Mit lockerem Strich

Behnisch Architekten
8. september 2021
In die Landschaft eingebettet – die Farbgebung des Wohnheims ist an der jahreszeitlichen Laubfärbung der umliegenden Bäume orientiert. (Foto: David Matthiessen)

Behnisch Architekten haben in Regensburg ein Wohnhaus für Studierende fertiggestellt. Robert Hösle beantwortet unsere Fragen zum Projekt und stellt es mit zehn Bildern und vier Plänen vor.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Ein Gebäude, das Bewohner*innen unterschiedlicher Kulturen, Kontinente und Gesellschaften beheimatet, erfordert Räume für das gemeinschaftliche Leben und Privatsphäre für den Einzelnen. Die Herausforderung für uns lag darin, eine gelungene Balance zu entwickeln zwischen den öffentlich zugänglichen Bereichen auf der einen sowie den privaten Rückzugsbereichen – den Individualräumen zum Schlafen und Studieren – auf der anderen Seite. Diese Balance wollten wir sowohl im Funktionalen, Gestalterischen, Räumlichen und nicht zuletzt im Materiellen umsetzen. So haben wir ein Gebäude entworfen, das seinen Nutzer*innen ein gesundes und anregendes Wohnumfeld bietet, Begegnungen und soziale Kontakte fördert, besondere Raumerlebnisse kreiert und als Basis für individuelle Aktivität dienen kann – aber vor allem auch ein Haus, mit dem sich die Bewohner*innen identifizieren.

Einladend – die Jahrhundert-Eiche rahmt den Eingangsbereich des Studierendenwohnheims. (Foto: David Matthiessen)
Die sägezahnartige Gestaltung der Balkone hat sich aus einer gewünschten Verschattung des Gebäudes heraus entwickelt. (Foto: David Matthiessen)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Die Themen dieses Projektes haben sich aus einer ganzheitlichen Analyse entwickelt. Da sind zunächst der Ort und seine Umgebung, die Einfluss genommen haben auf die Situierung, die Organisation und die skulpturale Ausformung des Baukörpers. Dann das Programm, das Wesen der Aufgabe, das durch die Vielzahl gleicher Zimmertypen und die Verortung der besonderen Räume im Gebäude zu seinem Erscheinungsbild beigetragen hat. Der Aspekt der Tageslichtnutzung war uns wichtig und prägt insbesondere die Erschließungsbereiche: Ein vom Unter- bis in die Obergeschosse durchgehender Innenhof sorgt für eine natürliche Belichtung und Belüftung dieser Zonen und eine angenehme Atmosphäre. 

Die Individualräume der Studierenden sind farblich zurückhaltend, warm und wohnlich gestaltet. (Foto: David Matthiessen)
Die Bäder sind aus Blechteilen vorgefertigt – die Abläufe auf der Baustelle konnten auf diese Weise beschleunigt werden. (Foto: David Matthiessen)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Der Entwurf reagiert mit seiner Gestaltung auf die vorgegebenen naturräumlichen und baurechtlichen Gegebenheiten. An seiner Südostseite rückt das Gebäude von der großen, geschützten Jahrhundert-Eiche ab. So entsteht eine besondere, einladende Eingangssituation. Ein weiterer „Knick“ des Baukörpers an der Nordwestseite schafft dort zusätzlichen Raum auf dem Grundstück, sodass qualitativ hochwertige Aufenthaltsbereiche im Freien entstehen. Zentraler Entwurfsgedanke war, eine Verbindung zwischen Straße, Haus und dem Grünzug im Norden herzustellen. Ein neuer öffentlicher Fußweg bildet die Haupterschließung und führt durch den Gebäudekomplex hindurch, macht das Grundstück durchlässig. Eine breite, einladende Treppenanlage nahe dem Eingangsbereich nimmt den natürlichen Höhensprung des Geländes auf und mündet in den geschützten Hof und die hier angesiedelten Aufenthaltsflächen im Grünen. In den Boden eingelassene Sitzsteine dienen als Tribüne für unterschiedlichste Zwecke.

Unterschiedliche Farben für Boden- und Wandbeschichtungen kennzeichnen die Geschossebenen und erleichtern die Orientierung. (Foto: David Matthiessen)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Die Erfahrungen des Bauherrn aus vorangegangenen Bauvorhaben des Studierendenwerks waren bereits durch das Wettbewerbsverfahren in den Entwurf eingeflossen, geforderte Bau- und Qualitätsstandards präzise definiert. Während der Planungsphase konnten wir in intensivem Austausch mit dem Bauherrn jedoch kreative Alternativen zu den Standards entwickeln, die die Wirtschaftlichkeit erhöhten und dem Projekt eine größere gestalterische Individualität schenkten. So haben wir zum Beispiel die Bäder der Wohnungen vollständig aus Blechfertigteilen gestaltet anstatt wie üblich Fliesen zu verwenden. Der Vorteil bestand darin, dass eine Vorfertigung im Werk möglich war und somit die Abläufe auf der Baustelle beschleunigt werden konnten.

Ein zentraler Innenhof sorgt für helle, lichtdurchflutete Flure und ein freundliches Ambiente. (Foto: David Matthiessen)
Die prägnante Farbgestaltung im Innen- und Außenraum schafft Identifikation. (Foto: David Matthiessen)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Der Entwurf hat sich nicht wesentlich verändert. Das mag sicher auch daran liegen, daß der Bauherr den Entwurf mochte und keine prinzipielle Abänderung der Planung wünschte. Der lockere Strich in den Wettbewerbszeichungen erlaubte es uns sogar, zusätzliche acht Zimmer zu integrieren, ohne dass die uns wichtigen Entwurfsthemen darunter gelitten haben. 

