Werner Sewing (1951-2011)

Autor:
ub
Veröffentlicht am
Aug. 24, 2011

 
Es konnte nicht verborgen bleiben, dass Werner Sewing ernsthaft erkrankt war – aber die Nachricht von seinem Tod überraschte, erschütterte gerade diejenigen, die ihn näher kannten und seine Zähigkeit, seinen unbedingten Willen, weiter zu leben, zu denken und zu debattieren, schätzten und bewunderten. Er ließ nichts unversucht, um sich wieder mit allen Kräften seiner vor wenigen Jahren begonnenen Lehre in Karlsruhe - unterstützt von Florian Dreher - zu widmen. Es stimmt mal wieder: Die Hoffnung starb zuletzt.

Das viel zu kurze Leben in Stichworten: 1951 in Bielefeld geboren, studierte Werner Sewing Geschichte, Politikwissenschaften und Psychologie. Der akademische Beginn beim Systemtheoretiker Luhmann war ausgezeichnet, aber es zog ihn nach Berlin, wo er von Wolf Lepenies, Hans Peter Dreitzel und Heinrich-August Winkler lernte. Die amerikanische Systemtheorie reizte ihn mehr, so dass die Diplomarbeit über Talcott Parsons geschrieben wurde. Ab 1975 Lehrbeauftragter  und Assistent an der TU Berlin  mit Ausflügen an die McGill University in Montreal.  Mitte der achtziger Jahre in Architektur- und Stadtplanungsbüros, 1990 Leiter des Planungsbeirats im Bezirk Schöneberg. Dann Dozent für Stadt- und Architektursoziologie in Weimar und 1995 wieder zurück in Berlin. Lehraufträge führten ihn nach Berkley und an die Architectural Association nach London. 2004 als Fellow der Alcatel/SEL-Stiftung für Kommunikationsforschung am IZKT der Uni Stuttgart. Seit 2008 Professor für Architekturtheorie am KIT in Karlsruhe.

Als Werner Sewing 2008 zum Professor für Architekturtheorie nach Karlsruhe berufen wurde, durfte er sich in seiner freien, unbestechlichen Art, Themen aufzugreifen und auf die Studenten zuzugehen, hoch willkommen wissen. Werner Durth musste in seiner Traueransprache am 20. August in Potsdam daran erinnern, dass die folgenden zwei Jahre die glücklichsten in Werner Sewings Leben waren. Von seiner unkonventionellen Art, seinem Engagement in der Lehre und in der Regie von Veranstaltungen, die weit über Karlsruhe hinaus beachtet wurden, profitierte die Architekturfakultät schon nach kurzer Zeit. Und im Hochschulkollegium sorgte er für frischen Wind – Prof. Walter Nägeli: "Kaum fühlte man sich bei ihm gut aufgehoben, kam unvermittelt der nächste Gedankenpfeil angeschossen, insbesondere auf diejenigen Architekten, die sich in Formkunst und fachlicher Autonomie komfortabel eingerichtet zu haben glaubten, und aus war es mit dem solidarischen Komfort. Die vorwärts gerichtete intellektuelle Spannung, die von ihm ausging, blieb dabei erhalten."

Was ich in der Laudatio zum Schelling Architekturtheoriepreis, mit dem Werner Sewing 2006 ausgezeichnet wurde, vortragen durfte, gilt nach wie vor. Es gelang ihm, größere Zusammenhänge mit ökonomischem, politischem, wirtschaftlichem und soziologischem Wissen herzustellen. Dabei bügelten seine Argumentationen mit Internationalität oder Disziplinen übergreifenden Ansätzen gerade nicht das Themenspektrum glatt. Im Gegenteil: Sie dienten dazu, die Einflüsse aus verschiedenen Kulturkreisen und Fachbereichen akribisch zu präzisieren.
Von kaum zu überschätzendem Wert ist Werner Sewings Engagement seit dem Fall der Mauer. In Berlin durch und durch urbaner Existenz verpflichtet, blieben seine Analysen und Kommentare zu Stadtentwicklung und Architektur in der Hauptstadt unabhängig von allen beteiligten Interessensgruppen – und gelegentlich begleitet von Verschwörungstheorien. Lobbyisten, Politiker, Planer und Architekten durften in ihm nie einen instrumentalisierbaren Verbündeten suchen. Seine rhetorische Kraft war geschätzt und deswegen auch gefürchtet. Konsens in jeglicher Form ist ihm als Architektur- und Stadttheoretiker, dessen Denken an Niklas Luhmann und später noch mehr an Talcoots Parson und an Max Weber geschult worden ist, stets suspekt gewesen. Er war nicht radikal, sondern eigenständiger Erkenntnis zwischen Pop und Hochkultur verpflichtet.
Wenn ein "New Urbanism" als Verheißung aus Amerika importiert wurde, entlarvte Werner Sewing mit profunden Kenntnissen den Begriff als ästhetischen und sozialen Etikettenschwindel und hierzulande als Nobilitierungsversuch eines reaktionären Traditionalismus. Streitlustig analysierte er alles hinter den Bildern, mit denen Stadtplanung und Architektur im Zuge eines fragwürdigen "iconic turn" reüssieren – und zollte dennoch den Architekten in ihrer gestalterischen Kompetenz Respekt. Er wetterte gegen die Ästhetisierung des Alltags und erkannte gerade hierin eine Gefahr für die Architektur. In seinem sprachgebundenen Engagement manifestierte sich die Notwendigkeit zeitgenössischer Architekturtheorie aufs Beste.

Seine lebendigen Augen, sein reger, kritischer Geist, seine Lust an der Streitkultur, seine weiche Stimme und sein vieldeutiges, aber niemals verächtliches, sondern zuwendendes Lächeln bleiben in schöner Erinnerung, die nicht über den traurigen Verlust eines Freundes, mit dem man noch so vieles vorhatte, hinwegtäuschen kann. Ursula Baus