Freiraum unterm Fernsehturm

Author
Uta Henklein und Theresa Keilhacker
Published on
Mai 8, 2013

 
Das Zentrum 1996 (Bild: Wolfgang Reuss, Landesdenkmalamt Berlin) 
Entwurf von Levin Monsigny (Bild: www.levin-monsigny.eu) 
Unter dem Titel "Frei-Raum unter dem Berliner Fernsehturm: Historische Dimensionen eines Stadtraums der Moderne" fand am 3. Mai 2013 an der TU Berlin ein wissenschaftliches Symposium statt, das durch die Auswahl der Referenten eine anregende Auseinandersetzung mit einem zu Unrecht vernachlässigten Freiraum im Berliner Zentrum versprach. Die Vorträge brachten anschaulich die komplexen Zeitschichten dieses Stadtraumes von 1865 bis heute zutage, die in dieser Fülle noch nie so kompakt zusammengetragen worden waren. Dies müsste all jene endlich innehalten lassen, die als Anhänger der "historischen Berliner Altstadt" nur die städtische Gestalt vor dem Zweiten Weltkrieg vor Augen haben, oft aber den von expressivem Gestaltungswillen der DDR geprägten Freiraum am Fernsehturm kaum wahrnehmen, geschweige denn wertschätzen.
Hermann Henselmann hatte bereits Ende der 1950er Jahre die markante Restaurant- und Aussichtskugel in seinem Modell auf einen vieldeutigen "Turm der Signale" gesetzt, als zukunftsorientierte Analogie zum russischen "Sputnik". Die politische Führung der DDR wollte im Zentrum ihrer Hauptstadt, neben den repräsentativen Aufgaben, auch einen Ort des Alltags schaffen. Das Planungskollektiv um Hubert Matthes verfolgte einen überregionalen, städtebaulichen Ansatz: mit einer künstlerischen Achse zwischen Frankfurter Allee und Friedrichshain, in der die Entwurfsidee den natürlichen Wasserlauf der Spree mit einer künstlich geschaffenen Wasserachse vereinte. Die zur Spree hin abgesenkte Fläche ließ eine optische Erlebbarkeit des Raumes bis zu den Ufern des Flusses zu. Am Schnittpunkt beider Achsen sollte später der Palast der Republik entstehen, der 2007 für die Aussicht auf das so genannte Humboldt-Forum, dem BRD-Neubauschlossplan, weichen musste.
Die beiden so entstandenen Plätze – das heutige Rathausforum am Fuße des Fernsehturms sowie das Marx-Engels-Forum, eine Gartenanlage mit dem Denkmal von Marx und Engels angrenzend an die Spree – sollten aus unserer Sicht auch als einheitlicher Frei- und Grünraum erhalten beziehungsweise weiterentwickelt werden.
Nach der Wende demolierte das vom damaligen Senatsbaudirektor Hans Stimmann initiierte "Planwerk Innenstadt" die Ränder der S-Bahn zugewandten Platzanlage – und schaffte dort Baurecht. Nach dem Einkaufs- und Freizeitzentrum Alexa von Ortner + Ortner Architekten am Alexander Platz (zu Recht 2007 mit dem PLATTFORMPREIS für die fragwürdigste Architektur ausgezeichnet), wird dort demnächst an der Ecke Rathaus-/ Gontardstraße, direkt zwischen Bahnhof Alexanderplatz und dem Fernsehturm, das Geschäftshaus Alea 101 nach Plänen des Berliner Büros Sauerbruch Hutton Architekten eröffnen.
Manfred Kühne, der Leiter der Abteilung Städtebau und Projekte in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, erklärte, warum der Raum unter dem Fernsehturm ihn persönlich in seiner Verwahrlosung irritiert: "Formal ist der Senat nicht zuständig, sondern der Bezirk Mitte, und der hat kein Geld". Dass der Senat Orte von "gesamtstädtischer Bedeutung" planungshoheitlich an sich ziehen könnte, verhallte beinahe im Hörsaal der TU.
Die Berliner sind es gewöhnt, dass die Verantwortung zwischen Senatsverwaltung und Bezirk hin und her geschoben wird. Eine Entschuldigung für die mangelnde Wertschätzung dieses wichtigen Zeitdenkmals, das nach dem Zweiten Weltkrieg als bauliche Utopie des Sozialismus begann und heute im Niemandsland der politischen Zuständigkeiten angekommen ist, kann dies aber nicht sein.