Akzent im Stadtteil

Hild und K
13. April 2022
Der Hohentorsplatz liegt am Rande der historischen Neustadtwallanlagen im Bereich der Alten Neustadt Bremen. Die Entwicklung dieses Teils der Innenstadt zu fördern, steht im Focus vielfältiger städtebaulicher Bemühungen. (Foto: Michael Heinrich)
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Das Projekt stellte uns vor die besondere Aufgabe, geförderten und günstig frei vermietbaren Wohnraum in zentraler und städtebaulich bedeutender Lage zu schaffen. Für die Errichtung des Wohngebäudes war also zunächst ein Konzept zu finden, das hochwertige Architektur mit reduzierten finanziellen Mitteln umsetzt. Im Bebauungsplan, der dem im Jahr 2018 abgewickelten Wettbewerbsverfahren zugrunde lag, wurde zudem ein städtebaulicher Orientierungspunkt gefordert. Für uns war dahingehend wichtig, mit dem achtstöckigen Volumen im Kontext der Wallanlagen und in geschichtlichem Bezug auf das ehemalige Hohentor einen Akzent zu setzen und zugleich das gesamte vorgelagerte Geviert mit Feuerwehr und Wertstoffhof in die Bebauungsstruktur der historischen Stadterweiterung des Hohentorsviertels einzubinden.

Die sechseckige Grundfläche des Wohnhauses nutzt das keilförmige Baugrundstück, um einen städtebaulichen Akzent zu setzen. Als vieleckiger „Bug“ inszeniert der Wohnturm die Grundstücksspitze, von den nahegelegenen Neustadtwallanlagen aus gesehen, als identitätsstiftendes Entree des Viertels. (Foto: Michael Heinrich)
Mit Rücksprüngen nach der vierten und sechsten Etage vollzieht das Gebäude eine Assimilierung an die umgebene Bebauung und hält so die Schwebe zwischen der solitären Städtebauposition des Gebäudes und seiner Bezugnahme auf den Kontext. (Foto: Michael Heinrich)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Wir haben uns durch Alvar Aaltos Wohnhochhaus im Bremer Stadtteil Vahr inspirieren lassen, insbesondere durch die dort vorgenommene Aufwertung der Erschließungsbereiche. In unserem Fall setzte die äußerst kompakte Gestaltung des Baukörpers finanzielle Ressourcen frei. Sie konnten für die Ausstattung der Wohneinheiten, aber auch für die hochwertige Gestaltung des Eingangsbereichs und der Treppenhäuser, also der Begegnungsflächen, genutzt werden.

Die Fassade ist mit glasierten Ziegeln unterschiedlicher Größe, Farbigkeit und Einbaurichtung verkleidet. Gemeinsam mit der gestaffelten Form des Baukörpers sorgen diese für ein lebhaftes Licht- und Schattenspiel. (Foto: Michael Heinrich)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Unser Entwurf setzt die Vorgaben des B-Plans in einem achtgeschossigen gestaffelten Baukörper in ungewohnter Form um. Die sechseckige Grundfläche des Wohnhauses nutzt das keilförmige Baugrundstück für einen städtebaulichen Akzent. Als vieleckiger „Bug“ inszeniert der Wohnturm die Grundstücksspitze, von den nahegelegenen Neustadtwallanlagen aus gesehen, als identitätsstiftendes Entree des Viertels. Er ersetzt damit das im 19. Jahrhundert abgerissene, namengebende Hohe Tor. Als unübersehbarer Hochpunkt stellt sich das Haus zudem in einen städtebaulichen Zusammenhang mit den Gebäuden der Hochschule Bremen – weshalb sich das Wohnangebot auch besonders an Studierende richtet. Mit Rücksprüngen nach der vierten und sechsten Etage vollzieht es zugleich eine Assimilierung an die umgebene Bebauung und hält so die Schwebe zwischen der solitären Städtebauposition des Gebäudes und seiner Bezugnahme auf den Kontext.

