Kindertagesstätte Anne Frank in Reinsdorf

Schale versus Kern

schürmann+schürmann architekten BDA 
16. August 2017
Vorplatz und Eingänge zum Kindergarten und zur Kinderkrippe
Die Stuttgarter Architekten schürmann+schürmann haben kürzlich eine Kindertageseinrichtung für 200 Kinder in Sachsen realisiert. Jutta und Peter Schürmann berichten uns vom Projekt.
Projekt: Kindertagesstätte Anne Frank in Reinsdorf, Landkreis Zwickau | Architektur:
schürmann+schürmann architekten BDA, Stuttgart | Bauherrschaft: Gemeinde Reinsdorf | vollständige Bautafel siehe unten
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Das Grundstück befindet sich außerhalb des eigentlichen Ortes Reinsdorf, ist umgeben von landwirtschaftlich genutzten Feldern und liegt in reizvoller Auenlage. Durch diese besondere Lage  und begünstigt durch das große Grundstück war es möglich, das vielfältige Programm der Kindertagesstätte baukörperlich stark zu gliedern, sodass man vom Inneren des Gebäudes über vorgelagerte Höfe, Loggien und Nischen stets auch die äußere Erscheinung des Gebäudes im Blick hat und Raumbezüge wahrnehmen kann. 
Es entstanden ein Kindergarten und eine Kinderkrippe mit insgesamt 16 Gruppen. Ergänzt durch Mehrzweckräume, Therapieräume, Kinderateliers, Kinderwerkstatt und eine Kinderküche. Weiterhin eine Vollküche mit Speiseraum, sowie ein Gebäudeflügel mit einem Kneipp-/ Saunabereich für die Kinder, einer dort gepflegten Tradition folgend.
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Wie in einem kleinen Dorf entlang inneren Weges sind im Inneren verschiedene Raumfunktionen angeordnet: das Küchenhaus, das Speisehaus, das Saunahaus, die Kindergartenhäuser und die Krippenhäuser. Wir haben auf eine 2-spännige Anlage verzichtet, um den Kindern nicht nur in den Gruppenräumen, sondern auch in den Spielflurbereichen einen direkten Außenbezug zu ermöglichen. Die Flurbereiche sind meist taghelle Aufenthalts-
und Spielzonen. Der Einfall von Tageslicht aus den verschiedenen Himmelsrichtungen und über den gesamten Tageslauf hinweg war uns ein besonderes Anliegen.
Der Krippenbereich für die Kleinsten wurde in zwei unabhängige Bereiche gegliedert. So entstanden erdgeschossige Einheiten – gerade richtig groß, um von den kleinen Kindern selbst erkundet und in Besitz genommen zu werden. Schlaf- und Wickelräume (die von drei Richtungen Tageslicht bekommen, weil sie auch als Aufenthaltsräume für die Kleinsten interpretiert werden können), sind jeweils zwischen die Gruppenräume gespannt, sodass in jedem Gebäudeflügel ein halbtransparentes Raumkontinuum entstanden ist. Jeder Gruppenraum hat seinen eigenen überdeckten Freibereich.
Den Kindergarten haben wir dagegen zweigeschossig angelegt. Hier sind die Kinder schon älter und ein ‚oben und unten’ im Haus bereichert ihren Horizont - die Wege über Treppen können nun selbst zurückgelegt werden. Lufträume verbinden beide Geschosse - so entstehen Räume mit unterschiedlichen Charakteren. Die 10 Gruppen sind jeweils paarweise durch große Schiebewände gekoppelt. Dazwischen befinden sich die direkten Zugänge zu den jeweils zugeordneten Balkonen und Loggien und - im Obergeschoss - zu den Außentreppen hinunter in die vorgelagerten Spielgärten.
Abfolge von Gruppen-, Schlaf- und Wickelräumen in der Kinderkrippe
zentrale Treppe im Kindergarten
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Die Gemeinde Reinsdorf liegt eingebettet in das erzgebirgische Vorland. In einer abfallenden Aue ist die Kindertagestätte so situiert, dass ein baumbestandener Vorbereich entsteht. Die beiden Eingänge, einer für den Kindergarten und einer für die Kinderkrippe, sind über kleine Zugangshöfe zu erreichen, die mit unterschiedlichen Solitärbäumen bepflanzt werden sollen. Wir wollten, dass sich alle Gruppenräume zur Aue hin öffnen. Hier sind die geschützten Spielflächen von Kinderkrippe und Kindergarten.
Dem Kneipp-/Saunabereich ist auf der Gartenseite ebenso ein Hof zugeordnet. Hier können die Kinder bei schönem Wetter auch draußen planschen, matschen und mit Wasser experimentieren. Dieser Bereich und auch die Mehrzweckräume sind an zentraler Stelle der Gesamtanlage angeordnet. Die vier Mehrzweckräume lassen sich zu einer kleinen Aula zusammenschalten und zum Garten hin öffnen.
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?
Das Projekt ist aus einem Planungswettbewerb mit vorgeschaltetem Auswahlverfahren nach RPW hervorgegangen. Die Bauherrschaft hatte vor dem ausgeschriebenen Wettbewerbsverfahren ein detailliertes, pädagogisches und wohl durchdachtes Konzept erarbeitet, das so schon in unserem Wettbewerbsbeitrag seinen direkten räumlichen Niederschlag finden konnte. Das hat sich ausgezahlt. 
Blick vom Obergeschoss ins Erdgeschoss des Kindergartens
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
Alle wesentlichen Entwurfsideen und die vorgeschlagene Gestalt waren schon im Wettbewerbsentwurf definiert und wurden so umgesetzt. Sicher war dies auch möglich, weil sich die Bauherrschaft schon vor dem Architektenwettbewerb intensiv mit Ihrem eigenen Anliegen und Projekt beschäftigt hatte.
Die Außenanlagen wurden dabei vom Bauherrn als eigenes Projekt beauftragt und realisiert.
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Auch durch die Wahl unterschiedlicher Materialien – nicht nur im Kontrast von ‚Außen und Innen’ sondern auch hinsichtlich ihrer optischen und haptischen Charakteristik – offenbart sich den Kindern die Vielfältigkeit der Welt. Ziegelmauerwerk in der Farbigkeit des vorgefundenen rötlichen Lehmbodens bildet die Außenhaut des Gebäudes. Gebäudenischen sind mit naturbelassenem Lärchenholz ausgekleidet und sind so ‚Mittler’ zwischen ‚außen und Innen’. Wir haben in der äußeren Anmutung des Gebäudes auf ausgeprägte Farbigkeit oder laute Hinweise auf vermeintlich kindgerechtes Äußeres verzichtet und zurückhaltender Sachlichkeit den Vorzug gegeben. Hier waren uns die Proportionen und die baukörperliche Komposition der differenzierten Gesamtanlage in einheitlichem Mauerwerkskleid Ausdruck und architektonische Kraft genug.

