Wolfgang Hänsch (1929–2013)

 
 
Anfang der 1990er Jahre konnte man die Dresdner Meilensteine der Nachkriegsmoderne – Webergasse, Haus der Presse, Kulturpalast und Prager Straße – noch bei einem kurzen Altstadt-Spaziergang erkunden. Die ersten drei, die eine regelrechte Welle von modernen Bauten im Stadtzentrum auslösten, stammten alle von Wolfgang Hänsch. Er war als Architekt fast ausschließlich für diese Stadt tätig und konnte ihr daher während der DDR-Zeit seinen Stempel aufdrücken. Die geschichtsverliebten Dresdner vergötterten ihn als "Erbauer der dritten Semper-Oper" (die erste war ausgebrannt, die zweite im Krieg zerstört worden), die trotz der historiengetreuen Rekonstruktion von Erscheinungsbild, Foyer und Zuschauerbereich zu großen Teilen eher ein Neubau war. Denn Hänsch implantierte einen völlig neuen Bühnenbereich und brachte die Funktionsbereiche – Probenräume, Garderoben, Verwaltungstrakt, Kantine und Opernrestaurant – in drei kubischen, in Grund- und Aufriss auf die Addition von Quadraten zurückgehenden Baukörpern unter, die sich trabantengleich um das bekannte Bauwerk legen.

Dass gerade Hänsch – ein bekennender Anhänger der Moderne ohne Parteibuch – für dieses Prestigeprojekt als Chef-Architekt engagiert wurde, war der Höhepunkt seines erfolgreichen Weges, trotz teilweise rigider Vorgaben dauerhaft Bauten auf internationalem Niveau zu realisieren: Mit der Webergasse (1958–62) kreierte er direkt hinter der neo-barocken Altmarkt-Westseite ein sozialistisches Meisterstück des International Style, ein filigran-leichtes Ladenpavillon-Ensemble, das sich zickzackförmig durch den gesamten Block schlängelte. Mit dem aus Redaktionshochhaus, Druckereiflachbau und zahlreichen weiteren Gebäuden bestehenden Haus der Presse (1958–65) hielt der nachkriegsmoderne Formenkanon aus liegenden und stehenden Quadern dann auch in der Silhouette der Elbestadt unübersehbar Einzug. Als beim Kulturpalast (1962–69), nach jahrelangen Diskussionen über eine stalinistische Hochhaus-Variante, endlich in Moskau die Entscheidung für den flachen Glas-Kubus fiel, wirkte dies wie ein Fanal; das Kollektiv Hänsch errichtete ihn nach einem Ideenentwurf von Leopold Wiel. Herzstück dieses "Hauses der sozialistischen Kultur" war der sechseckige Mehrzwecksaal, der sich auf dem Dach durch eine eigenwillige Kupferhaube abzeichnet. Denn dank der vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten des Kipp-Parketts – mit ebener Fläche für Ball- und Kongressveranstaltungen sowie ansteigender Bestuhlung für Konzerte und Unterhaltungsshows – übernahm der stark frequentierte "Kulti" auch die Funktion einer (in Dresden bis heute nicht vorhandenen) Stadthalle. Mit der Wiedereröffnung der Semper-Oper (1985), der Heimstatt der Sächsischen Staatskapelle, tauchten jedoch bei der konkurrierenden (den Mehrzwecksaal mitnutzenden) Dresdner Philharmonie ebenfalls Forderungen nach einem eigenen Domizil auf. Bereits die ersten, ab 1994 einsetzenden Beschlüsse des Stadtrats zum Umbau des Kulturpalastes in ein reines Konzerthaus mit Spitzenakustik erzeugten dann einen kontinuierlichen Zugzwang.

Wolfgang Hänsch ist immer ein sehr bescheidener, zurückhaltender Mensch geblieben. Seine angeschlagene Gesundheit hat er nie thematisiert. Mit der Engstirnigkeit der Parteifunktionäre hatte er umzugehen gelernt, gegen die massive öffentliche Entwertung seiner Bauten nach dem Untergang der DDR war er jedoch nicht gewappnet. Die anschließenden Abrisse (Webergasse) und gnadenlosen Überformungen (darunter das Haus der Presse) empfand er "wie kleine Infarkte. Sie schmerzen, aber sie töten nicht." Auch den radikalen – in breiten Teilen der Bevölkerung umstrittenen und aus denkmalpflegerischer Sicht fatalen – Umbau des Kulturpalastes konnte er nicht stoppen, nicht mal mit einer Urheberrechtsklage. Während dessen Entkernung gerade auf Hochtouren läuft, ist Wolfgang Hänsch am 16. September dieses Jahres im Alter von 84 Jahren gestorben. Er hat der Dresdner Nachkriegsmoderne zum Durchbruch verholfen. Seine treffsicher-souveränen Kommentare, aber auch sein enormes (Kontroversen nicht aus dem Weg gehendes) Engagement für die weitere Stadtentwicklung werden wir in Zukunft sicher oft vermissen. Tanja Scheffler