Die Wohngeschosse sind rund um einen Treppenkern gruppiert. Dieser ist großzügig angelegt und hochwertig gestaltet; ungewöhnlich für ein zu 80 Prozent durch geförderten Wohnungsbau belegtes Gebäude. (Foto: Michael Heinrich)
Die durch Alvaro Altos Wohnhochhaus im Bremer Stadtteil Vahr inspirierte Aufwertung der Erschließungsbereiche ist grundlegend für das Konzept einer gemeinschaftsfördernden sozialen Durchmischung. (Foto: Michael Heinrich)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Wir haben uns beim Entwerfen sehr stark am Blick auf die künftigen Nutzerinnen und Nutzer orientiert. Zentral war die Frage, wie es gelingen kann, allen Bewohnerinnen und Bewohnern dieses Hauses, das bis zu 80 Prozent durch geförderten Wohnungsbau belegt ist, eine gleichwertig hohe Aufenthaltsqualität und ein gutes soziales Miteinander zu ermöglichen. Die ungewöhnliche Gebäudetypologie ordnet frei finanzierte und geförderte Wohnungen an einem gemeinsamen Treppenraum an. Demselben Konzept der Gleichbehandlung entsprechend sind beide Typen hinsichtlich Raumorganisation und -ausstattung gleichwertig ausgeführt. Durch den ungewöhnlichen Geschossgrundriss und die innere Strukturierung des Gebäudes wurde eine reine Nordorientierung einzelner Wohneinheiten ausnahmslos vermieden

Frei finanzierte und geförderte Wohnungen sind hinsichtlich Raumorganisation und -ausstattung gleichwertig ausgeführt. (Foto: Michael Heinrich)
Durch den ungewöhnlichen Geschossgrundriss und die innere Strukturierung des Gebäudes wurde eine reine Nordorientierung einzelner Wohneinheiten ausnahmslos vermieden. (Foto: Michael Heinrich)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Die Fassade ist mit glasierten Ziegeln unterschiedlicher Größe, Farbigkeit und Einbaurichtung verkleidet. Gemeinsam mit der gestaffelten Form des Baukörpers sorgen diese für ein lebhaftes Licht- und Schattenspiel. Ihr Grünton lässt sich außerdem gewissermaßen programmatisch für ein auch ökologisch ambitioniertes Konzept lesen.

Den Bezug zur Umgebung mit dem unmittelbar benachbarten, attraktiven Park fördern auch die am Rande der polygonalen Grundfläche entstehenden, platzartigen Freiräume. Der Blick ins Grüne zeichnet besonders die im Erdgeschoss des Gebäudes vorgesehene Gewerbefläche aus. (Foto: Michael Heinrich)
Auf dem Gründach des Gebäudes sind Solarzellen angeordnet und sorgen gemeinsam mit einem Blockheizkraftwerk für nachhaltige Energieversorgung. (Foto: Michael Heinrich)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Auf dem Gründach des Gebäudes sind Solarzellen angeordnet und sorgen gemeinsam mit einem Blockheizkraftwerk für nachhaltige Energieversorgung. In Kooperation mit der Hochschule Osnabrück wurde hier zudem ein für Insekten vorteilhafter Lebensraum mit gebietseigenen Wildpflanzen geschaffen. Daneben wurden mit genuin architektonischen Mitteln ökologisch positive Effekte erzielt: Die Kompaktheit des Gebäudetypus resultiert in einer merklichen Reduzierung des Materialbedarfs beim Bau und des Energieaufwandes im Gebäudebetrieb.

Lageplan (Zeichnung: Hild und K)
Grundriss 4. Obergeschoss (Zeichnung: Hild und K)
Schnitt durchs Gebäude (Zeichnung: Hild und K)
Wohnen am Hohentorsplatz
2021
Am Hohentorsplatz 2
28199 Bremen

Nutzung
Wohnen, Gewerbe (nur EG)
 
Auftragsart
Wettbewerb
 
Bauherrschaft
GEWOBA Aktiengesellschaft Wohnen und Bauen, Bremen
 
Architektur
Hild und K, Berlin 
Andreas Hild, Dionys Ottl, Matthias Haber
Projektleitung: Sérgio de Sá
Mitarbeit: Pablo Tena, Anna Schork
 
Fachplaner
Ausführungsplanung und Ausschreibung: Fremz Schwanewedel Bollmann Architekten BDA, Bremen
Tragwerksplanung und Bauphysik: ibu+, Bremen
Bodenmechanik: IfG Ingenieurgemeinschaft für Geotechnik, Bremen
Haus- und Elektrotechnik: HESA Planung, Bremen; Pachaly GmbH, Bremen
Brandschutz: BRAIN Brandschutz
 
Ausführende Firmen
Generalunternehmer und Bauleitung: Gottfried Stehnke Bauunternehmung GmbH & Co.KG, Osterholzscharmbeck
 
Hersteller
Fliesen Fassade: FaBö GmbH, Walldürn
Leuchten Treppenhaus: Lichtwerft nord, Bremen
 
Bruttogeschossfläche
4.062,7 m²
 
Gesamtkosten
k.A.
 
Fotos
Michael Heinrich

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