Im Geiste des Gesamtkunstwerks

Autor:
Wolfgang Kil
Veröffentlicht am
Aug. 31, 2011

Blick aus der Mitte des MDM-Viertels in die monumentale Achse der Marszalkowska-Straße  
Vom Masterplan bis zum Laternenaufsatz – die Stadt als Gesamtkunstwerk 
Die eigentlichen Abenteuer sozrealistischer Architektur sind im Stadtteil Praga zu erleben, z.B. am General-Haller-Platz (alle Bilder: Wolfgang Kil) 
Nie waren sich Warschau und Berlin so ähnlich wie in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier wie da Trümmer ohne Ende, und in den Planungsämtern beider Städte tobte der Richtungskampf: Wiederaufnahme der Vorkriegsmoderne oder Sieg der Moskauer Direktiven, die einen bildhaften Städtebau mit traditioneller Architektur forderten? Für ein knappes Jahrzehnt setzten Stalins Kulturoffiziere die "Gegenmoderne" durch. Im sowjetisch besetzten Ostberlin wurde die Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) zum Symbolprojekt einer "Neuen Gesellschaft", in Warschau war es das repräsentative Zentrumswohngebiet MDM (Marszałkowska Dzielnica Mieszkaniowa ). Zwei Projekte wie von ein und demselben Reißbrett: gleiche stadträumliche Gestik, gleiches Formenrepertoire. Mochte die Doktrin der "Nationalen Traditionen" an alltäglicheren Orten, im ostdeutschen Dessau oder jenseits der Weichsel, am General-Haller-Platz in Warschau-Praga, tatsächlich zu Adaptionen lokaler Motive für den neuen "volksnahen Stil" geführt haben – für ihre Zentren suchten die Nachkriegsmetropolen nach den heroischsten Vorbildern, und die hatte damals einfach nur Moskau zu bieten. (Damit das niemand vergaß, erhielt Warschau als "Geschenk" noch den himmelhohen Kulturpalast).
Zwei Jubiläen – 20 Jahre Deutsch-Polnischer Vertrag und 20 Jahre Städtepartnerschaft Warschau-Berlin – ist es zu danken, dass die Denkmalpfleger beider Städte endlich dieses gemeinsame Erbe der Nachkriegszeit thematisieren. Als erste Etappe eines mehrstufigen Dialogs eröffneten sie am 24. August im Innenhof des Berliner Zeughauses eine Ausstellung über die beiden so zwillingsähnlichen Prestigeprojekte. Von beiden Seiten mit großer Fachkenntnis zusammengetragen und unter polnischem Kuratorium in sympathischer Knappheit (sogar Freiluft-tauglich) aufbereitet, wurden hier erste zögernde Schritte auf schwierigem Gelände gewagt: Es geht um einen "neuen Stil", den man erst einmal erkennen muss, um ihn dann vielleicht anerkennen zu können.
Zumindest für die polnische Öffentlichkeit scheint diese Zögerlichkeit angebracht, gelten doch dort seit der politischen Wende die realsozialistischen Jahre gewissermaßen als Ära einer Fremdherrschaft, deren bauliche Hinterlassenschaften man pauschal als "Relikte des Bösen" abqualifiziert. Unter dem Gegenwind eines solchen ideologischen Rollbacks ist der Mut der Warschauer Denkmalpfleger zu würdigen, die die MDM-Bauten vor ein paar Jahren nicht nur unter Schutz stellten, sondern auch deren Restaurierung veranlassten. (Leider werden die realsozialistischen Preziosen nun von realkapitalistischen Werbepostern vollflächig zugehängt – diese in Warschau überall grassierende Unsitte wird demnächst den Architektenberuf überflüssig machen.) Von den Kämpfen der heutigen Zeit erfährt man in der Ausstellung nichts, dafür eine Menge über den Planungsbegriff jener frühen Jahre, der im Geiste des Gesamtkunstwerks die Stadt vom Masterplan bis zum Balkongeländer und Laternenaufsatz durchzugestalten trachtete. Und anders als in Deutschland, wo auch bei dieser urbanistischen Eskapade recht schnell nach den stadtfunktionalen und sozialpolitischen Hintergründen gefragt wurde, wenden polnische Kollegen viel Fleiß auf Stilanalyse und künstlerische Details. Das ist wichtige Arbeit an den Grundlagen jeden Diskurses. Aber lässt sich der Wiederaufbau einer zu 70 Prozent zerstörten Stadt als rein kulturelles und somit ausschließlich ideologisches Projekt begreifen?
Solche Differenzen zwischen den deutschen und den polnischen Erfahrungen lassen auf spannende Gespräche in den weiteren Veranstaltungen hoffen – beim deutsch-polnischen Baugeschichts-Kolloqium am 12. September im Berliner Martin-Gropius-Bau, und vor allem beim Symposium über "Rekonstruktionen als Spiegel kultureller Identitäten", das die Berliner Akademie der Künste Ende November mit hochkarätiger polnischer Beteiligung ausrichtet. Zuvor jedoch sollte die Berliner Denkmalverwaltung dringend Wege finden, den vorzüglich aufgemachten Doppel-Katalog zur jetzigen Ausstellung auch in Deutschland unter ein sicher begieriges Publikum zu bringen. Es gibt momentan keine handlichere Materialsammlung für dieses "gar nicht abgestandene, geschweige denn ausgestandene Thema", wie Berlins Landesdenkmalpfleger Jörg Haspel den Diskussionsreigen eröffnete. Wolfgang Kil

Deutsches Historisches Museum (Schlüterhof), Unter den Linden 6, 10117 Berlin. Bis zum 9. September, täglich 10 -18h.