Die 72 Stunden von Stuttgart

Drei Tage und drei Nächte hatten die Teilnehmer Zeit, zu entwerfen und zu bauen. Das schmale Budget wurde mit Kreativität und Einsatz kompensiert. Die Anwohner haben rege teilgenommen, die Ergebnisse können sich sehen lassen: Der Stegreif-Wettbewerb 72 Hour Urban Action hat sich gelohnt. Vergleichbares kann man sich auch in anderen Städten vorstellen.
 
Mit Schlagworten wie "Stuttgart im Ausnahmezustand" wurde am Freitag Abend in der ZDF-Kultursendung Aspekte ein Bericht über den Echtzeit-Architekturwettbewerb 72 Hour Urban Action eingeleitet. Auch wenn man nicht befürchten musste, dass sich wieder Proteste wie die gegen Stuttgart 21 hinter solchem Ausnahmezustand verbergen, etwas reißerisch war die Reportage schon: An ihrem Ende musste man den Eindruck haben, als wäre ganz Stuttgart aus dem Häuschen gewesen. Ganz so war es dann doch nicht – die Qualität des Festivals muss an etwas anderen Maßstäben gemessen werden. Was sie keineswegs schmälert.

Zehn Teams, zehn Orte, je 1900 Euro
Im Wettbewerb wurden von zehn Teams zu je etwa zehn Personen (insgesamt 120 aus über 20 Nationen) Lösungen für neuralgische Orte im Stuttgarter Nordbahnhofviertel gefordert. Dieser Teil der Stadt war ein Quartier, das im toten Winkel von Verwaltung und öffentlicher Aufmerksamkeit lag. Durch Bahn und Straßen vom Rest der Stadt isoliert, war es trotz Innenstadtnähe eines der Quartiere, die man in der Planersprache gerne benachteiligt nennt. Vor wenigen Jahren wurde ein ehemaliges Ausbesserungswerk, die Wagenhallen, von Künstlern und Kreativen okkupiert, in ausrangierten Waggons wurden Ateliers eingerichtet. Erst die Planungen zu Stuttgart 21 haben die Aufmerksamkeit auf dieses Gebiet gelenkt, erste Entwürfe hatten wenig Rücksicht auf den Bestand genommen. Das hat sich inzwischen geändert, und das Festival ist ein wichtiges Element, um diese Rücksicht weiter und, da unter großer öffentlicher Resonanz, hoffentlich auch wirkungsvoll einzufordern.
 
Nun also fand dort zum zweiten Mal der 2010 im Rahmen der Biennale of Landscape Urbanism von Bat-Yam ins Leben gerufene Wettbewerb 72 Hour Urban Action, kurz 72 HUA, statt. Fast 1.000 Personen aus aller Welt hatten sich für die Teilnahme beworben, gut hundert wurden eingeladen; mit Unterstützung von Sponsoren, der Stadt, der Kunstakademie, der Universität Stuttgart und gut 50 Studierenden hat der Kunstverein Wagenhallen die Organisation gestemmt – das Engagement bleibt bemerkenswert, war doch viel un- oder unterbezahlt, reisten die Teilnehmer auf eigene Kosten an. Am 11. Juli um 18 Uhr bekamen die Teams die bis dahin geheim gehaltenen Orte zugelost, an denen sie innerhalb von 72 Stunden mit einem Materialbudget von 1900 Euro im Umfeld des Veranstaltungsort eine architektonische Antwort auf eine Entwurfsaufgabe zu finden hatten. Diese Aufgaben waren nicht willkürlich oder von einer kleinen Gruppe bestimmt, sondern 2011 in einem Workshop unter Beteiligung der Anwohner ermittelt worden. So sollten die Teams etwa einen langweiligen Warteort an einer Haltestelle bereichern, einen "geheimem öffentlichen Ort" schaffen oder die Asphaltfläche eines Schulhofs aufwerten.
Die Teilnehmer arbeiteten, aßen und schliefen (wenig) vor Ort, kauften das Material, das sie zur Umsetzung ihrer Idee benötigten, selbst ein. Sie sägten, schweißten, bauten selbst, worauf sie sich in der ersten Nacht geeinigt, was sie mit der Bevölkerung vor Ort diskutiert hatten, was sie sich von einem Prüfstatiker hatten genehmigen lassen. Am 14. Juli um 18 Uhr schließlich war Schluss, die Jury nahm unter die Lupe, was die Teams auf die Beine gestellt hatten. Gewonnen hat die Siegesprämie von 4.000 Dollar das Team "Tüftler", das sich mit einem Raum zwischen zwei Gebäuden beschäftigt hatten, der oft von Besuchern des in den Wagenhallen angesiedelten Tango-Lokal zugeparkt wurde.
Aber auch das Team "Dirty Dozen" mit einer beweglichen Klang-Bank an einer Haltestelle, das sich die Akustik unter der Brücke zu nutze machte, ein überdachte Sitzskulptur auf dem Schulhof der Rosenstein-Schule oder eine Sitzstufenplattform an einem kleinen Platz dürfen als weitere gelungene Interventionen hervorgehoben werden.
 
