Form und Raum fließend

Autor:
Thomas Geuder | Praxis
Veröffentlicht am
Jan. 6, 2015

Das neue Hotel des IZB in Martinsried bei München ist eigentlich kein Hotel im klassichen Sinne. Stark Architekten entwickelten eher eine Pension mit Club für die Wissenschaftler aus aller Welt, mit der zum Thema passenden Formensprache.
Seit Oktober 2014 bildet IZB Residence den kommunikativen Mittelpunkt im Campus Martinsried und steht Wissenschaftlern und Geschäftsreisenden aus aller Welt offen. (Foto: Robert Sprang / Fördergesellschaft IZB) 
Im Repertoire des Allgemeinwissens hat man dies nicht unbedingt: Das IZB ist das 1995 gegründete «Innovations- und Gründerzentrum Biotechnologie» in Planegg-Martinsried sowie Freising Weihenstephan und gehört (nach eigenen Angaben) zu einem der Top Ten Biotechnologiezentren der Welt. Ziel der Fördergesellschaft IZB mbH – eine Tochtergesellschaft des Freistaates Bayern – ist es, die Gründung von Life Science Unternehmen zu unterstützen und durch die Vermietung geeigneter Räumlichkeiten zur wirtschaftlichen Umsetzung von Forschungsergebnissen im Bereich Life Science beizutragen. In Martinsried, einem Ortsteil von Planegg südwestlich der Stadtgrenze von München, befindet es sich damit in bester Gesellschaft: Direkte Nachbarn sind etwa die Fachbibliothek Biozentrum der LMU München oder das Max-Planck-Institut für Biochemie.
Durch spezielle gebogene Scheiben an den Gebäudeecken ist die Rundung auch wirklich eine Rundung. (Foto: Robert Sprang / Occhio) 
Der in diesem Umfeld entstandene Wissenschaftscampus wurde nun durch ein markantes Gebäude ergänzt, das höchstes Bauwerk seiner Umgebung gleichzeitig eine Art Mittelpunkt markiert: Die «IZB Residence Campus at Home» – entworfen von Stark Architekten aus München – ist als Ort der Begegnung und Kommunikation für die Wissenschaftler sowie für internationale Gäste gedacht, an dem diese sich interdisziplinär verzahnen und Ideen austauschen können. Und das gleich auf drei Ebenen: Im Erdgeschoss befindet sich das Restaurant «Seven and more», in den sechs Geschossen darüber finden die Gäste in sechs Suiten, zwölf Junior-Suiten und 24 Zimmer ausreichend Platz zum Übernachten, darüber lädt der Faculty Club «G2B» (Gateway to Biotech, ein «alter» Slogan der IZB) zum exklusiven Plausch mit Blick auf das (bei gutem Wetter sichtbare) Alpenpanorama.
Die Wände im Foyer nehmen mehrere Funktionen auf, wie z.B. die Rezeption, die Garderobe oder eine Sitzbank. (Foto: Robert Sprang / Fördergesellschaft IZB) 
Dem hier vorherrschenden Thema der Biotechnologie und der Biochemie folgend haben Stark Architekten ein Gebäude entworfen, das durch und durch mit fließenden, organischen Formen und Räumen arbeitet. Die Fassade besteht aus einer weißen Aluminiumhaut mit einer dahinterliegenden Fensterfassade, bei der durch den Einsatz von Sonnenschutzgläsern, einer dezentralen Klimatisierung sowie durch individuelle Verdunkelungsmöglichkeit auf einen außenliegenden Sonnenschutz verzichtet werden konnte. Der Grundriss des 27 Meter hohen Gebäudes erinnert an die Form einer Triangel und bildet in den ersten beiden Geschossen einen breiteren Sockel, der den bestehenden Platz zu einer Piazza schließt. Bei den Rundungen wurden gebogene Scheiben verwendet, selbst das Ganzglasgeländer der Terrasse im Faculty Club ist gebogen, was in einer Zulassung im Einzelfass bedurfte.
Der dunkle Deckenfries zeichnet den Raum nach und weist gleichzeitig den Weg zurück ins Foyer. (Foto: Robert Sprang / Occhio) 
