Idealismus und Ideologie

Unter dem etwas nebulösen Titel "Between Walls and Windows" wird im Haus der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin derzeit nach den Zusammenhängen von Architektur und Ideologie gesucht. Als Ausstellungsort bietet die ehemalige Kongresshalle im Tiergarten, direkt neben dem Kanzleramt, dem Thema einen geradezu idealen Rahmen, in dessen Raumüberfluss sich die Kunstbeiträge beinahe verlieren.
Vor der Kongresshalle installierte Amateur Architecture Studio (Wang Shu, Lu Wenyu) das "Tile Theatre" (Ziegeltheater), hier noch beim Aufbau im August 2012 (Judith Affolter, HKW Berlin)
Kalter Krieg   Nicht viele Bauwerke lassen sich so unmittelbar als steingewordene Ideologie deuten wie die ehemalige Kongresshalle. Berlin, die Metropole des Kalten Krieges, war ein Hauptschauplatz westöstlicher Rivalitäten, nicht zuletzt auf den Feldern von Städtebau und Architektur: Hansaviertel antwortete auf Stalinallee, Leipziger Straße auf Springer-Hochhaus, das ICC trat an gegen den Palast der Republik. Mit Ziegelstein und Sichtbeton im Kulturkampf der Systeme.
Das sicher prägnanteste Zeugnis dieser kontroversen Zeit ist die Kongresshalle: Einen "Symbolbau der Freundschaft zu Amerika" hatte Hugh Stubbins den Berlinern schenken sollen, einen "Ort der freien Rede", der wie ein "Leuchtturm in Richtung Osten strahlen" würde. Der Architekt war dem Freiheitspathos so bedingungslos ergeben, dass er es mit den Sachzwängen der Statik nicht so genau nahm und die Ingenieure zu zweifelhaften Kompromissen trieb. Sein kühn aufschwingendes Dach war in Wirklichkeit gar keine Schale, sondern ein mit massiven Säulen und verborgenen Ringträgern umständlich zusammengebasteltes "Bild der Schwerelosigkeit". Politiker und Publikum waren von solch fulminanter Ausdruckskraft begeistert. Nur von Tragwerksexperten hagelte es Kritik – die suchten Eleganz in ehrlichen Strukturen und nannten das politische Prestigeobjekt schlicht eine konstruktive Absurdität. Auf grausame Weise sollten sie Recht behalten, als im Mai 1980 die "potemkinsche Imponiergeste herunterklappte wie eine Mausefalle" (G. Neumann). Sieben Jahre wurde über Erhalt oder Umbau diskutiert, dann rekonstruierte man die Inkunabel der Petticoat-Moderne zur 750-Jahr-Feier Berlins, und zwar "postkartengetreu".
Nach 55 Nutzungsjahren hat Valerie Smith, die Kuratorin der jetzigen Ausstellung, das Haus von allen zwischenzeitlichen Um- und Einbauten befreit. Leergeräumt geben die dynamisch ineinander fließenden Außen- und Innenräume den idealischen Geist der Architektenidee tatsächlich wieder; auch das Stützensystem der unechten Schale tritt deutlicher hervor. Das größte Exponat genügt so am überzeugendsten dem herausfordernden Untertitel der Ausstellung.
Das Foyer der Kongresshalle (Jens Liebchen/ Pressebild Haus der Kulturen der Welt, Berlin)
Doppeltes Berlin   Den meisten Kunstbeiträgen gelingt das weniger. Konsequenterweise hat die erst kürzlich gegründete "Initiative Weltkulturerbe Doppeltes Berlin", die die baulichen Konfrontationen der geteilten Stadt bewahren möchte, diesen September lang ihr Hauptquartier unter dem scheinheiligen Dach aufgeschlagen, hat einen Gründungskongress abgehalten und zur Materialsammlung in Sachen Kalter Krieg und Architektur aufgerufen. Ein Projekt, das kommende Berliner Debatten sicher noch befeuern wird – aber Kunst? Im Untergeschoss der Halle werden einige rätselhafte Bauskizzen präsentiert, die hinter einer jahrzehntelang verborgenen Wand überdauerten, sich heute allerdings ohne Wissen um den Konflikt zwischen Architekt und Statikern kaum interpretieren lassen. Sehr viel einfacher erschließen sich dagegen Filmbilder von der Sprengung eines Hotelhochhauses in Maputo/Mosambik, die auf das schwierige Kapitel von Kolonialarchitektur als Kulturtransfer mit ökonomischen