Venedig in Elementen

Author
Thomas Geuder
Published on
Jul 9, 2014

 
 
 
 
Bis 23. November läuft die Architekturbiennale in Venedig noch. Genug Zeit also, sich ein Bild davon zu machen, wie Rem Koolhaas und die Kuratoren der Länderpavillons die Architektur in die Entwicklung der Moderne einordnen. Koolhaas‘ Ausstellung im zentralen Pavillon «Elements of Architecture» greift zu diesem Zweck 15 Elemente aus dem Bauen heraus und widmet jedem einen eigenen Ausstellungsraum, in dem quasi retrospektiv gezeigt wird, wie enorm sich das Bauen in den letzten 100 Jahren verändert und entwickelt hat.

Anhand 12 dieser 15 Bausteine der Architektur hat nun die Architekin und Mitarbeiterin in Rem Koolhaas Büro OMA Guilia Foscari die Heimatstadt der Architekturbiennale Venedig untersucht. Das bietet sich an, denn in Venedig waren das Bauen und die Gebäude immer besonderen Rahmenbedingungen unterworfen, nicht nur in architektonischer oder konstruktiver Hinsicht, auch in Folge politischer und kultureller Entwicklungen und Umstürze. Das Ergebnis ihres Forschungsprojekts – das übrigens parallel zu Koolhaas‘ Arbeit an seiner Ausstellung für die Architekturbiennale lief – ist ein rund 700 Seiten starkes Büchlein, das erstaunlich vielfältige Erkenntnisse über venezianische Fassaden, Treppen, Korridore, Böden, Rampen, Decken, Dächern, Türen, Feuerstellen, Fenster, Balkone und Wände liefert. Die einzelnen Elemente werden aus ihrem pittoresken und postkartenhaften Kontext Venedigs herausgelöst und analysiert. Mit einer Kombination aus Collagen, Zeichnungen, Fotografien, Gemälden, Filmstills und Zitaten soll der Leser an eine recht neue Sicht auf Venedig herangeführt werden. Wie die Fotografie einer Camera Obscura, die durch oft irrelevante Verzierungen hindurch, direkt auf das Skelett, also die einzelnen Elemente eines Gebäude zu sehen scheint, will das Buch ermöglichen, die fundamentalen Veränderungen besser zu verstehen, die Venedig in den vergangenen Jahrhunderten geformt haben.

Guilia Foscaris kreativer Blick fällt dabei nicht nur auf die letzten 100 Jahre, sondern reicht bis zu den Anfängen der Lagunenstadt, in die Zeit der Republik (bis 1797), in der gotische und an die Renaissance gemahnende Stile politische und ideologische Bedeutungsträger waren, wie auch in die letzten zwei Jahrhunderte, während derer Venedig – trotz des hemmenden Leitspruchs «Com’era, dov era» («Wie es war, wo es war») – eine beispiellose städtebauliche Entwicklung durchlaufen hat. Im Vergleich zu Rem Koolhaas hat die gebürtige Venezianerin lediglich die Elemente Fahrstuhl, Rolltreppe sowie Toilette ausgelassen, was die Freude am Schmökern in dem aufwändig gestalteten und produzierten Buch ganz und gar nicht schmälert. tg

Elements of Venice
Giulia Foscari
mit einem Vorwort von Rem Koolhaas
Erschienen 2014 bei Lars Müller Publishers, Zürich
12 x 16,7 cm, 696 Seiten, ca. 1500 Abbildungen, Softcover
Englisch
29,00 € / 36,00 Fr.

ISBN 978-3-03778-429-7, e