Architekturszenarien

Autor:
Thomas Geuder | Praxis
Veröffentlicht am
Mai 26, 2015

Wie ein Bauwerk aussieht und was es leisten kann, hängt schlussendlich von dessen Verfasser ab. Das Wuppertaler Büro Ueberholz, in dem normalerweise temporäre Architekturen entstehen, hat ganz in diesem Sinne das eigene Bürogebäude erbaut.
Auf den ersten Blick erscheint das neue Bürogebäude des Büros Ueberholz wie ein massiver Beton-Kubus. (Bild: Ulrich Beuttenmüller / Gira) 
Die temporäre Architektur hat meist nicht viel Zeit, den Besucher zu beeindrucken. Deswegen arbeitet sie gemeinhin mit Effekten, die den Menschen direkt ansprechen sollen ihn in ihre Welt locken sollen, damit kurzer Zeit möglichst viel von vom Eindruck im Gedächtnis bleibt, ganz im Sinne der Corporate Identity natürlich. Ob Messebau, Veranstaltungsservice, Ladenbau, Ausstellungs- oder auch Museumsarchitektur: Bei temporärer Architektur geht es im Prinzip um den Augenblick, denn viel Zeit zum langsamen Erfühlen eines Raums hat hier niemand. Das ist eine Bauaufgabe, deren Anspruch nicht zu unterschätzen ist, denn der Grat zwischen wirksamem Effekt und Kitsch ist oft sehr schmal. Umso spannender ist es, wenn ein Büro für temporäre Architektur das eigene Bürogebäude entwirft, in dem eben diese kurzweiligen Welten entstehen sollen, das aber einen zeitlosen Hintergrund dafür bieten soll. So geschehen beim Büro Ueberholz in Wuppertal, das mit mehr als 150 nationalen und internationalen Designpreisen ausgestattet zu den wichtigen Playern in diesem Bereich zählt. Nico Ueberholz zur selbst gestellten Bauaufgabe: «Die Architektur sollte kubistisch werden, wir wollten klare Linien und eine klare Materialität. Wir möchten hier unser Architekturverständnis, die Sprache unseres Büros zeigen. Die Liebe zum Detail, Produkte, die speziell von mir für diesen Zweck entworfen und gebaut wurden. Das Gebäude, das Gebaute als Visitenkarte des Denkens.»
Mit dem Eingang spannt sich eine Blickachse auf, die quer durch das Gebäude verläuft. (Bild: Ulrich Beuttenmüller / Gira) 
Entstanden ist so ein Bauwerk mit mehreren Gesichtern: Dem Ankommenden verschließt es sich mit einer komplett geschlossenen Betonwand, vor der zwei florale Leuchten stehen und in die wirksam der Eingang eingeschnitten ist. In diese Schlucht muss sich der Besucher hineinbegeben und eine 380 kg schwere Eichentür passieren, ehe sich ihm der unerwartete Blick in einen lichtdurchfluteten, 300 m² großen Büroraum öffnet. Dazu Nico Ueberholz wieder: «Alle Mitarbeiter sollten ihren Arbeitsplatz am Fenster haben, denn nur im freien Geist entstehen kreative Prozesse.» Akkurat reihen sich hier links und rechts einer zentralen Achse 10 Arbeitsplätze auf, deren Schreibtische als schwebende Konstruktion aus weiß strahlendem Kunststoff ebenfalls von Nico Ueberholz entworfen wurden. Hinter den Arbeitsplätzen bilden das Ende der Achse schließlich zwei Besprechungsräume, die durch Glasscheiben vom Großraum abgetrennt sind. Der gesamte Raum bleibt stützenfrei (die notwendigen Stützen befinden sich nah an der Glasfassade), sodass sich zwischen Decke und Boden ungestört Raum für Kreativität aufspannen kann. So inszeniert Nico Ueberholz den Weg durch das Gebäude, spielt mit Gegensätzen, Materialien, Formen und kombiniert unerwartete Elemente mit völlig normalen.
Beim Betreten offenbart sich schließlich, dass das Gebäude zwei geschlossene und verglaste Seiten besitzt, wodurch ein lichtdurchfluteter Raum aufgespannt wird. (Bild: Ulrich Beuttenmüller / Gira) 
