Der Kaiser ist nackt

Autor:
Wolfgang Kil
Veröffentlicht am
Apr. 24, 2013

Berlin, Alexanderplatz, am 22. April 2013 (Bilder: Wolfgang Kil) 
Modell des Kollhoffschen Entwurfes (Bild: Senat der Stadt Berlin, Planwerk Innenstadt) 
Keine Turmhäuser mehr am Alexanderplatz! Mit einem präzise platzierten Interview (Berliner Zeitung, 11. 4. 2013) hat die Berliner Senatsbaudirektorin einen Befreiungsschlag gewagt, und prompt werden an lange vergessenen Fronten die alten Fahnen geschwenkt. Dankwart Guratzsch trommelt in der Welt (15. 4. 2013) gegen "die Wüsten, Brachen und Schneisen, die der Arbeiter- und Bauernstaat im Zentrum Berlins hinterlassen hat". Nikolaus Bernau macht sich in der Berliner Zeitung (12. 4. 2013) für die "radikale gestalterische Einheitlichkeit" der Hochhauskulisse stark, die erinnert ihn "an die Gesamtkunstwerks-Idee der Wagner-Zeit" und "steht für eine gesellschaftliche Utopie". Hans Kollhoff ist entsetzt über die architektonische Dürftigkeit des bisher einzigen Neubaus und will sich an weiterer Planung gar nicht mehr beteiligen – siehe hier. Sind denn die letzten zwanzig Jahre vollkommen spurlos an unseren urbanistischen Diskursen vorübergegangen?
Zur Erinnerung: In Erwartung gigantischer Wachstumszahlen hatte der Berliner Senat 1993  einen Ideenwettbewerb zum Alexanderplatz ausgeschrieben, der von Hans Kollhoff und Helga Timmermann gewonnen  wurde. Ihr Entwurf zeigte zehn Türme von jeweils 150 Metern Höhe, die amerikanische Art-Deco-Wolkenkratzer nachahmten. Zwanzig Jahre später allerdings ist nichts von alldem zu sehen. Boomtown war anderswo. Zwar gab es Käufer für die Grundstücke, doch die begnügten sich mit der Renovierung der Bestandsbauten, was ja auch Geld kostet, das nun erst wieder verdient werden muss. An Büroflächen herrscht in Berlin Überangebot. Immerhin schlagen das umgebaute Kaufhaus aus DDR-Zeiten sowie die ästhetisch fragwürdige Shoppingmall "Alexa" bundesweit alle Umsatzrekorde. Zum U- und S-Bahnkreuz gesellt sich die größte Ballung an Tramlinien Berlins. Auf dem Platz herrscht babylonisches Sprachengewirr. Sobald Weihnachts- und andere Saisonmärkte noch dazwischen drängen, wird es im bunten Gewusel schon zu eng. Wer wartet da eigentlich auf Hochhäuser?
Einzig dem US-Investor Hines gehört ein freies Grundstück mitten auf dem Platz, er hat darauf einen banalen Elektronikmarkt gepflanzt. Nun will die Immobilienfirma ihren Turm doch in Angriff nehmen und verspricht – Wohnungen! Schon wieder so ein Griff in die Trickkiste: Wer glaubt denn an eine Entspannung des Wohnungsmarktes durch Skyscraper-Appartements in Spitzenlagen? Nicht mal Niklas Maak, der in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (14. 4. 2013, leider nicht online) dafür einen Deal vorschlug: Mit dem irren Geld, welches die Stadt für ihre Alex-Grundstücke erhält, soll sie dann sozialen Wohnbau sponsern. Bloß Pech, dass die Areale längst verscherbelt sind. Da ist für die Stadt nix mehr zu erwarten.
Immerhin hatte sie Ablauffristen in die Verträge geschrieben: Wer nach sieben Jahren nicht angefangen hat, verliert bei B-Planänderung allen Anspruch auf Entschädigung. Seltsam, dass ausgerechnet bei dieser befreienden Mitteilung der Senatsbaudirektorin niemand nachhakt. Wie oft ist uns "drohende Entschädigung" schon bei anderen missratenden Bauverträgen vorgehalten worden! Auch um die zweite Kernaussage ihres Interviews blieb es merkwürdig still. In der kritisiert sie am Kollhoff-Plan, "dass viele neue Gebäude dort errichtet werden sollen, wo bereits Häuser stehen – und die werden stehen bleiben." Soviel zu Berlins Stadtplanung, und wie sie seit über zwanzig Jahren sich auf des Kaisers neue Kleider freut.
Schließlich vermisste Nikolaus Bernau noch jede Alternative zur Kollhoff-Utopie: "Nichts weist auf eine neue Idee von Stadt hin, schon gar nicht darauf, dass hier nun mehr gestalterische Freiheit gewährt werden soll … gar ein neuer Wettbewerb stattfinden soll." Solches Lamento verkennt den vollkommen anderen Ansatz der Senatsbaudirektorin, die sich Stadt eben nicht anhand verlockend ausgemalter Bilder herbeiwünscht, sondern auf Beobachtung und Begleitung realer Akteure und Kräfteverhältnisse setzt. Da können überraschende Trends zum Vorschein kommen: So entsteht etwa im Schatten von Kollhoffs Turmvisionen nördlich des Platzes gerade ein ganzes Herbergsviertel. Nach sieben Hotels und Hostels niederer Preisklassen ist noch kein Ende abzusehen, und mit der Ansiedlung von Spielcasinos sowie eines "Original Münchner Hofbräuhauses" zeichnet sich dort ein Kundenprofil ab, das unsere Weltstadt-Vorträumer wohl eher nicht so gern vor Augen haben.
Im Gegensatz zu Hans Stimmann begreift Regula Lüscher Planung nicht als das Durchboxen einer vorgefassten Idee, sondern als vielschichtigen, konfliktreichen und deshalb zivilisierungsbedürftigen Prozess. Mit dem öffentlichen Eingeständnis, dass die Blütenträume von 1993 nicht reiften, hat sie die Chance ergriffen, endlich auch ganz andere, zeitgemäßere Ideen von Stadt denken zu lassen. Wenn sie es schafft, den Alexanderplatz, diese wahrscheinlich vitalste Adresse Berlins, für die krassen Umbrüche und unabsehbaren Stadterwartungen des 21. Jahrhunderts planerisch wieder zu öffnen, dann ist sie endgültig aus dem langen Schatten ihres Vorgängers herausgetreten.

Außerdem zum Thema:
Robert Kaltenbrunner: Der Alexanderplatz als Kunstwerk? In: Berliner Zeitung, 17. 4. 2013