Zeitzeugen gegen Abrissvandalen

Autor:
Wolfgang Kil
Veröffentlicht am
Feb. 23, 2011

Nach zwanzig Jahren scheint der Knoten endlich geplatzt, der Blick auf das architektonische Schaffen in den vormals realsozialistischen Ländern wird sachlicher. Das war Ende Januar auf der Konferenz Denkmal Ost-Moderne zu erleben, zu der sich über zweihundert, vornehmlich jüngere Bauhistoriker an der Weimarer Bauhaus-Universität versammelten, um das inzwischen solide Niveau ihres Forschungsbereichs zu präsentieren. Endlich ging es nicht mehr nur um zäh umkämpfte Relikte der DDR-Baukultur, sondern auch um einen souveränen Abgleich mit den Erfahrungen von Denkmalschützern in Polen, Ungarn und der Slowakei. Gewachsene Aufmerksamkeit gegenüber den nun denkmalrelevant werdenden Bauten der 1960er- bis 1980er-Jahre beweist auch eine wachsende Zahl von Publikationen, die jenseits der altbackenen Vorurteile vom grauen und eintönigen Osten aufrichtige bauhistorische Neugier zeigen.
Da wäre zum einen Architektur Polen/ Architektura Polska zu empfehlen, das Katalogbuch einer kleinen, aber sehr präzisen Wanderausstellung. Nach kurzer Einführung in die schwierige Historie der mehrfach geografisch hin und her geschobenen Nation wird deren Baugeschichte seit der letzten Staatsgründung, also ab 1918 dargestellt. Spannend im Kapitel "Zwischenkriegszeit" das ausführliche Porträt von Gdynia, jener in Konkurrenz zu Danzig errichteten Musterstadt der Moderne mit bewundernswert urbanen Bauten in kompromissloser Sachlichkeit. Fast noch überraschender dann die Nachkriegsmoderne, die in Polen, dank enger Bindungen an amerikanische und englische Entwicklungen, zu weit spektakuläreren Lösungen führte als in der vergleichsweise "schüchternen" DDR (die zum Beispiel keine brutalistischen Tendenzen kannte). Leider sind heute auch in Polen die Abrissvandalen am Zuge. Den Bahnhof von Kattowice etwa, das wuchtige Betonkunstwerk von 1969-73, gibt es schon nicht mehr.
Völlig unspektakulär ist ein schlankes Buch aus dem Berliner form+zweck Verlag, in dem ein Architekt in knappen Sätzen und ohne dramatische Ausmalung sein Arbeitsleben erzählt. Peter Flierl hatte in der DDR unterschiedliche Aufgaben auf dem Reißbrett – von der kleinen Friedhofskapelle bis zum Masterplan für das Kernkraftwerk Greifswald-Lubmin. Sein Entwurf für den Berliner Fernsehturm war noch nie gedruckt zu sehen, und dass eine der bestechenden Industrieanlagen Ostberlins – das Heizkraftwerk Lichtenberg – von ihm stammt, wissen nur wenige. Später wählte Flierl die Nische, baute am Deutschen Theater herum und betreute als Architekt die Denkmalsanlage Marx-Engels-Forum. Verschwiegen wird nichts. Leider fragt auch keiner nach, und damit wird eine Riesenchance verschenkt. Industriebau kommt so selten in der Baugeschichte vor, dabei entscheidet sich doch, noch dazu in Aufbaugesellschaften, auf diesem Feld das Schicksal jeglichen Bauens. Ach, hätte der Verlag, statt auf möglichst authentische Zeitzeugenrede, doch lieber einen fachlich versierten Herausgeber an das reiche Text- und Bildmaterial gesetzt!
Schließlich ein Büchlein, wie es wohl wirklich nur Künstler zustande bringen, in diesem Fall Calin Dan, ein Rumänischer Medienartist, der sich mit Hilfe holländischer und estnischer Stiftungen geradezu obsessiv mit einem einzigen Gebäude auseinandersetzt – mit Linnahall, der Stadthalle von Tallinn. Ein seltsames, ein umstrittenes Bauwerk. Anlässlich der Segel-Olympiade 1980 auf einem unzugänglichen Industrieareal entstanden, nahm der überwiegend unterirdische Hallenkomplex die Idee von Dominique Perraults Berliner Velodrom und Schwimmstadion vorweg: Sein flaches Dach wurde der Stadt als Promenadendeck geschenkt. Hier gewann sie endlich freien Zugang zum Meer. Autor von Linnahall war einer der namhaften Architekten der Estnischen Sowjetrepublik, ein Este, den viele seiner Kollegen dafür der Kollaboration bezichtigen. Nach der Unabhängigkeit wurde auch dieses Zeugnis sowjetischer Zeit demonstrativem Verfall überlassen, allerdings haben private Betreiber die Veranstaltungsmaschinerie im Innern so recht und schlecht am Laufen gehalten. Nun beginnen allmählich Architekten, Historiker, auch einfache Bürger für und wider den Erhalt des Baus zu streiten. Dieser Debatte geht Calin Dan mit Interviews und historischen Abhandlungen nach. Er protokolliert ideologische Aversionen und persönliche Animositäten. Lapidare Fotos zeigen die immer noch faszinierenden 1980er-Jahre-Interieurs sowie die bedrückenden Zustände äußeren Verfalls. Indem Verteidiger wie Gegner des womöglich "wichtigsten Baus der estnischen Nachkriegsgeschichte" zu Wort kommen, entsteht ein dichtes, detailreiches Bild der Verquickung von Architektur und Politik. Es geht um Integrität und Moral, aber auch um Stil, Kontext und Sprachmächtigkeit von Architektur. Der mehrfachen Vergleiche mit Ceaucescus monströsem Volkspalast in Bukarest hätte es gar nicht bedurft. Dem Sog dieser kleinen, aber hoch brisanten Monografie kann man sich schwer entziehen. Wolfgang Kil

Adolph Stiller (Hg.): Architektur Polen/ Architektura Polska. Verlag Anton Pustet Wien o.J., dt. und poln. ISBN 3-7025-0600-1

Peter Flierl. Architekt. form+zweck Verlag Berlin 2010, ISBN 978-3-935053-30-3

Calin Dan: Emotional Architecture 2. Hand Milked Visions Netherlands/Romania, o.J., engl.

Wolfgang Kils Rezension des Buches Frédéric Chaubin: CCCP – Cosmic Communist Constructions Photographed lesen Sie hier.