Was die Formensprache in der Außenansicht vorgibt, setzt sich im Innenraum fort: Wirklich eckige Ecken muss man hier suchen. Die fließende Form der Wände wird übertragen in einen fließenden Raum, was vor allem in den öffentlichen (Restaurant) und halböffentlichen Bereichen (Flure und Club) spürbar wird. Dadurch entstehen spannende Sichtbezüge zwischen den verschiedenen Bereichen sowie zwischen innen und außen. Das Spiel zwischen Enge und Weite des Raums erzeugt eine dynamische Bewegung, eine Dreidimensionalität, durch die man beinahe ein Gefühl von Geborgenheit erhält. Diese Formen- und Raumsprache wird unterstützt durch das Beleuchtungskonzept, bei dem der Leuchtenhersteller Occhio das im Bauwesen seltene Glück hatte, als einziger das komplette Gebäude ausstatten zu dürfen.
In einem durchlaufenden, multifunktionalen Brüstungsmöbel, das in manchen Zimmern bis ins Bad hinein läuft, sind Leseliege, Schreibtisch und Waschtisch integriert. (Foto: Robert Sprang / Occhio) 
Wie an einer Kette aufgefädelt reihen sich im Restaurant Strahler an einem dunklen Deckenfries entlang und erzeugen durch die gezielte Ausleuchtung einzelner Zonen eine zusätzliche Raumdynamik. Im Faculty Club sind die runden Leuchten in einer leichten Deckenvertiefung versenkt, wie in einem biologischen Spiel der Mikroorganismen. Dieses wird durchdie für Occhio typische Formensprache in die Zimmer transportiert, die mit Tisch-, Wand-, Steh- und tief abgependelten Hängeleuchten ausgestattet sind. Der erste Gast war am 6. Oktober 2014 übrigens der frischgebackene Nobelpreisträger Prof. Evard Moser, dessen Nacht, so Geschäftsführer Peter Hanns Zobel, sehr angenehm und erholsam war. Das könnte freilich auch daran gelegen haben, dass das seine erste Nacht nach der Bekanntgabe des Nobelpreises war – wer würde unter diesem Umständen nicht auch gut schlafen!  tg
Speziell modellierte Wände nehmen das Deckenthema des Faculty Clubs bereits in den Zimmergeschossen vorweg. (Foto: Robert Sprang / Occhio) 
Mit dem Faculty Club «G2B» soll den Machern des gesamten Campus ein Ort gegeben werden, an dem sie sich ungezwungen treffen können. (Foto: Robert Sprang / Occhio) 
Grundriss Obergeschoss (Quelle: Stark Architekten) 
Grundriss Regelgeschoss (Quelle: Stark Architekten) 
Grundriss Erdgeschoss (Quelle: Stark Architekten) 
Eingesetzte Leuchten: Duna, Più alto, Sento filo, Sento letto, Sento tavolo, Sento lettura, Sento terra (Quelle: Occhio) 
Erdgeschoss und (im Bild) Obergeschoss sind räumlich offen gestaltet und nur durch die Einbauten in unterschiedliche Funktionen zoniert. (Foto: Robert Sprang / Fördergesellschaft IZB) 
Vom 170 m² großen Faculty Club aus kann man bisweilen bis zu den Alpen blicken – und so den Blick und die Gedanken schweifen lassen. (Foto: Robert Sprang / Fördergesellschaft IZB) 
Das wollen wir Ihnen natürlich nicht vorenthalten: Ilse Aigner, Bayerische Staatsministerin im Kabinett Seehofer, durfte bei der feierlichen Eröffnung des Hauses am 28. Oktober 2014 die Sitz-Liege-Bank ausprobieren. (Foto: Dominik Gierke / Fördergesellschaft IZB) 
Projekt
IZB Residence «Campus at Home»
Planegg-Martinsried, D

Architekten
Stark Architekten
München, D

Hersteller
Occhio GmbH
München, D

Kompetenz
Più alto, Più piano, Duna, Sento letto, Sento tavolo, Sento filo, Sento lettura, Sento terra

Bauherr
Fördergesellschaft IZB
Martinsried, D

Innenausstattung
designfunktion
München, D

Lichtplanung
Occhio projects, Helen Neumann

Architekten-Beratung
Occhio projects, Andreas Oberrenner

Fertigstellung
2014

Fotografie
Robert Sprang
Occhio
Fördergesellschaft IZB
Dominik Gierke


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