Tragende Sichtbetonwände einerseits, Holzfassade und Holzausbauwände aus verschiedenen Hölzern (Eschenholz ,Tanne/Fichte, Lärche, Eiche) und farbigen Oberflächen anderseits bestimmen im Inneren die Raumstrukturen. Die Böden sind in der Regel mit Linoleum in unterschiedlicher Farbigkeit belegt. Oberlichter werfen zusätzlich gefiltertes Licht in Gruppen-, Wickelräume und Flurbereiche.
die Kindertagesstätte Anne-Frank in winterlicher Landschaft
‚Häuser’ für Kinderwerkstätten und Verwaltung, im Hintergrund die Kinderkrippe
Das ‚Innen’ dringt nach ‚Außen’, an die äußere (Mauerwerks-)Schale
Übergang von Kinderkrippe zum zwei-geschossigen Kindergarten
Mehrzweckräume mit Blick in die Landschaft, zusammenschaltbar zur Aula
Blick von einem Schlafraum in einen Gruppenraum der Kinderkrippe
Gruppenräume im Obergeschoß im Kindergarten
im Hintergrund die Reinsdorfer Kirche
Wasserspeier im Mauerwerk
Lageplan
Grundriss Erdgeschoss
Ansichten
Projekt
Kindertagesstätte Anne Frank in Reinsdorf, Landkreis Zwickau
Mittlerer Schulweg 17
08141 Reinsdorf

Nutzung
Kindertagesstätte für 200 Kinder. Kinderkrippe (6 Gruppen) Kindergarten (10 Gruppen)

Bauherrschaft
Gemeinde Reinsdorf

Architektur
schürmann+schürmann architekten BDA,  Stuttgart
Jutta Schürmann, Prof. Peter Schürmann
Mitarbeit: Mirza Hasanovic, Stephan Schürmann

Fachplaner
Tragwerksplanung: Weischede Herrmann und Partner, Stuttgart
Brandschutz: Datconstruct, Dresden
HLS-E: Planungsbüro Waidhas, Chemnitz
Bauphysik: GN Bauphysik Stuttgart
Außenanlagen: IB Fickel, Reinsdorf
Bodengutachten: Geotechnik Buschmann, Bannewitz

Bauleitung
schürmann+schürmann architekten BDA
mit Neumann Architekten BDA, Plauen
Roger Neumann, Christian Schlipp

Bruttogeschossfläche
3.600 m²

Gesamtkosten
k.A.

Fertigstellung
​2016

Fotos
schürmann+schürmann•architekten

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