David Chipperfield hat die Neue Nationalgalerie in Berlin instandgesetzt

Versprechen ewiger Jugend gebrochen

Ulf Meyer
29. April 2021
Foto: Simon Menges

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust waren die besten deutschen Architekten der Moderne tot oder emigriert. Diese gewaltige Bresche in der deutschen Baukultur ist bis heute schmerzlich spürbar. Dass Ludwig Mies van der Rohe in den 1960er-Jahren dafür gewonnen werden konnte, in der geteilten Nicht-mehr-Hauptstadt Berlin die Neue Nationalgalerie zu bauen, war nicht selbstverständlich. Nach fünfzig Jahren musste die Nationalgalerie umfassend instandgesetzt werden. Keine leichte Aufgabe, aber nun ist sie vollbracht!

Die Anforderungen an Barrierefreiheit, Kunst-Logistik, Klimatisierung, Licht und Sicherheit für ein großes internationales Museum sind in der Zwischenzeit teils ins Aberwitzige gestiegen. Nicht alle konnte die Instandsetzung erfüllen. Das ist eine gute Nachricht, denn nur so ließ sich die Raumwirkung von Mies Meisterwerk einigermaßen retten.
Die Beton-Konstruktion des Podestgeschosses etwa musste komplett saniert und die Haustechnik ausgetauscht werden. In Berlin gibt es wohl nur einen Architekten, der das Format hat und das Vertrauen der Staatlichen Museen genießt: David Chipperfield. Er war mit dem Ziel angetreten, beim Umbau „nicht als Entwerfer in Erscheinung treten“ zu wollen – weitgehend wurde das erreicht. Um den Rohbau freizulegen, musste ein Puzzle aus 35'000 Bauteilen zerlegt und später neu zusammengesetzt werden. Die Anforderungen von Denkmalschutz und Museumsbetrieb widersprachen sich dabei an jeder Ecke.

Chipperfield wollte nicht nur eine „respektvolle Sanierung eines Hauptwerks der Moderne“, er hat das Gebäude selbst als Kunstwerk aufgefasst und entsprechend behandelt. „Ein Gebäude von solch unantastbarer Autorität zu zerlegen, war ein Privileg. Hinter die Fassade zu blicken, hat die Genialität und Mängel offenbart. Unsere Arbeit war von chirurgischer Natur. Sie befasste sich mit technischen Belangen, um seine Vision zu schützen, in einem Gebäude in dem man nichts verstecken kann” – so formulierte es Chipperfield, der Corona-bedingt sein Werk selber noch gar nicht gesehen hat. Im Detail haben sich seine Berliner Mitarbeiter Alexander Schwarz und Martin Reichert um den architektonischen Meilenstein gekümmert. Ihnen „ging es um den Erhalt der Aura, nicht um die Wiedergewinnung eines Bildes“. Ihre Instandsetzung akzeptierte Alterung und Gebrauchsspuren, sofern die visuelle Erscheinung und die Gebrauchsfähigkeit des Hauses dies erlaubte.

Foto: Simon Menges
Nationalgalerie mit Skulpturenhof (Foto: Simon Menges)

Ein „Versprechen auf neuen Glanz, eine Verheißung neuer Qualitäten oder ästhetische Auffrischung“ suchten sie nicht, sondern „nur eine Grundinstandsetzung des letzten Werks von Ludwig Mies van der Rohe” – selbst das stellte sich als 140 Mio. Euro teure Herkulesaufgabe heraus. Die Bedeutung der Nationalgalerie als Höhe- und Schlusspunkt der Moderne stellte hohe Anforderungen. Denn die Perfektion des Tempels der Moderne erlaubt und verzeiht wenig. Die Eingriffe der Berliner Architekten waren „treuhänderisch im Dienste des Denkmals und in der Verantwortung gegenüber Mies“. Denn „zeitlos modern“ sind die Tempelhalle auf ihrem Podium, das modulare Entwurfsprinzip und der Verzicht auf Funktionalität auch heute noch.

Die Physis ist bei Mies Bauten immer von entscheidender Bedeutung für die Wirkung. Mit dem Granit und Marmor, der Braun-Eiche, dem schwarzen Stahl, Bronze und Glas mussten die Architekten ebenso klug verfahren wie mit profaneren Details wie den abgehängten Decken, Sanitärräumen, der Raufasertapete im Direktorat, den Spannteppichböden und Vorhängen. Spuren wurden akzeptiert und Schäden repariert, Zuluft-Gitter, Leuchten und die Wandtelefone erhalten.  Der Verlust an Substanz betraf Estriche, Putze, Rabitzdecken, Porenbeton-Vorsatzschalen, Wärmedämmungen und Dichtungen.
Ein wichtiger Punkt war die Sanierung der Stahl-Glas-Fassade. Die Halteleisten waren korrodiert und die thermisch nicht getrennte Fassadenkonstruktion führte bei hoher Luftfeuchtigkeit und kaltem Wetter zu Kondensat. Nach reiflicher Abwägung fiel die Entscheidung letztlich auf eine Monoverglasung in einer weiterhin thermisch nicht getrennten Konstruktion. Allerdings kommt nun doppelt so dickes Verbundsicherheitsglas (2 x 12 mm) aus China zum Einsatz. Dasselbe Phänomen gab es vor einigen Jahren bei der Sanierung der Crown Hall am IIT in Chicago durch Gunny Harboe. „Do you lose God if you have to change the detail?“, fragte Harboe rhetorisch in seinem Beitrag mit dem Titel „Restoring Mies“ indem er sich auf Mies Ausspruch „Gott ist im Detail“ berief.

Die hölzernen Wände wurden demontiert und wieder aufgebaut (Foto: Simon Menges)
Im ehemaligen Depot befindet sich heute ein Buchladen (Foto: Simon Menges)

Der Anschluss der Fassade an das Daches wurde so modifiziert, dass sie sich nun bewegen kann: Kurze Stahlschwerter ersetzen den durchlaufenden Flachstahl. Dehnpfosten auf jeder Fassadenseite können Bewegungen aufnehmen. Kondensat wird in Rinnen gesammelt und abgeführt. Die Lüftungstechnik für die Luftbeschleierungs-Anlage der Glasfassaden verwendet die bauzeitlichen Zuluftgitter. 
Im Untergeschoss wurden Garderobe und Buchladen in die ehemaligen Depots verlegt. Die Lager befinden sich jetzt in einem unterirdischen Neubau unter der Podiumsterrasse. Das Museums-Café blieb an seinem Platz und selbst die „Automaten-Wand“ wurde wiederhergestellt. Die Liebe zum Haus zeigt sich in allen Details. „Tempel wie Teppichboden, beides gehört zum Denkmal“, so haben es die Architekten treffend formuliert. Für die Restaurierung von Mies Neuer Nationalgalerie war es entscheidend, sie materiell zu erhalten, auch wenn ihr Material sein Moderneversprechen ewiger Jugend gebrochen hat.

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