Hammersmith-Kaserne in Herford

Erhalt materieller und ideeller Ressourcen

behet bondzio lin architekten
9. Mai 2018
Lageplan
behet bondzio lin architekten mit SAL Landschaftsarchitektur gewinnen den Wettbewerb um die Konversion der Hammersmith-Kaserne in Herford. Roland Bondzio stellt sich unseren Fragen zum Wettbewerb.
Östlich des Herforder Stadtkerns, auf dem Stiftberg, sollen circa 400 Wohneinheiten mit unterschiedlichen Wohnangeboten, einer Quartiersmitte und einem Nahversorger entstehen. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?
Einen bisher nicht öffentlichen Ort mitten in der Stadt, wie aus einer anderen Zeit und einer anderen Gesellschaft, entrückt und konkret. Sehr technisch und pragmatisch geprägt und zugleich mit einzelnen majestätischen Großbäumen, die ein Gefühl von Zeitlosigkeit vermitteln. Aus unserer Sicht ein Ort voller materieller und ideeller Ressourcen.
Diese besondere Atmosphäre stellt den Ausgangspunkt unserer entwurflichen Überlegungen dar. Wir waren im Nachgang der Wettbewerbsentscheidung erstaunt, dass wir scheinbar als einziger Teilnehmer den Ort so empfunden haben. Lediglich unser Beitrag erhält konsequent alle Mannschaftsgebäude, die Stallungen, sowie alle Großbäume.
Luftbild Bestand
Piktogramme
Welches sind die Kerngedanken Ihres Entwurfs?
Erhalt der materiellen und ideellen Ressourcen: Der Erhalt der ehemaligen Unterkunftsgebäude und Stallungen als materielle Ressource, als Träger von Identität und als Link in die Geschichte des Ortes, sowie partielle Ergänzung des Quartiers mit neuen Gebäuden.
Entsiegelung und Durchgrünung des Quartiers: Durch das Quartier hindurch fließt ein neuer Grünraum mit eingebetteten Rad- und Fußwegen, ausgehend von der ehemaligen Wentworthkaserne bis zum Anschluss an den Grünzug im Nordosten mit dem Nebengewässer des Putchemühlenbachs.

Nutzung der vorhandenen stadträumlichen Qualitäten: 
Der „Parkplatzanger“ zwischen den ehemaligen Unterkunfts- und Verwaltungsgebäuden besitzt starke räumliche und atmosphärische Qualitäten. Der Ort wird als Fußgänger dominierter Shared-Space umcodiert, das Parken aus dem Raum herausgenommen und untergeordnet für Besucher zwischen die Gebäude verortet. Der neue Quartiersanger ist ein Raum der Durchwegung und Verbindung und zugleich des Aufenthalts. Soziale Infrastruktur, Räume für Dienstleistungs- und Freizeitangebote sowie CoWorkingspaces besetzten durchgängig die Erdgeschosszonen um den Quartiersanger. Der somit zu einem gemeinschaftlich geprägten Ort, der Kommunikation, der Interaktion und des Aufenthalts, atmosphärisch aufgeladen durch die Identität der Kasernengebäude und die majestätischen Bestandsbäume, wird.
Blick auf den Quartiersanger
Welche Aufgaben hat die Freiraumplaung zu bewältigen?
Die heutige Kaserne ist fast vollständig versiegelt und durch Verkehrswege, viele technische Nebengebäude und einige Großbäume geprägt.
Die wesentliche Aufgabe sehen wir in der Entsiegelung und Durchgrünung, der Bewertung der einzelnen Stadträume und folgend deren freiräumliche Umgestaltung, dem Erhalt der Großbäume und deren Einbindung in das neue städtebaulich freiraumplanerische Konzept und die Ergänzung von öffentlichen Wegführungen durch das Areal, um es selbstverständlich und organisch in den Kontext einzubinden.

