Skulptur durch Boden

Autor:
Thomas Geuder | Praxis
Veröffentlicht am
Sept. 17, 2013

Als Kreativer fragt man sich ab und an, warum Produkte eigentlich einem bestimmten Bauteil zugeordnet sind. Eine Zweckentfremdung nämlich täte manchem Material ganz gut. Die Architekten von Unit4 geben uns im eigenen Büro in Stuttgart ein Beispiel.
Der Empfangstresen im neuen Büro von Unit4 streckt sich dem Besucher entgegen und ist gleichzeitig Auftakt für die Open-Office-Flächen links und rechts davon. (Foto: David Franck) 
Auch wenn beide dasselbe Ziel verfolgen, nämlich am Ende ein gutes Gebäude dastehen zu haben, gibt es doch einen wichtigen Unterschied zwischen Architekten und Herstellern: Ihr Weg dorthin ist gänzlich unterschiedlich. Recht anschaulich manifestiert sich das am Beispiel Bodenbelag: Hersteller von Bodenbelägen gehören allgemein zu den eher Kreativen in der Welt der Bauprodukte, denn sie müssen sich alljährlich (manchmal sogar allhalbjährlich) immer neue Designs einfallen lassen für ein Produkt, das letztendlich doch stets dasselbe erfüllen muss: haltbar und schön zu sein. Die Palette an Bodenbelägen auf dem Markt ist dementsprechend groß und vielfältig. Dennoch bleiben sie alle, was sie erdacht wurden: Ein Bodenbelag ist ein Bodenbelag ist ein Bodenbelag. Architekten aber kennen das anderes: Ein Bodenbelag ist ein Wandbelag ist ein Tischbelag ist ein Belag für alles mögliche. Der Kreativität sind im Bau (fast) keine Grenzen gesetzt, das wissen Über-den-Tellerrand-Gucker wie unser Freund Otto Architektenfan nur allzu gut.
Der Name Bolon setzt sich aus dem schwedischen Wort für Baumwolle «BOmull» und dem Wort nyLON zusammen. Im Bild: Der Bodenbelag Bolon Now Silver. (Bild: Bolon) 
Bekanntestes Beispiel: Linoleum, in seiner reinen Form nachhaltig und schadstofffrei. Auch bekannt: Vinyl, meist in der Form von PVC, als Bodenbelag mittlerweile unbedenklich. Spannend aber wird es etwa bei Bodenbelägen wie denen des Schwedischen Herstellers Bolon, der das hoch beanspruchbare Vinyl als Grundlage für Beläge nimmt, die gewebt sind. Wie etwa die Kollektion «Now», ersonnen von der Designerin Marie Eklund, die zusammen mit Schwester Annica derzeitiger Eigentümer und kreativer Kopf der Firma ist. Optische Grundeigenschaft dieses Produkts ist ein metallischer Glanz, der je nach Lichteinfallswinkel quer oder längs zur Webrichtung unterschiedlich ausfällt. Sechs verschiedene Farben – Anthrzit, Champagner, Saphir, Pink, Silber und Bronze – bringen dann die gewünschte Stimmung. Bolon Now ist als Bahnenware (Stärke 2,4 mm) oder Fliesen (Stärke 2,9 mm) erhältlich, die vollflächig verklebt und miteinander kaltverschweißt werden. Aufgrund verschiedener Prüfungen nach EN und ISO auf Maßstabilität, Farbechtheit und Stuhlrollengebrauch (und andere) verspricht der Hersteller eine Garantie von 10 Jahren. Haptisch wie optisch also ein inspirierendes Produkt – das wegen seiner speziellen Glanzwirkung im Raum aber mit Bedacht verwendet werden sollte.
Gestalterisch gehen die Arbeitsplätze in den Empfang und schließlich wieder in Arbeitsplätze über, wodurch ein fließendes Ganzes entstehten soll. (Foto: David Franck) 
Konzipiert ist Bolon Now für den Einsatz im Büro (Nutzungsklassifizierung 32 Gewerbebereich normal) oder in ähnlichen, gut frequentierten Bereichen. Die Architekten von Unit4 aus Stuttgart jedoch haben in dem Material vor allem seine Oberflächeneigenschaften gesehen, die es auch für andere Aufgaben qualifiziert. Umgesetzt haben sie das beim Umbau der eigenen, neuen Büroräume in einem ursprünglich im Jahr 1960 errichteten, 3-spannigen Verwaltungsbau. Dazu wurden zunächst die Geschosse komplett entkernt, sodass nur noch die selbsttragenden Außenwände und die Tragstruktur übrig blieben. Dieser langgestreckte Raum erhielt im nächsten Schritt ein umlaufendes Raummöbel, das die Arbeitsplätze definiert und den Raum gleichzeitig in Bürofläche, Empfang, Archiv und anderen Nebenflächen aufteilt. Der nach der Entkernung ebenfalls übrig gebliebene Aufzugschacht wurde im letzten Schritt schließlich ummantelt, wodurch dessen formale Sonderstellung im Raum erhalten und sogar ein wenig hervorgehoben wurde. Diese Ummantelung besteht aus einer dreiseitigen Raumskulptur mit einer Konstruktion aus Kanthölzern als Rahmen, die mit OSB-Platten beplankt sind. Kaschiert durch deren Oberfläche schließlich mit dem Bodenbelag Bolon Now in der Farbe Silber. Auf Farben haben die Architekten im Raum vollständig verzichtet, Kontraste entstehen lediglich durch die verschiedenen Helligkeitswerte. Bolon Now Silver liefert da den nötigen Eyecatcher im Raum, da genau hier die optische Verschmelzung mit Einbauten unterbrochen wird. Zudem lässt sich diese skulpturale Einhausung auf Rollen wegschieben und so als zusätzlicher Raumteiler nutzen. Wen kümmert es da schon noch, dass hier ein Bodenbelag im Spiel ist!    tg

