eines durch eine heterogene Bebauung geprägten Gewerbegebietes. Unser Entwurf beabsichtigt hier mit einem klaren und präzisen Baukörper ordnend auf die Umgebung einzuwirken. Aufgrund fehlender identitätsprägender Ortsmerkmale haben wir das Verwaltungsgebäude als Hof-Typus entwickelt. 

Der zentrale Innenhof bildet eine prägnante Adresse für das Unternehmen und schafft einerseits Aufenthalts- und Arbeitsplatzqualität und gewährleistet andererseits für die industrielle Produktion eine räumlich selbstverständliche Verbindung von „Blue und White Collar“. Er wirkt hierbei als räumlich verbindendes Element zwischen den Produktionsbereichen im Erdgeschoss und den Verwaltungsarbeitsplätzen im Obergeschoss. 

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Alexandra Röing gen. Nölke: Die Zusammenarbeit und Abstimmung mit den Bauherren war sehr intensiv. Positiv in den Entwurfs- und Bauprozess eingewirkt hat, dass durch den Bauherr auf eine bewusste Einzelvergabe von Planungen und Gewerken gesetzt wurde und der Bauherr die Steuerung im Projekt selbst übernommen hat. Die Fertigungsprozesse und die neu angepassten internen Abläufe wurden im Rahmen einer moderierten Layoutplanung vor Beginn der Hochbau-Gebäudeplanung eng abgestimmt. Das Ergebnis ist ein optimierter Produktionsfluss mit kurzen Wegen und effizienten Abläufen. Ein Konzept zur Erweiterung der Produktions- und Verwaltungsbereiche wurde von Beginn an in die Planung miteinbezogen und mit den Bauherren und Mitarbeitern in Workshops abgestimmt.

Innenhof als Bindeglied zwischen Produktion und Verwaltung (Foto: Brigida González)
Überdachter Durchgang Haupteingang Verwaltung (Foto: Brigida González)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Alexandra Röing gen. Nölke: Von Beginn an galt es unter wirtschaftlichen Aspekten eine individuelle Architektur für unsere Bauherren umzusetzen. Unser Ziel aus Standardprodukten der Industrie ein für das Unternehmen maßgeschneidertes Gebäude zu entwerfen hat sich von Beginn an entwickelt und sich bis zur Realisierung fortgesetzt.

Blick in die Produktionshalle (Foto: Brigida González)
Dachsheds mit transluzenten Profilgläsern schaffen optimale Tageslichtverhältnisse ohne Blendung (Foto: Brigida González)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Felix Röing gen. Nölke: Besonderes Augenmerk wurde durch die Bauherren auf eine hocheffiziente thermische Gebäudehülle und eine energiesparende Gebäudetechnik gelegt. Hier war ein Hauptanliegen die Prozessabwärme der Produktion zu nutzen. In Zusammenarbeit mit der Fachplanung Klima-Engineering wurde ein Gebäudekonzept entwickelt, welches vorsieht, dass in der Heizperiode durch wasserbasierte Kühlung an den Drehmaschinen bedarfsweise Abwärme in das Heizsystem eingeleitet werden kann. Im Sommer wird das Temperaturniveau in der Produktion thermisch begrenzt, indem die Produktionsabwärme durch überwiegend freie Lüftung und Flächenkühlung über einen thermisch aktivierten Hallenboden abgeführt wird. Die gestaffelte Gebäudekubatur mit transluzenten Profilglas- und Lamellenbändern unterstützt dabei die freie Nachtauskühlung. Sofern die Außentemperatur keine freie Lüftung ermöglicht, kann bedarfsweise die mechanische Abluft mit Wärmerückgewinnung bzw. mit adiabatischer Verdunstungskühlung betrieben werden. Der Primärenergiebedarf des Gebäudes unterschreitet die Anforderungen eines KfW-40-Effizienshauses.

Produktionsbüros mit direktem Sichtbezug zur Produktion (Foto: Brigida González)
Materialisierung der Produktionsbereiche in Sichtbeton (Foto: Brigida González)
Konferenzraum (Foto: Brigida González)
Schaufenster (Foto: Brigida González)
Pausenraum (Foto: Brigida González)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Alexandra Röing gen. Nölke: Das Bauwerk wird maßgeblich durch die Reduktion von Materialien und Farben beeinflusst. Im Innern des Gebäudes sind alle sichtbaren Einbauten, Verkleidungen, sowie das Stahltragwerk einheitlich in weiß zu gestaltet. In Kombination mit den Sichtbetonelementen und den transluzenten Profilgläsern entstand ein ruhiger und geordneter Raumeindruck mit einem hohen Maß an Tageslicht und damit optimale Arbeitsplatzverhältnisse für die Mitarbeiter.

Lageplan (Zeichnung: Röing genannt Nölke)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: Röing genannt Nölke)
Schnitt (Zeichnung: Röing genannt Nölke)
Neubau Produktions- und Verwaltungsgebäude der Trautwein Präzisionsdrehteile GmbH
2021
Peter-Birk-Straße 8
78655 Dunningen

Auftragsart
Neubau
 
Bauherrschaft
Trautwein Präzisionsdrehteile GmbH, Dunningen
 
Architektur
Röing genannt Nölke Architekten PartGmbB, München
 
Fachplanung
Tragwerksplanung: Isenmann Ingenieur GmbH, Haslach im Kinzigtal
KlimaEngineering: Transsolar, Stuttgart
Bauphysik: Horstmann+Berger Beratende Ingenieure PartGmbB, Altensteig

Ausführende Firmen
Rohbau: Steudtner & Bantle Bau GmbH, Villingen-Schwenningen
Stahlbau: Friedrich Bühler GmbH & Co. KG, Altensteig
Industriebodenplatte: aii Allgemeine Industrieboden und Instandsetzungs GmbH, Rastede
Fenster/ Sonnenschutz/ Brandschutztüren: Haser Metallbau GmbH, Haslach im Kinzigtal
Beschläge Fenster/ Türen: HEWI
Vorgehängte Elementfassade, Bereich Verwaltung: Reinhardt GmbH, Bad Rappenau-Fürfeld
Fassade Produktion: Gebrüder Rückert GmbH & Co. KG, Gosheim 
Profilglasfassade: Metz GmbH, Siegen
Dachabdichtung: Gebrüder Rückert GmbH & Co. KG, Gosheim 
Elektro: Waldmann Elektrotechnik GmbH & Co. KG
Sanitär: Schäfer Intelligente Haustechnik GmbH, Dottenhausen
Lüftung: Honer Luftt. Anlagen GmbH & Co.KG, Spaichingen
 
Hersteller
Lamellenfenster: Fieger, FLW 32
Profilglas: Lamberts, Linit T26 504
Deckenabsorber: Hunter Douglas Architectural, HeartFelt Baffel
Ladebrücken: Hörmann, HTL2-F
Sektionaltore: Hörmann, ALR F42
Brandschutztore: Hörmann, FST 90
Schnelllauftore: Efaflex, EFA STT

Bruttogeschossfläche
5.500 m² 

Gesamtkosten
k.A.
 
Auszeichnung
Finalist Industriebaupreis 2022
 
Fotos
Brigida González, Stuttgart

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