Vom Tanzlokal zum Großraumbüro

In einigen Tagen feiert die Republik 20 Jahre Wiedervereinigung – und im folgenden geht es um ein hoffnungsfroh stimmendes Ereignis in Eisenhüttenstadt: Es hat seinen "Aktivist" wieder. Die Großgaststätte von 1953 hat für die Stahlarbeiterstadt an der Oder, die nach dem Krieg gegründet wurde, etwa dieselbe Bedeutung wie das Hofbräuhaus für München, der Saalbau für Essen oder der Gürzenich für Köln. Ein Bericht über eine bemerkenswerte Ausdauer und lokalpatriotisches Engagement und ein erfreulicher Beitrag in der Diskussion um die Nachkriegsarchitektur.
Der gerettete "Aktivist" wurde der Öffentlichkeit am 8. September 2010 präsentiert. (Bild: GWG Pressebild)
Nach neunzehn Jahren endlich eine gute Nachricht aus dem Metier der Denkmalpflege, des bürgerlichen Engagements, der Ausdauer. Mit zwei repräsentativen Sälen, einer Bar sowie separat zu betreibendem Bierlokal war der 1953 in nur neun Monaten errichtete Bau mit dem Namen "Aktivist" weit mehr als ein gastronomischer Großversorger. Der "Akki" war eine Art Gesellschaftshaus, das sich mit seinen bald zur Tradition gewordenen, geselligen Veranstaltungen solide in die Lebensläufe der Eisenhüttenstädter einschrieb. 1991 wurde der Laden geschlossen, wie so vieles in jenen Wendejahren, und weil sich nicht mal Fliesenmärkte oder Lamadecken-Händler dafür interessierten, avancierte das eingetragene Baudenkmal – reich an Legenden, aber ohne Betreiber – zum Wunschobjekt und Albtraum aller lokalen Akteure. Rettungsgesellschaften wurden gegründet und wieder aufgelöst, weil der Erfolg ausblieb. Gelegentlich schafften es Künstler, mit Ausstellungen und Sommercamps dem Gemäuer kurze Lebenskräfte einzuhauchen. Von Wänden und Decken blätterte inzwischen trotzdem die Farbe ab.
Im Jahr 2007 handelte die Besitzerin, die örtliche Wohnbaugenossenschaft EWG: Die Mitglieder wurden vom Vorstand überzeugt, fünf Millionen Euro zu aktivieren und das Gebäude umzubauen. Das Ergebnis, ein neuer Geschäftssitz mit angeschlossenem Bierlokal, überzeugt in vieler Hinsicht.
50er-Jahre Charme: Salon im Obergeschoss des "Aktivist". (Bild: GWG Pressebild)
Wider Erwarten hatte hinter den eher unscheinbaren Glattputzwänden ein delikater Innenausbau überlebt, dem Restauratoren sonst nur in Gutshäusern oder altbürgerlichen Ratskellern begegnen. Decken, Wände und Pfeiler in Schweizer Birnbaum und kanadischem Ahorn verkleidet, blanke Messingkronleuchter im Stil der Swinging Fifties und farbkräftige Raumausmalungen wollen so gar nicht ins Bild von der ärmlichen Nachkriegszeit passen. Und zudem verwandten die Architekten des ortsansässigen Ingenieurbüros viel Mühe darauf, den einstigen Raumluxus auch im neuen Nutzungsschema nachleben zu lassen. Glaswände, die kaum merklich die vormaligen Säle in Büros unterteilen, sind berührungslos zwischen die quadratischen Pfeiler gestellt, jederzeit demontierbar. Man kann schließlich nie wissen…
Abriss der Dresdener Großgaststätte "Fresswürfel", 2007. (Bild: Wolfgang Kil)
Das Eisenhüttenstädter Projekt dient aus verschiedenen Gründen als besonderes Beispiel nach zwei Jahrzehnten wiedervereinten Deutschlands. Zum einen gehört der Eisenhüttenstädter "Aktivist" zu einer Denkmalkategorie, die uns in Zukunft noch sehr viel öfter beschäftigen wird. Zwei Jahrzehnte lang lähmte das Argument, der Bau sei "nicht nutzbar", weil eine Typologie sich überlebt habe. Eine solche Bewertung von Bestandsbauten ist nicht neu, aber sie betrifft uns seit der Jahrtausendwende wieder einmal besonders rasant. Denn während die digitale Revolution dem klassischen Industriezeitalter ein Ende bereitet und die Globalisierung den Menschen neben neuen Produktionsweisen auch neue Umgangsformen und Raumbedürfnisse aufzwingt, wachsen uns die Aufräumarbeiten an den Hinterlassenschaften einer vergangenen Epoche über den Kopf. Unser in "besseren Zeiten" anspruchsvoll gewordenes Geschichtsbewusstsein, das sich auch in unseren Denkmalinventaren spiegelt, wird von einer regelrechten Flut bewahrenswerter Artefakte überschwemmt. Ganze Gebäudekategorien – Fabriken, Bahnhöfe, Kasernen, Werksiedlungen, auch Warenhäuser oder Kinos – stehen landesweit und komplett zur Ausmusterung an. Alles wirkt irgendwie historisch bedeutsam, und alles ist Hals über Kopf vom Verschwinden bedroht.
