Ringleuchten auf Pixelparkett

Autor:
Thomas Geuder | Praxis
Veröffentlicht am
Aug. 18, 2015

Zwischen Einkaufsmeile und Freizeitraum: Die «Neue Meile» von der Böblinger Altstadt zum Bahnhof hält vor allem für die Fußgänger einige Überraschungen bereit. Eine zentrale Rolle spielen dabei Material und Licht.
Mit der «Neuen Meile» ist in Böblingen ein neues Bindeglied zwischen Bahnhof und Altstadt entstanden. (Bild: Clemens Franke) 
Böblingen – etwa 20 km südwestlich von Stuttgart gelegen – ist eine städtebauliche Besonderheit. Zusammen mit dem nördlich angrenzenden Sindelfingen bildet es eine Art Doppelstadt, getrennt lediglich durch Bahn und Autobahn. Spürbar wird die ehemalige Trennung am besten noch auf dem zwischen beiden Großen Kreisstädten liegenden «Flugfeld», wo sich seit 1915 ein teilweise zivil wie auch militärisch genutzter Flughafen befand, der von 1924 bis 1938 sogar als Landesflughafen Stuttgart-Böblingen ins internationale Liniennetz eingebunden war. Ablesbar ist das heute noch vor allem durch das ehemalige Empfangsgebäude und den Tower. Die städtebauliche Gestalt von Böblingen selbst bzw. der Böblinger Altstadt in Form eines halben Ovals um den Schlossberg mit der Marktstraße als Längsachse und rechtwinklig dazu verlaufenden Quergassen entstand im 13. Jahrhundert. Zwischen Altstadt und Flugfeld bzw. dem direkt am Flugfeld liegenden Bahnhof befindet sich die Böblinger Unterstadt, mit der Bahnhofsstraße als direkte Verbindung zwischen beiden.
Aufgabe für die Landschaftsarchitekten von bauchplan war, ein neues «Maßsystem» und einen öffentlichen Bezugsraum für Böblingen zu kreieren. (Bild: Clemens Franke) 
Somit ist die Bahnhofsstraße eines der wichtigsten Bindeglieder in der Stadt vor allem für die Fußgänger. Grund genug für die Stadtplaner, dieses Rückgrat im neuen Jahrtausend zu einem großzügigen Fußgänger-Boulevard umzugestalten, der den Fußmarsch vom Bahnhof in die Altstadt zum räumlichen Erlebnis macht. Nicht zuletzt soll durch diese Aufwertung auch der Einzelhandel in dieser Gegend gestärkt und so eine Alternative als attraktiver und gelebter Stadtraum zu den umgebenden Einkaufszentren installiert werden. Die Planung der «Neuen Meile» aus der Feder des renommierten Münchner Büros bauchplan geht konzeptionell sogar noch einen Schritt weiter und leitet aus der Dialektik des schnellen Durchquerens und des gemütlichen Flanierens eine speziell entwickelte Choreographie ab, die die gesamte Raumorganisation bestimmt. Den Planern ging es um das Erzeugen einer eigenständigen, atmosphärisch intensiven Identität durch die Materialien der Straßenfläche und der Möblierung und durch das Arrangement der Formen wie auch des Lichts.
Einen wichtigen Bezugspunkt für Alt und Jung und nicht zuletzt eine akustische Trennung bilden die Wasserspiele. (Bild: Clemens Franke) 
So spannt sich über die gesamte, 9.500 m² große Fläche der Fußgängerzone als Basis ein Natursteinboden aus spanischem und portugisischem Granit auf, quer zum Fußgängerfluss von Fassade zu Fassade. Die 20 cm breiten und 36, 45 oder 60 cm langen Steine sind in unterschiedlich kräftigen Farbtönen zwischen Beige und Grau gewählt, wodurch die Fläche an eine Art ungeordnetes Parkett aus zahllosen Pixeln erinnert. Es fließt auch immer wieder ein paar wenige, für die Erfahrung des Stadtraums aber wichtigen Meter weit in die angrenzenden Seitenstraßen und fasst so das gesamte Gebiet von Bahnhofsplatz bis Elbenplatz zu einem zusammenhängenden, 18.000 m² großen Teppich zusammen. Der hält allerlei spannende wie nützliche Elemente bereit: zahlreiche Lichtselen als Auftakt und Filter zur Neuen Meile (ein Projekt der Firma Bartenbach), Möbel aus Thermoholzlamellen zum Sitzen, als Tisch oder zum Unterstellen von Fahrrädern, im Photolitverfahren erstellte Betonvorleger als «Walk of Böblingen» sowie Wasserrinnen und -spiele.