Eine Treppenanlage, die den natürlichen Höhensprung des Geländes aufnimmt, führt zum Gartengeschoss und den Gemeinschaftsbereichen. (Foto: David Matthiessen)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Unserer Entwürfe werden nicht von modischen Trends gesteuert. Die gestalterische Umsetzung entwickelt sich aus inhaltlichen Aspekten. So ist hier die sägezahnartige Gestaltung der Balkone, geometrisch, konstruktiv und materiell, im Wesentlichen durch den energetischen Aspekt – ganz konkret durch die gewünschte Verschattung des Gebäudes – beeinflusst. Die Gesamtbetrachtung des Lebenszyklus der Anlage, die Anforderungen an die Robustheit der Konstruktion, die Reduzierung der technischen Anlagen auf ein Minimum und die einfache Bedienbarkeit durch die Nutzer*innen waren wesentliche Zielsetzungen in der Bauaufgabe und führten dann zu den jeweiligen gestalterischen Lösungen.

Das Farbkonzept für die unterschiedlichen Geschossebenen ist in der Abenddämmerung von außen ablesbar. (Foto: David Matthiessen)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Charakterisierende Elemente der Fassade sind die opaken Glaspaneele in leuchtenden Orange-, Grün- und Gelbtönen. Sie bestimmen das äußere Erscheinungsbild des Wohnheims entscheidend. Die Wahl fiel hier auf das Material Glas, da es eine ungeheure Farbtiefe und Brillanz besitzt und sich durch die Reflexion der Sonnenstrahlen ein interessantes Farb- und Lichtspiel entwickeln kann.

Unterschiedliche Farbtöne für Boden- und Wandbeschichtungen sowie Schrift- und Grafikakzente unterscheiden die Geschossebenen und erleichtern es, sich zurechtzufinden. Im Gegensatz zu den Gemeinschaftsflächen sind die Individualräume der Studierenden farblich zurückhaltend aber wohnlich, warm und haptisch gestaltet. Polygonal geformte Holzmöbel aus Multiplex und Vorhänge bieten hier eine angenehme Atmosphäre. 

Zentraler Entwurfsgedanke war, eine Verbindung zwischen Straße, Haus und dem Grünzug im Norden herzustellen. 
Ein neuer öffentlicher Fußweg führt durch den Gebäudekomplex hindurch, macht das Grundstück durchlässig. (Zeichnung: Behnisch Architekten)
Ein Innenhof, der sich über alle Geschossebenen öffnet, sorgt für eine natürliche Belichtung und Belüftung der Bereiche (Zeichnung: Behnisch Architekten)
Wohneinheit mit Balkon (Zeichnung: Behnisch Architekten)
Studentisches Wohnen Regensburg 
2020
Franz-Mayer-Straße 13
93053 Regensburg

Wettbewerb
2016, 1. Preis

Bauherrschaft
Studentenwerk Niederbayern/Oberpfalz, Regensburg

Architektur
Behnisch Architekten, München
Partner: Robert Hösle, Projektleitung: Monica Albulet, Stephan Leissle
Mitarbeiter: Patrick Brunner, Ireta Kraal, Vincent Le Pendeven, Benedikt Stahl, Sven Abe Tjalma, Alexandra Wahl
 
Fachplaner
Objektüberwachung: HW Ingenieur Consult GmbH, Grafschaft/München
HLS: Ingenieurbüro Löw, Regensburg
Elektro- und Lichtplanung: Burnickl Ingenieure GmbH, Velburg
Tragwerk: Ingenieurbüro Dipl.-Ing. Hans Siegmüller, Regensburg
Landschaftsplanung: Lichtgrün Landschaftsarchitektur, Regensburg
Brandschutz: Brandschutz Consulting Rainer Sonntag, München
Lichtplanung: Bartenbach GmbH, Aldrans (AT)
Energie- und Umwelttechnik: Transsolar Energietechnik GmbH, München
Bauphysik: Büro Ulrich, München

Kunst am Bau
netzhalde, Karl-Heinz Einberger / Valentin Goderbauer
Betonskulptur im Innenhof
 
Ausführende Firmen
Fassade: AS Fassaden, Gars-Bahnhof und Seufert-Niklaus, Bastheim
Rohbau: Rödl & Herdegen Bauunternehmen, Regensburg
Schlosser: Manufaktur Soller, Ergoldsbach
Innenausbau: TM Ausbau, Puchheim
Schreiner: Voit GmbH, Au i. d. Hallertau

Hersteller
Pfosten-Riegel Fassade: Schüco International KG
Vorgehängte hinterlüftete Fassade mit Glas: DAW SE Geschäftsbereich Lithodecor
Estrich: Knauf Gips AG
Abhangdecken: Knauf Gips AG
Metallständerwände: Knauf Gips AG
Pflasterbelag: Godelmann GmbH & Co. KG
Aufzüge: Schindler Deutschland AG & Co. KG
Linoleum Bodenbelag: Tarkett Holding GmbH Desso
Wandfarben: Sto SE & Co. KGaA
Vorhänge: Création Baumann AG
Glastrennwände: Lindner Group
Holztüren: Herholz Vertrieb GmbH & Co. KG
Aluglastüren: Schüco International KG
Fliesen: VitrA Fliesen GmbH & Co. KG
 
Energiestandard 
KfW55-Standard

Bruttogeschossfläche
8.500 m²
 
Gebäudevolumen
21.498 m³

Gesamtkosten
20.900.000 € brutto

Fotos
David Matthiessen, Stuttgart

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