Die «architektonische Störung» durch den Aufzugschacht nutzen die Architekten auch, um einen Zugang zum Versorgungsbereich in der Mitte zu schaffen (Mitte rechts). (Foto: David Franck) 
Mit einem Schallapsorptionsgrad von 0,05 nach EN ISO 354 schluckt Bolon Now (links) 5 % des einfallenden Schalls bei einem typischen Wert (Herstellerangabe). (Foto: David Franck) 
Grundriss 
Längsschnitt 
Bei Bolon Now Silver kann und muss die Verlegerichtung beachtet werden, da sich das Licht an den gerichteten Vinylfäden unterschiedlich bricht. Hier am Beispielprojekt Singelveste AlleeWonen, NL. (Foto: Bolon) 
Alle Produkte von Bolon sind seit 2011 mit dem Breeam-Zertifikat in A und A+ versehen. (Foto: Bolon) 
So sieht es auch bei «normalen» Teppichbodenherstellern aus. Die zahlreichen einzelnen Fäden werden zu einem Teppich verwoben. (Foto: Bolon) 
Öffnet man im Eingangsbereich bei Unit4 den Vorhang, ist der mittlere, dienende Bereich zu sehen. (Foto: David Franck) 
Das Obergeschoss, eine ehemalige Penthouse-Wohnung, wurde ebenfalls entkernt und den neuen Bedürfnissen angepasst. (Foto: David Franck) 
Der Innenausbau des Bestandes spicht eine deutliche Architektursprache aus den frühen 1960er-Jahren. (Foto: David Franck) 
Bolon AB
Ulricehamn, SE

Hersteller-Kompetenz
Bolon Now Silver

Projekt
eigenes Büro Unit4
Stuttgart, D

Architekt
Unit 4 Gmbh & Co. KG
Stuttgart, D

Bauherr
Unit 4 Gmbh & Co. KG
Stuttgart, D

Fertigstellung
2013

Fotonachweis
David Franck
Bolon


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