Sowohl in der Tag- wie auch in der Nachwirkung kommt den Leuchtringen eine für das Raumgefühl wichtige Bedeutung zu. (Bild: Clemens Franke) 
Eine besondere Bedeutung kommt dem Beleuchtungskonzept der Neuen Meile zu, entwickelt von den Lichtplanern Lumen3 aus München zusammen mit Bermeister Leuchten aus Tegernau: Es besteht aus 30 über der Neuen Meile frei schwebenden Ringleuchten, die am Tag wie auch in der Nacht eine entscheidende Rolle für das Raumgefühl spielen. Tagsüber tanzen sie in einer Höhe von sieben bis neuen Metern über dem Boden und grenzen so den Straßenraum nach oben optisch ein. Der 2,35 m große und 100 kg schwere Ring selbst besteht aus einem semitransparenten Kunststoff und beherbergt gleich zwei Lichtsysteme: Im Inneren umlaufende RGB-LED-Leisten bringen den Ring bei Dämmung gleichmäßig, bei Bedarf farbig zum Leuchten. Acht Spots mit einem warmweißen Licht (3000 K) und einer Neigung nach außen von 15° sorgen zusätzlich für eine direkte Beleuchtung der Fläche darunter. Die Leuchtringe wurden von den Lichtplanern so platziert, dass sie in der Nacht einzelne Lichtinseln erzeugen, die wie an einer Perlenschnur aneinander gereiht sind und dabei immer wieder unterschiedliche, den Straßenraum rhythmisierende Lichtintensitäten erzeugen. So sind Leuchten und Licht prägende Gestaltungselemente des neuen Boulevards.
Der neue Bahnhofsplatz mit den Lichtstehlen bildet einen neuen Auftakt zur Neuen Meile für die zahlreichen Pendler in Böblingen. (Bild: Hans Lichtl) 
Schon früher war die Böblinger Bahnhofsstraße als wichtige Fußgänger-Verbindung vom Bahnhof zur Altstadt mit großzügigen Gehwegen versehen. Dennoch gab es hier – ganz dem Prinzip der autofreundlichen Stadt folgend – zusätzlich eine Fahrspur für Autos mit den dazugehörigen Parkplätzen. Der Vergleich zur Neugestaltung aber macht deutlich: Durch den einheitlichen Naturstein-Belag, durch die Gestaltung mit Stadtmöbeln und nicht zuletzt durch den Umgang mit Licht ist hier eine stadträumliche Qualität entstanden, die man sich schon früher gewünscht hätte. Die Neue Meile verändert das Bild von Böblingen über die Bahnhofstraße hinaus. Das moderne und großzügige Zentrum macht nicht nur Lust auf Einkaufen, sondern bietet auch Aufenthaltsqualitäten. Nicht zuletzt ist sie ein guter architektonischer Auftakt zur Altstadt mit ihrer mittelalterlichen Bebauung – und ein Musterbeispiel innerstädtischer Entwicklung mit hochwertigen, prägnanten Materialien. tg
Übersichtsplan (Quelle: bauchplan) 
Detailausschnitt (Quelle: bauchplan) 
In den Leuchtringen sind RGB-LEDs für die Ring-Beleuchtung, Spots für die Wegbeleuchtung sowie die gesamte Elektronik untergebracht. (Bilder: bauchplan / Bergmeister Leuchten) 
Die Leuchtringe sind einem Seilnetz jeweils an drei Punkten aufgehängt, das sich durch die gesamte «Neue Meile» zieht. (Bilder: bauchplan / Bergmeister Leuchten) 
Spanischer und portugisischer Granit spannt sich wie ein Pixelparkett von Fassade zu Fassade und bildet so die omnipräsente Basis für den Stadtraum. (Bilder: bauchplan) 
Wie an einer Perlenschnur aneinander gereihte Lichtinseln gliedern und rhythmisieren den Straßenraum in der Nacht. (Bild: Clemens Franke) 
Die besondere stadträumliche Qualität der Neuen Meile wird besonders im Vergleich zum vorherigen Aussehen deutlich. (Bilder: bauchplan) 
Projekt
13bb – Neue Meile Böblingen
Böblingen, D

Landschaftsarchitekten
bauchplan ).(
München, D
Wien, AT

Hersteller
Bergmeister Leuchten
Tegernau, D

Kompetenz
Sonderanfertigung Leuchtringe

Bauherr
stadt böblingen, Amt für Tiefbau
Böblingen, D

Bauleitung
Raumspielkunst
Stuttgart, D

Lichtplanung
Lumen3
München, D

Leuchtenbau
Bergmeister Leuchten
Tegernau, D

Fertigstellung
2015

Fotografie
Clemens Franke
bauchplan
Bergmeister Leuchten
Hans Lichtl


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