MY City – ein Symposium zum Selbermachen

Dass man selbst denken sollte, ist nicht neu, aber muss dennoch regelmäßig angemahnt werden. Selbermachen aber wird in jüngster Zeit oft gesellschaftskritisch konnotiert. Ist die Bewegung des Selbermachens eine Mode, wird sie überschätzt, wo sind ihre Potenziale und ihre Grenzen? Ein Symposium in Essen ging diesen Fragen nach.
Die temporäre Architektur der ehemaligen Opernbauhütte an der Mülheimer U-Bahn-Station Eichbaum (raumlabor berlin) dient seit mehreren Jahren unterschiedlichen Kunst- und Partizipationsprojekten als Werkraum (Bild: Urbane Künste Ruhr) 
Wer in diesen Wochen im Ruhrgebiet unterwegs ist, mag sich verwundert fragen, ob die Kulturschaffenden der Region das Ende ihres Europäischen Kulturhauptstadtjahres in 2010 verpasst haben. Von Katerstimmung ist wenig zu spüren; es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendwo ein Festival startet, eine Ausstellung eröffnet, ein Künstlerworkshop beginnt oder eine städtische Leerstelle mit temporären Aktionen bearbeitet wird. Maßgeblich beteiligt daran ist Urbane Künste Ruhr, eine bei der Kultur Ruhr GmbH angesiedelte Institution, die bereits im zweiten Jahr ihres Bestehens eine beeindruckende Vielzahl an Projekten und Ereignissen an der Schnittstelle von Kunst und Stadtentwicklung initiiert oder unterstützt. So ist es auch keine Überraschung, dass zur gleichen Zeit wie das diesjährige Symposium von Urbane Künste Ruhr MY CITY – Stadt selber machen auf Zollverein in Essen zwei weitere wichtige Festivals – Momentanindustrie in Mülheim an der Ruhr und New Industries in Dortmund – eröffnet wurden, an denen Urbane Künste Ruhr ebenfalls beteiligt ist. Anders als beim letztjährigen Symposium in Bochum stand dieses Mal nicht das Programm von Urbane Künste Ruhr im Vordergrund, sondern der Erfahrungsaustausch über ein derzeit prominentes Themenfeld im urbanistischen Diskurs: Wie mache ich aus meiner Stadt MEINE Stadt? Wie geht "Stadt selbst machen"? Sind "selbst gemachte" Stadträume besser als Stadträume, die unter der Regie von Stadtverwaltungen entstehen? Welche Rolle können dabei Künstler einnehmen? Und wie verhält sich der emanzipatorische Anspruch des Selbermachens zu den Zumutungen einer Stadtpolitik, die immer dann das Selbermachen entdeckt, wenn gerade Krise ist?

