Nachverdichtende Weiterentwicklung in Freiburg

Katinka Corts
23. November 2022
1. Rang: wulf architekten gmbh, Stuttgart, mit Planstatt Senner GmbH, Überlingen (Rendering: Aron Lorincz Ateliers, Budapest)

Räume für alle Formen des neuen Arbeitens, Orte für Austausch und Begegnung, nachhaltige Bauweisen, grüne Energiekonzepte, begrünte Fassaden und ein großer Park im Herzen des Quartiers – die Wunschliste der Auslober des Realisierungswettbewerbs für Architekt*innen und Landschaftsarchitekt*innen (RPW 2013) war vielfältig und fordernd. Das Baufeld im Freiburger Gewerbegebiet, das es neu zu beplanen galt, ist 1.4 Hektar groß und bislang weder urban noch vorstädtisch. Bis 1970 war das Areal noch Landwirtschaftsbereich, wurde dann zum Gewerbegebiet Haid und später mehrfach erweitert. Der heutige Mix aus über 450 Betrieben macht die Umgebung am Verkehrsknotenpunkt Besançonallee / Munzinger Straße sehr heterogen, sowohl in der Lage der einzelnen Bauten als auch bezogen auf die Höhenentwicklung und Dimension der Gebäude. Für die städtebauliche Weiterentwicklung des Gebiets folgte auf eine Höhen- und Baumassenstudie (Ergebnis: 36000–40000m2 BGF seien vertretbar und sollten auch realisiert werden) der erwähnte Realisierungswettbewerb auf Einladung.
Neben der Neubebauung legte die Auslobung viel Wert auf die Begrünung der Freiflächen mit Bodenanschluss, was nicht alle Finalisten im Wettbewerb beherzigten. Mit dem attraktiven Freiraum in der eher unwirtlichen Umgebung werde der Standort hinsichtlich Mikroklima und Biodiversität aufgewertet und der Boden sowie optionale Wasserbecken kämen als Retentions- und Versickerungsflächen zum Einsatz.

1. Rang: wulf architekten gmbh, Stuttgart, mit Planstatt Senner GmbH, Überlingen (Rendering: Aron Lorincz Ateliers, Budapest)
1. Rang: wulf architekten gmbh, Stuttgart, mit Planstatt Senner GmbH, Überlingen

Den ersten Rang erreichte der Entwurf von wulf architekten und den Landschaftsarchitekt*innen von Planstatt Senner. Sie schlagen eine Bebauung mit vier Gebäuden vor, wobei sich je zwei punktförmige und zwei Zeilenbauten diagonal gegenüber stehen. Dazwischen entsteht ein geräumiger Innenbereich, der als gestalteter Grünraum wahrgenommen werden soll, liest man die Beschreibung der Planer*innen: „Naturnahe Wege, Plätze und Stege bilden vielfältige Zonen für Rückzug, Kommunikation und Aufenthalt im Freien. Bestehende Bäume bleiben wo möglich erhalten und sollen durch eine Vielzahl an Neupflanzungen ergänzt werden. Bei der Pflanzenauswahl wird auf lokale und klimaresistente Pflanzen mit geringem Unterhaltsaufwand geachtet.“ Allein – die Jury liest das alles nicht in den Plandarstellungen. Die Landschaftsarchitektur sei nur rudimentär dargestellt, die Baumgruppen würden alle entstehenden Raumsituationen besetzen, „ob Durchgang oder Innenbereich.“ Ein hartes Urteil für eine landschaftsarchitektonische Arbeit, die Jury befindet schließlich, dass „grundsätzlicher Überarbeitungsbedarf“ bestehe.

4. Rang: Böwer Eith Murken Architekten mit bbz landschaftsachitekten
4. Rang: Böwer Eith Murken Architekten mit bbz landschaftsachitekten

In der Freiraumwirkung deutlich besser – sogar hoch gelobt – schneidet das schlussendlich viertrangierte Projekt von Böwer Eith Murken Architekten und bbz landschaftsachitekten ab. Hier sei eine „angenehme und besondere Arbeitsplatzqualität“ zu vermuten und die Außenanlagen seien „bemerkenswert gut gestaltet“. Bei dem architektonischen Beitrag hingegen fällt das Urteil anders – besonders an der Adressierung störte man sich, da sich der introvertiert gestaltete Gartenhof deutlich von der Umgebung abwende und damit zu wenig des neuen Zeitgeistes nach außen strahle. Die auch gewünschte öffnende Wirkung im Quartier sei damit nicht erreicht und habe im Preisgericht zu vielen Fragen geführt.

3. Rang: harter + kanzler & Partner Architekten und faktorgrün Landschaftsarchitekten
3. Rang: harter + kanzler & Partner Architekten und faktorgrün Landschaftsarchitekten

Den dritten Rang schließlich teilen sich zwei Projekte. Der Beitrag von harter + kanzler & Partner Architekten / faktorgrün Landschaftsarchitekten wartet mit elf Gebäudevolumina auf, die mehrere, sich gegenseitig durchdringende Baukörper bilden. Verbunden sind sie zudem über Brücken, was im Zusammenspiel mit dem Freiraum eine klare, zugleich aber offene und sehr einladend wirkende städtebauliche Kubatur ergebe. Die Freiraumgestaltung an sich überzeugt die Jury jedoch nicht, denn die Verfasser*innen setzen die meisten Bäume auf die Tiefgaragendecke (und dementsprechend in schlechtere Wuchsbedingungen), was das Preisgericht in Zeiten des Klimawandels als nicht mehr sinnvoll erachtet. Außerdem wirke der Freibereich zu sehr als Durchgangszone und überzeuge nicht als Aufenthaltsraum. 

3. Rang: Hadi Teherani Architects und AG Freiraum Jochen Dittus + Andreas Böhringer
3. Rang: Hadi Teherani Architects und AG Freiraum Jochen Dittus + Andreas Böhringer

Das zweite drittrangierte Projekt stammt aus den Büros Hadi Teherani Architects / AG Freiraum Jochen Dittus + Andreas Böhringer Landschaftsarchitekten. Als Blockrandstruktur entworfen, gliedern die Vor- und Rücksprünge in der Fassade sowie die Höhenstaffelung der einzelnen Gebäudeteile die „Flächen und Kubaturen gefälliger“. Gefallen findet die Jury besonders an der zusammenhängenden Parkfläche (mit Bodenanschluss) und weiteren Aufenthaltsbereichen auf den Dächern sowie in Loggien mit sogenannten Outdoor-Büros und Besprechungsräumen. Schlussendlich kritisiert das Preisgericht hier jedoch, dass der Entwurf für den Ort zu städtisch sei und auch, dass bei der Erdgeschossnutzung neben Gastronomiebereichen besonders auf den Einzelhandel fokussiert wurde, was an dieser Lage nicht schlüssig erscheint.

Die Arbeiten sind ausgestellt und können am 24.11.2022 von 09:00 – 18:00 Uhr ohne Anmeldung oder bis zum 01.12.2022 nach Terminvereinbarung unter Tel. 0761/45904-0 in der Munzinger Straße 2 (hinteres Gebäude), 79111 Freiburg angeschaut werden.

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