Die Grünverbindung zwischen dem neuen Hochschulcampus im Südwesten und dem vorhandenen Grünzug im Nordosten durch das neue Wohnquartier „Hammersmith“ ist Rückgrat und Träger dieser Leitidee. Entlang der markanten topographischen Kante (bis zu 4 m Höhensprung) des heutigen Geländes erstreckt sich in West-Ost-Ausrichtung der neue Quartierspark als öffentlicher Grünzug. An der Schnittstelle zwischen dem südlichen Quartier der Wohnhöfe und dem nördlich anschließenden Einfamilienhaus und Reihenhausquartier im Bereich der bestehenden Pferdeställe entsteht ein Grünraum, der durch seine Topographie einen hohen Erlebnis- und Aufenthaltswert besitzt und nicht nur als Wegeverbindung für den Fuß- und Radverkehr dient. Durch das Element Wasser in Form einer den Grünzug begleitenden offenenRasenretentionsmulde am Fuße der modellierten Hangkante wird über offene und verrohrte Gräben mit dem gesammelten Oberflächenwasser des gesamten Hammersmith-Quartiers gespeist. In kaskadenartiger Muldenmodellierung führt diese Rasenmulde das überschüssige Oberflächenwasser zum nordöstlichen Ende des Grünzugs, wo es im Übergangsbereich zum vorhandenen Bachlauf bei Erfordernis ein „Notüberlauf“ die vorhandene Vorflut erhalten kann. Aufgrund des hohen Anteils an nicht versiegelten und dachbegrünten Flächen gehen wir aber davon aus, dass sämtliches auf dem Gelände anfallende Oberflächenwasser auf dem Gelände zurückgehalten werden kann.
Der oben beschriebene Grünzug mit Rasenretentionsmulde startet bereits im Zufahrtsbereich zum neuen Hochschulcampus südlich der Vlothoer Straße und führt über den neuen Kreisverkehr und dem grünen Entree in das Hammersmith Quartier auf den grünen Quartiers-Anger, der neuen Mitte des gesamten Quartiers.
 Am nordöstlichen Ende des Grünzugs weitet sich dieser in Richtung des hier bereits bestehenden Grünzuges zu einer leicht geneigten, offenen Parkanlage auf, die ausreichend Platz für Spiel- und Liegeflächen bietet. Ein Wegedelta aus schmalen Wegen in wassergebundener Wegedecke fließt hier durch die Parkanlage und schließt alle zu erwartenden Laufwege aus nördlicher und nordöstlicher Richtung an das Hammersmith-Quartier an.
Vertiefung Hammersmith-Höfe
Grünzug und Schnitt
Was wird die Qualität des neuen Quartiers ausmachen?
Das neue Quartier „Hammersmith“ wird erlebbarer Teil des großen Quartiers „Am Stiftsberg“. Der heutige weiße Fleck im Stadtraum wird geöffnet und mit dem umgebenden Quartier vernetzt. Es bleibt ein besonderer Ort mit einer eigenen Geschichte , aber Teil des Gesamtquartiers.
Das Thema „Nachhaltigkeit“, ich würde es hier als nachhaltigen Städtebau konkretisieren, wird durch den Erhalt der prägenden Bausubstanz und der Großbäume für den Bürger erlebbar. Das Entwurfskonzept stellt eine nachhaltige und Ressourcen schonenden Strategie dar. Es basiert auf dem Erhalt und der Um- und Weiternutzung der wesentlichen Identität stiftenden Kasernengebäude und Stadträume. Die graue Energie des Bestandes wird somit in seinem ideellen und materiellen Wert in die Gesamtbetrachtung (CO2-Bilanz der Maßnahme sowie deren atmosphärische Qualität) maßgeblich mit einbezogen.
Blick in einen Wohnhof
Wohnen im Park
Ist schon ein Rahmenplan in Arbeit?
Nein. Zunächst stehen noch die politischen Beschlüsse aus, ob das Projekt gemäß des Wettbewerbsergebnisses weitergeführt werden soll. Erst danach erwarten wir weitere Informationen über den Projektfortgang.
Hammersmith-Kaserne in Herford
Nichtoffener Realisierungswettbewerb

Auslober/Bauherr: Stadt Herford, Herford
Betreuer: Drees & Huesmann PartGmbB Architekt Stadtplaner, Bielefeld

Jury
Maik Böhmer | Prof. Martin Hoelscher | Rebekka Junge | Prof. Michael Koch | Jochen Krehbiehl | Kay Noell | Prof. Rolf Egon Westerheide | Tim Kähler | Dr. Peter Böhm | Edmund Grewe | Bernd Grotefeld | Werner Seeger | Norbert Landshut | Felix Nolte

1. Preis
Architekt: behet bondzio lin architekten, Münster, Leipzig
Landschaftsarchitekt: SAL Landschaftsarchitektur, Münster

ein 2. Preis
Stadtplaner: mayerwittig Architekten und Stadtplaner, Cottbus
Landschaftsarchitekt: hutterreimann Landschaftsarchitektur, Berlin

ein 2. Preis
Architekt: DeZwarteHond, Rotterdam (NL), Groningen (NL), Köln
Landschaftsarchitekt: Kortemeier Brokmann Landschaftsarchitekten, Herford

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