Im August 2010 wurde mit der Demontage der Stahlhochhäuser am Hauptbahnhof in Halle begonnen. (Bild: Wolfgang Kil)
Der Epochenwechsel beschert dem Denkmalsgedanken also eine heftige Konjunktur; aber eben daran erweisen seine Institutionen und Regularien sich auch schnell als überfordert. Die schiere Masse dessen, was neu in Bereich der Denkmalpflege kommt, erzwingt eine Inventur und Neujustierung der Schutzkriterien. Die gerade aufflammenden Diskussionen über geplante Novellen von Landesdenkmalgesetzen rühren daher, und sie dürfen niemanden verwundern. Wer in diese Debatten sinnvoll eingreifen will, der qualifiziere das herrschende Urteilsvermögen! Der sorge wie in Eisenhüttenstadt für gute Beispiele, an denen sich die Denkmalwürdigkeit auch umstrittener Epochen (z.B. des Traditionalismus der Stalinzeit) genauso diskutieren lässt wie die Denkmalverträglichkeit grundsätzlich veränderter Nutzungen. Vom Tanzlokal zum Großraumbüro: Im Fall des "Aktivist" waren die Unteren Denkmalbehörden kompromissbereit und haben so einem denkmalpflegerischen Optimum den Weg geebnet, das weit über landläufigen Standards liegt.
Der Ruderclub in Dresden-Wachwitz, eine restaurierte Schalenkonstruktion von Ulrich Müther. (Bild: Wolfgang Kil)
Zum andern gehört der erfolgreich restaurierte "Aktivist" aber auch in eine Reihe von Erfolgsmeldungen, auf die man in den Neuen Ländern allzu lange hatte warten müssen. Wie etwa der Streit um das Leipziger Brühlkaufhaus oder besonders der aktuelle "Rückbau" der beiden Stahlhochhäuser gegenüber dem Hallenser Bahnhof zeigt, ist die lange Verlustliste an Inkunabeln der DDR-Baugeschichte noch immer nicht geschlossen. Das ist umso bitterer, als man sich nach den Zerstörungen des Berliner "Ahornblatts", des "Fresswürfels" in Dresden oder der "Stadtpromenade" in Cottbus jedes Mal hätte trösten wollen, dass aus solchen offenkundigen Skandalen wenigstens gelernt worden wäre.
Doch seit der Wiedereröffnung des "Teepotts" in Warnemünde, der exzellenten Restaurierung des eleganten Ruderclubs am Dresdner Elbufer und schließlich der spektakulären Umnutzung des "Café Moskau" in Berlin scheint sich das Blatt zu wenden.
Das restaurierte und umgebaute Café Moskau in Berlin. (Bild: Wolfgang Kil)
Die Rettung solcher Bauwerke, an denen die Menschen mit Herz und Verstand hängen, hat gerade in Regionen, die von den Transformationen des Systemwandels schwer erschüttert wurden, nicht nur eine kulturhistorische, sondern vor allem eine identifikatorische Bedeutung. Die Begeisterung der Eisenhüttenstädter dafür, dass sie eine symbolträchtige Adresse zurückbekommen haben, macht einmal mehr deutlich: Nach all den harten Jahren der Hiobsbotschaften und deprimierenden Erlebnisse sind solche guten Nachrichten für die hier lebenden Menschen geradezu ein (Über-) Lebenselixier. Wolfgang Kil
Autor:
Wolfgang Kil
Veröffentlicht am
Sept. 29, 2010