Hintergedanken verweisen sollen. Der Kanadier Terence Gower stellt in seiner Baghdad Case Study die dortige erste US-Botschaft, einen klassisch modernistischen Repräsentationsbau von 1957, dem jetzigen "Bunker" gegenüber, einem gigantischen Hochsicherheitskomplex von der Größe eines ganzen Stadtviertels am Tigris, die größte und wohl am wenigsten einladende Auslandsvertretung der USA weltweit: ein architektonisches wie politisches Statement von suggestiver Eindeutigkeit. Markus Miessen hat mit dem Kiosk auf der Dachterrasse zwar ein hübsches Architekturmotiv der 1950er Jahre wiederentdeckt, sein "interaktives" Nutzungsangebot bleibt aber allzu beliebig und blass. Schiere Ratlosigkeit – zumindest beim Autor dieser Zeilen – hinterließen die Kunstübungen von Arno Brandlhuber, der nach Politgrößen benannte Orchideen (Kim Il-Sung, Margaret Thatcher, Angela Merkel u.a.) gleich am Eingang postierte, oder Supersudaca mit ihrer parodistischen Performance zum Thema "Rating-Agenturen". Auch das Rednerpult auf der Bühne des großen Saales, dessen Mikrofone jedem offen stehen, wobei die "freie Rede" aber nicht ins Auditorium, sondern "garantiert unzensiert" in die imaginäre Öffentlichkeit des Internets geleitet wird, konnte vielleicht Assoziationen zu "Ideologie" wecken, kaum aber zu "Architektur".
Studio Miessen steuert einen Dachterrassenkiosk bei, im Bild Ausschnitt aus dem Programmheft. (Bild: Studio Miessen/ HKW Berlin)
Wang Shu und Lu Wenyu recyclen Ziegel von der Architekturbiennale 2006 . (Bild: Pressebild/ HKW Berlin)
Zerstörende Freiheitsbilder   Unzweifelhaft architektonisch ist die prominenteste Installation, das "Dachziegel-Theater" (Tile Theatre) des Amateur Architecture Studio aus Hangzhou. Wang Shu und Lu Wenyu, soeben mit dem Pritzkerpreis und zuvor mit dem Schelling Architekturpreis ausgezeichnet, sind derzeit weltweit gefeierte Botschafter einer eigenständigen Baukultur "made in China". Ihre konstruktiven Erfindungen beeindrucken durch die Unbekümmertheit, mit der sie sich auf mitunter archaische Materialien und Bautechniken einlassen. Auch für die jetzige Berliner Ausstellung traten sie lediglich mit Weichholzbohlen und Bambusstangen an, dazu kamen Zehntausende uralter Dachziegel, die beim Abriss traditioneller chinesischer Wohnhäuser geborgen wurden. Die kühn ausladenden Formen, die daraus auf der Terrasse der Kongresshalle entwickelt wurden, waren fantasiesprühend und einladend zugleich. Und doch drängt sich die Frage auf: Warum muss dieser gigantische Haufen bröckliger Tonscherben rings um die Welt verschifft werden, um zuerst in Venedig (zur Biennale 2006) und dann Jahre später noch einmal in Berlin ausgelegt zu werden? Wessen Abrisswahn gilt dieser Protest? Gehören nicht jeder Wegwerfgesellschaft die eigenen Missetaten vor die Füße gekippt?
Im Gespräch mit Matthias Sauerbruch und Luisa Hutton gab Wang Shu dem vermeintlichen Dilemma eine überraschende Wendung, indem er lächelnd zum elegant schwingenden Kongresshallendach wies: "Solche Symbole sind jetzt auch in China sehr gefragt. Unsere Leute sehnen die Freiheit herbei, und Investoren liefern die entsprechenden Architekturbilder massenhaft. Dabei wird alles, was an chinesischer Kulturtradition wichtig und wertvoll ist, zerstört." Also weniger Verschwendungsklage, eher Globalisierungskritik. In Hangzhou hatten sie das Motto der Ausstellung jedenfalls ernst genommen. Wolfgang Kil
Die Ausstellung wird bis 30. September 2012 im Haus der Kulturen der Welt gezeigt.

Katalog englisch/ deutsch: Hrsg. von Valerie Smith, 280 Seiten, ca. 170 Abb., 22,00 x 29,00 cm, Broschur, Hatje Cantz Verlag, 2012, ISBN 978-3-7757-3474-5, Museumsausgabe 32,00 Euro, Buchhandelsausgabe 39,80 Euro (ab Oktober 2012)


Initiative Doppeltes Berlin

Gebaute Ideologie / # 46/2007
Autor:
Wolfgang Kil
Veröffentlicht am
Sept. 12, 2012