Typenbauweise für Berliner Kindertagesstätten

karlundp
6. April 2022
Ansicht Gartenseite (Foto: Jens Weber)
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Die modularen Kindertagesstätten „MOKIB Typ 150 minus“ gehören zu einem Typenbauprogramm der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, das durch das Land Berlin zur Deckung des gestiegenen Bedarfs an KITA-Plätzen im Jahr 2017 aufgelegt wurde. Ziel war es, in möglichst kurzer Zeit kostengünstige Kindertagesstätten an unterschiedlichen Standorten in Berlin zu errichten. Die Typenfrage wird durch den MOKIB-Baukörper neu gestellt und mit den Vorteilen einer grundstücks- und anforderungsspezifischen Individualisierung beantwortet. Das Gebäude reagiert flexibel auf die verschiedenen Grundstückszuschnitte sowie auf die bestehende Bebauung und ist so in unterschiedlichen städtebaulichen Zusammenhängen realisierbar.

Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Mit den Kindertagesstätten „MOKIB Typ 150 minus“ wird insbesondere an die Geschichte des Typenbaus angeknüpft, die in Berlin in besonderer Weise beheimatet ist. Ziel der Entwicklung des Gebäudes war es, die Vorteile der Typenbauweise zu nutzen, in dem Falle durch einen einfachen, kubusförmigen Baukörper, der sich gut zur Vorfertigung eignet, und ihm durch das Hinzufügen einer farbig gestalteten Gebäudehülle einen individuellen Akzent zu verleihen. 

Blick auf den Treppenturm mit Steckmetallbekleidung (Foto: Jens Weber)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Mit einem ersten Testentwurf wird der Typenbau auf dem Grundstück platziert. Dafür kann der Bau je nach Grundstückserschließung und Ausrichtung gedreht oder gespiegelt werden. Eine weitere Individualisierung der Kitas an den Standorten erfolgt über die jeweilige Farbgebung am Gebäude. Vier unterschiedliche Farbkonzepte, entsprechend der Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde ermöglichen eine Differenzierung und Reaktion auf den Kontext der Umgebung. So liegt z.B. der erste Standort Fichtewiesen keine 500 m entfernt von der Havel, sodass das Wassermotiv mit der zugeordneten Farbe Grün schnell gewählt war. Die Farben finden sich sowohl an Fassadenelementen, vorgesetzten Stahlbalkonen und Sonnenschutzelementen als auch an Boden- und Wandbelägen im Inneren des Gebäudes.

Raumabfolge Gruppen- und Gruppennebenräume (Foto: Jens Weber)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Unser Entwurf wurde im Rahmen eines nichtoffenen Realisierungswettbewerbs für Architekten als Generalplaner mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Gegenstand des Wettbewerbs war der Entwurf und die Entwicklung eines dreigeschossigen, modularen KITA-Baus aus Holz, der aufgrund seines hohen Vorfertigungsgrades und seiner elementierten Bauweise schnell, kostengünstig und ökologisch errichtet werden kann. 

In späteren Planungsphase wurden feste Einbauten, Sanitärausstattung und ähnliches mit den Bedarfsträgern abgestimmt. Wichtige Fragen für die standortspezifische Ausführung waren zum Beispiel, wie viele Gruppenräume für die ganz kleinen Kinder benötigt werden oder wie die Kinderküchen der Multifunktionsräume aussehen sollen.

Zugang von der Straßenseite (Foto: Jens Weber)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Die fertiggestellten Gebäude folgen in ihrer Grundstruktur prinzipiell dem Wettbewerbsentwurf. Es gab jedoch Anpassungen zur Gewährleistung des baulichen Brandschutzes: Zum Beispiel mussten wir aufgrund der Dreigeschossigkeit des Gebäudes die Haupttreppe, die als erster Rettungsweg dient, in einen eigenen Treppenraum legen. Die Wettbewerbsauslobung sah ein KITA- Gebäude ohne dezentrale oder zentrale Lüftung vor, dies wurde auf unsere Empfehlung hin und auf Anraten der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz geändert. Hier waren erforderliche Raumluftmessungen auf Schadstoffe vor Nutzungsaufnahme und die Lufthygiene im späteren Betrieb ausschlaggebend.