Natürlich ist den Verfassern auch das Energetische wichtig: Die Fensterfassade besitzt eine Dreifachverglasung mit einem Ug-Wert von 0,7 W/m²K, die Wände bestehen aus zwei Betonschalen mit einer 20 cm starken Kerndämmung, die Dachdämmung ist 25 cm stark und die Bodenplatte ist ebenfalls hochgedämmt. Geheizt wird mit Fernwärme, dank automatisch gesteuerter Verschattung sei eine Kühlung nicht notwendig, raumhohe Türen in der Glasfassade ermöglichen die Belüftung. Die gesamte Gebäudetechnik – also die Beschattung, die Heizung, die Beleuchtung sowie die Türkommunikation – ist über ein KNX-System verbunden, dessen Herz der Gira HomeServer bildet. Bedient wird das System über zwei an der Wand installierte Touchdisplays, dem großen Control 19 Client am Eingang und dem kleineren Control 9 Client neben dem Besprechungsraum, auf denen der Raumgrundriss visualisiert ist. Auf intelligenten Schaltern sind zusätzlich Standard-Beleuchtungsszenen abgelegt. Auch aus der Ferne kann Nico Ueberholz an kalten Wintertagen schon einmal die Heizung einschalten, bevor er ins Büro kommt, oder über die Kameras nach dem Rechten sehen. Das eigene Bürogebäude ist also architektonisch wie technisch durch und durch inszeniert, was sich natürlich gerne – so vermutlich der Wunsch von Nico Ueberholz – auf die Kreativität der Mitarbeiter auswirken darf.  tg
Auch die raumhohen Glasschiebeelemente, die die Besprechungsräume abtrennen, sind Sonderanfertigungen nach den Wünschen der Architekten. (Bild: Ulrich Beuttenmüller / Gira) 
Die dritte verglaste Seite öffnet sich zu einem Atrium, durch das Ebenfalls viel Licht in den Innenraum fällt. (Bild: Ulrich Beuttenmüller / Gira) 
Grundriss (Quelle: Ueberholz) 
Sowohl die Beschattung, die Heizung und die Beleuchtung sind über miteinander vernetzt und lassen sich so intelligent und energieeffizient, lokal, zentral und selbst aus der Ferne steuern. (Bild: Ulrich Beuttenmüller / Gira) 
Bedient wird die Gebäudetechnik über zwei an der Wand installierten Touchdisplays: Gira Control 19 Client (vorheriges Bild) am Eingang und Gira Control 9 Client neben dem Besprechungsraum. (Bild: Ulrich Beuttenmüller / Gira) 
Der Mitarbeiter kann am Bildschirm sehen, wer klingelt, und kann von hier aus ebenfalls die Tür direkt öffnen. (Bild: Ulrich Beuttenmüller / Gira) 
Über den Tischen sorgt die abgehängte Arbeitstischleuchte Glide, die aus zwei drehbaren LED Tubes besteht, für direktes oder indirektes Licht. (Bild: Ulrich Beuttenmüller / Gira) 
Die 3,70 m langen Schreibtische (hier im Bau) besitzen einen stabilen Kern aus Stahl, der mit 12 mm starken, weiß strahlenden Kunststoffplatten verkleidet ist. (Bild: Ueberholz) 
Erdacht ist das Gebäude im Schnitt wie eine riesige Klammer, zwischen deren Finger sich ein kreativer Raum aufspannt. (Bild: Ulrich Beuttenmüller / Gira) 
Projekt
Bürogebäude Ueberholz GmbH
Wuppertal, D

Architektur
Ueberholz GmbH, Büro für temporäre Architektur
Wuppertal, D

Hersteller
Gira, Giersiepen GmbH & Co. KG
Radevormwald, D

Kompetenz
Control 19 Client
Control 9 Client
Schalterprogramm E22 in Edelstahl

Bauherr
Ueberholz GmbH

Bauphysik und Baustatik
Ingenieurbüro Huckenbeck
Radevormwald, D

Lichtplanung
Dinnebier Licht GmbH
Wuppertal, D

Raumakustik
Nusret Lakota
Balve, D

Elektroplanung
Markus Busche
Balve, D

Umsetzung Inneneinrichtung
Ksm-Tischlerei Karsten Schmidt
Wuppertal, D

Umsetzung Metallarbeiten
Ueberholz GmbH

Fertigstellung
2014

Fotografie
Ulrich Beuttenmüller / Gira



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