MY City – MY Symposium
Keine Leistungsschau, sondern einen Lernprozess wünschte sich daher Katja Aßmann, die künstlerische Leiterin von Urbane Künste Ruhr zum Auftakt des Symposiums. Das Programm war von Immanuel Schipper von der Zürcher Hochschule der Künste entsprechend konzipiert worden, mit zahlreichen Tischgesprächen und Workshops in den unterschiedlichen Studioräumen des Choreografischen Zentrums PACT Zollverein, so dass tatsächlich sehr viel Raum für einen intensiven Gedankenaustausch entstand. Die Teilnehmer waren aufgefordert, sich aus den parallel stattfindenden Panels ihr Tagesprogramm selbst zusammenzustellen, mit der unausweichlichen Konsequenz, dass sie auf diese Weise ihr Symposium zwar "selbst gemacht" hatten, andererseits auch viel verpassten – ein schönes, Konzept gewordenes Dilemma, das zudem die räumliche Wirklichkeit des Ruhrgebiets widerspiegelt.
Ort und Inhalt des Symposiums passten zusammen:Das Ruhrgebiet bietet viel Platz für das Selbermachen von Stadt. (Bild: Urbane Künste Ruhr, Michael Kneffel) 
Große Transformation
Am Vorabend des Symposiums forderte Harald Welzers einmal mehr die Transformation von der expansiven zur reduktiven Moderne ein und warb angesichts der Dysfunktionalität des politischen Betriebs nicht nur für das selbst Denken (so der Titel seines aktuellen Buchs), sondern auch für das selbst Machen. Viele der von ihm angeführten Prinzipien einer reduktiven Moderne sind zwar in der Architekturdebatte bereits eingeführt, in der Architekturpraxis jedoch weit weniger relevant. Auch Welzer benennt mittlerweile die Stadt als jene Handlungsebene, die weit besser als Nationalstaaten und ihre Regierungen oder internationale Institutionen in der Lage seien, notwendige gesellschaftliche, ökonomische und ökologische Veränderungen zu forcieren. Das Beispiel der kleinen Stadt Andernach, die ihre öffentlichen Grünanlagen mit Lebensmitteln statt Ziergehölzen gestaltet, ist für Welzer ein beeindruckendes Beispiel, wie Systeminnovation nicht nur im zivilgesellschaftlichen Selbermachen entstehen kann, sondern dass auch Stadtverwaltungen in der Lage sind, kluge und ansteckende Transformationsprojekte zu entwickeln. Auch verwies Welzer auf die größer werdende Transition-Town-Bewegung oder neuere demokratietheoretische Überlegungen, wie sie zum Beispiel in Benjamin Barbers neustem Buch "If Mayors Ruled the World" nachzulesen sind. Barber vertritt dort die These, der Zwang zum Pragmatismus, der auf der Ebene des Städtischen notwendig und unausweichlich sei, damit eine Stadt überhaupt funktioniere, sei der von ideologischen Konstrukten dominierten und entsprechend schwerfälligen Politik nationaler Regierungen weit überlegen. Dabei übersehen Barber und Welzer, dass Städte genauso oft von widerstreitenden Interessen und tief sitzenden Konflikten durchzogen sind, dass Städte nicht weniger paralysiert sein können als Staaten und dass Städte Erneuerung, Transformation und Teilhabe nicht selten auch nur simulieren. Gerade die zahlreichen Debatten um "Recht auf Stadt" oder "Stadt selber machen" sind häufig unmittelbare Reaktionen auf Fehlentwicklungen in den Städten und die Konjunktur des Selbermachens ist in diesen Sinne ein untrügliches Indiz für urbane Krisen. Welzers Hoffnung, die Städte und Stadtgesellschaften mögen die Träger der notwendigen Veränderungen sein, muss dennoch nicht falsch sein, denn schließlich haben die meisten Städte aufgrund ihres höheren Alters viel mehr Erfahrung mit tief greifenden Umbrüchen als Nationalstaaten.
Elke Krasny (Wien) sprach über die Ambivalenzen des Selbermachens (Bild: Urbane Künste Ruhr, Michael Kneffel) 
Austerity Urbanism
Wie wichtig dieser Zusammenhang von Selbermachen und Krise ist, unterstrich auch Elke Krasny in ihrem Abschlussvortrag mit dem schön sperrigen Titel "Auf der Suche nach einem neuen Politikverständnis zwischen Stadt-Selber-Machen und Austerity Urbanism". Austerity Urbanism bezeichnet dabei eine Stadtpolitik, die unter Hinweis auf Spar- und Konsolidierungszwänge die Krisenfolgen einer verfehlten Stadtentwicklung auf jene abwälzt, die sich dagegen nur schwer zur Wehr setzen können. Am Beispiel des urbanen Gärtnerns wird die Ambivalenz des Selbermachens besonders deutlich: Urbanes Gärtnern ist einerseits ein Anzeichen von Armut, Not, Krise, andererseits als individueller Selbstentwurf ein Symbol für die Emanzipation von gesellschaftlichem Zwang. Letztlich ist es eine Frage der Freiwilligkeit: Ist das Selbermachen eine erzwungene oder eine selbst gewählte Praxis? Zudem wies Krasny darauf hin, dass Selbermachen nicht notwendigerweise progressiv oder innovativ ist: Siedlerbewegungen, Genossenschaften oder selbst organisierte Gemeinschaften waren bereits in der Vergangenheit oft genug strukturkonservativ, mündeten in erstarrte Verhältnisse oder wandten sich ganz von der Stadt ab, wenn ihre von Idealen bestimmten Lebensentwürfe allzu sehr mit der Komplexität des großstädtischen Lebens kollidierten. Dennoch plädiert Krasny dafür, sich den ambivalenten Individualitätsfetischismus des Selbermachens für ein neues Politikverständnis zunutze zu machen: bereits die Art und Weise, wie sich das Selbermachen organisiert, wie es mit der Heterogenität von Menschen und Motiven umgeht, ist politisch und führt zu anderen Organisationsformen des Städtischen. Denn Selbermachen – und vor allem "Stadt selber machen" – ist in hohem Maße ansteckend.
Lernen von Anderen – ein Anliegen des Symposiums "MY City" – viel Platz für das Selbermachen von Stadt. (Bild: Urbane Künste Ruhr, Michael Kneffel) 
Logik der Ansteckung
Dieses Ansteckungspotenzial zu aktivieren, war ein wichtiges Anliegen des Symposiums, gerade im Ruhrgebiet, das angesichts des großen Vorrats an leeren Gebäuden oder unbestimmten Räumen besonders viel Platz für das Selbermachen von Stadt besitzen müsste. In den verschiedenen Tischgesprächen wurden die dort präsentierten Ansätze und Strategien folgerichtig nicht nur debattiert, sondern vor dem Hintergrund des eigenen Handelns auf ihre Übertragbarkeit überprüft: Was kann man von Tempelhof im Hinblick auf eine andere Prozesskultur des Planens lernen? Wie kann der Einzelne die Idee des Raumunternehmers in die eigene Stadt tragen? Wie schafft man es, dass der Protest gegen eine städtische Abrissplanung sich nicht im Dagegen-Sein erschöpft? Wie verbindet man das Paradigma des Teilens mit dem Wunsch, die Stadt nach den eigenen Vorstellungen zu verändern, kurz gesagt, wie kommen Gemeinsinn und Eigenwohl im eigenen Projekt zur Deckung?
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Symposiums waren dabei selbstkritisch genug, um zu fragen, ob "MY City" nicht lediglich eine andere Variante der Individualisierung und Privatisierung städtischer Angelegenheiten zu werden droht, oder ob die Kraft des Selbermachens von Stadt nicht hoffnungslos überschätzt wird. Eine lebenswerte Stadt ist eben keine "iCity" (Tim Rieniets), sondern ein komplexes und kompliziertes Gemeinwesen, letztlich ein Gesellschaftsentwurf. Gerade weil das Recht auf Stadt so ungleich, so ungerecht verteilt ist, und in Krisen meist diejenigen ins Selbermachen investieren sollen, die ansonsten gar nicht viel zu investieren haben, war es vielen Teilnehmern wichtig, dass "MY City" nicht in einem egourbanistischen Habitus stecken bleibt, sondern das Selbermachen einen wichtigen Beitrag zu einer gerechteren Stadt leistet. Dirk E. Haas

Der Autor ist Stadtplaner, Stadtforscher und Mitinhaber des Büros REFLEX architects_urbanists. Er lebt und arbeitet in Essen.
Autor:
Dirk E. Haas
Veröffentlicht am
Sept. 25, 2013