Vorgestellter Stahlbalkon auf Gartenseite, 2. Standort Harnackstraße (Foto: Jens Weber)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Die Gebäudehülle ist entsprechend KfW 55-Standard ausgelegt; die Wärmeversorgung erfolgt über Luftwärmepumpe oder Fernwärme. Die großen Fenster in den Gruppenräumen sorgen für solare Gewinne. Den sommerlichen Wärmeschutz gewährleisten textile Sonnenschutzscreens sowie die starren und die verschiebbaren Sonnenschutzelemente an den Balkonen. Brettsperrholzelemente kamen für alle tragenden Innen- und Außenwände, Decken- und Dachelemente einschließlich Treppenlauf zum Einsatz. Auch der Aufzugsschacht besteht aus einer zweischaligen, schallentkoppelten Brettsperrholzkonstruktion, die als fertiges Element in das Gebäude eingehoben wurde.

Detail Stahltreppe und Streckmetallbekleidung Treppenturm, 2. Standort Harnackstraße (Foto: Jens Weber)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Das Erscheinungsbild des Gebäudes wird maßgeblich durch eine vorgestellte, regalartige, farbige Stahlkonstruktion bestimmt, die als Rettungsweg für sämtliche Aufenthaltsräume in den Obergeschossen funktioniert. Darüber hinaus dienen die farbigen Streckmetallelemente als Sonnenschutz, Sichtschutz und Einbruchssicherung. Die Fassaden sind geprägt durch ihre architektonische Qualität, konstruktive Präzision und Funktionalität.

Lageplan (Zeichnung: karlundp)
Grundriss Obergeschoss (Zeichnung: karlundp)
Schnitt (Zeichnung: karlundp)
Mokib Typ 150 minus, Neubau von modularen Kindertagesstätten in Holzbauweise in verschiedenen Bezirken des Landes Berlin
2021 Fertigstellung 1. Standort „Zu den Fichtewiesen" Berlin – die Fertigstellung der weiteren Standorte erfolgt zwischen 2022-23
Zu den Fichteweisen 14
13587 Berlin

Auftragsart
Generalplanungsauftrag, Beauftragung nach 1. Preis im Wettbewerb
 
Bauherrschaft
Land Berlin vertreten durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, Abteilung 5
 
Architektur
karlundp Gesellschaft von Architekten mbH, München,
Katrin Kratzenberg, Katharina Tron, Ina Philipp, Claudia Wergin, Sandra Humanes, Cornelia Oswald
 
Fachplaner
Tragwerk und Gebäudetechnik: Bergmeister GmbH, Vahrn-Neustift, Bozen (IT)
Freianlagenplanung: Frank Kießling Landschaftsarchitekten / Albert Armbruster Landschaftsarchitektur, Berlin
Bauphysik: Kurz und Fischer GmbH, Feldkirchen-Westerham
Küchenplanung: balke + kagerer architekt innenarchitekt PartmbB
 
Bauleitung
Format Bauplanung GmbH, Christian Frauenstein
 
Ausführende Firmen
Generalunternehmer: HU-Holzunion GmbH, Rotenburg
Holzbau: HU-Holzunion GmbH, Rotenburg; Cordes Holzbau GmbH & Co. KG, Rotenburg
 
Hersteller
Massivholzwand: Brettsperrholz (BSP) Stora Enso CLT
Fenster-/ Türelemente: Kneer Südfenster
Außenliegender Sonnenschutz: Warema Vertikalmarkise
Schiebeläden: Ehret
Lochdecke: Knauf cleaneo
Lamellendecke: Ligno Akustik light
Bodenbelag: Linoleum Forbo Marmoleum
Boden- und Wandfliesen: V&B Architectura
Innentüren: Schörghuber 
Seilnetz, Absturzsicherung: Jacob Rope Systems Webnet mit Hülsen
 
Energiestandard
KfW 55 Standard 
 
Bruttogeschossfläche
ca. 1.645 m²
 
Gebäudevolumen
ca. 6.069 m³

Gebäudekosten
7.043.000 € brutto KG 300+400
 
Gesamtkosten
8.305.000 € brutto KG 200-700

Fotos
Jens Weber, München

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