Aber die Bewertung der Arbeiten allein zielt an Wesentlichem vorbei. Denn wenn auch nicht alle Arbeiten die gleiche Qualität erreichten, so hat jeder Teilnehmer dazu beigetragen, dass vor allem das Viertel und seine Bewohner gewonnen haben. Gewonnen hat auch die Stadt, der ja nicht immer zu unrecht das Image anhaftet, nicht nur in Sachen Planung nicht unbedingt am Puls der Zeit zu liegen (und natürlich diesbezüglich weiterhin Luft nach oben hat). Die zuständigen Personen der Verwaltung haben sich stets kooperativ gezeigt, unterstützten, wo sie konnten. Die Wirkung des Festivals soll über den Tag hinaus reichen: Vertreter der städtischen Ämter und der Organisatoren haben die Arbeiten nochmals begutachtet, und entschieden, dass die Projekte erst einmal bleiben können, dass sie auch so ertüchtigt werden könnten, um dem Viertel länger erhalten zu bleiben.

Mehr als ein Wettbewerb
Es wäre allerdings immer noch zu kurz gesprungen, den Wert der 72 Stunden lediglich an der Aufmerksamkeit für das Quartier zu messen. Denn hier greift ein Verständnis von Stadt, das sie als eine stets in Bewegung befindliches Feld von Kräften versteht, das durch ein Zusammenwirken von sozialen Prozessen und architektonischen Setzungen immer wieder neu entsteht, das immer neu zum Handeln herausfordert und das ohne die Bereitschaft, ein Risiko einzugehen, die Menschen nicht zueinander bringt.
In Stuttgart konnte so das Engagement der als Pioniere im Gentrifizierungsprozess viel gescholtenen Künstler mit den Bedürfnissen der Bewohner des Viertels und dem Wunsch nach Beteiligung in einen produktiven Prozess münden. Gerade die Beteiligung war ja im Zusammenhang mit Stuttgart 21sonst viel zu wenig, zu spät oder zu pflichtschuldig und entsprechend fantasielos durchgeführt worden. Ganz anders die 72 Stunden Action: Die Atmosphäre des berauschenden Miteinanders hat das Potenzial, die Begeisterung von der es getragen wurde, in den Alltag strahlen zu lassen.
 
Mit einer Aktion wie dieser kann ein Prozess eingeleitet werden, der jenseits von Planungshierarchien Potenziale des Ortes aufspürt und die Bereitschaft zum Experiment weckt: Es lässt sich erst auf seine Qualität prüfen, was verwirklicht wurde. Wer solchen Mut hat, nimmt auch das Risiko des Scheiterns in Kauf, ohne das nicht entsteht, was möglich sein kann. Es wird damit der Vorstellung von Stadt als einer zu verwirklichenden Ordnung aus Infrastruktur und Gebäuden eine gegenüber gestellt, in der sich die physische Qualität mit zeitlichen, mit sozialen Prozessen überlagert, mit der Stadt immer neu beschrieben werden kann. Stadt heißt dann auch, Wirkungen auch als Ursachen zu begreifen, Planung als etwas zu verstehen, das, wie es Lucius Burckhardt formulierte, weder einen Anfang noch ein Ende hat. Die Realität der sich permanent wandelnden Stadt lässt sich unter dem ökonomischen Druck in den Zentren von Städten wie Stuttgart, Frankfurt, Hamburg beobachten: In einem gigantischen Umwälzungsprozess wird abgerissen und neu gebaut. Dabei spielen aber Rücksicht auf Geschichte oder soziale Wirkungen eine untergeordnete Rolle – Grund genug zu fragen, ob es keine Alternative zu solch unreflektiertem Furor gibt.

Planung ergänzen, Optionen aufdecken
Das Festival 72 HUA gibt darauf für die Gebiete der innere Peripherie der Städte, die außerhalb des Sichtfelds der Stadtöffentlichkeit liegen, eine Antwort: Es gibt diese Alternative. Auch in anderen Städten, in anderen Quartieren, sowohl Stuttgarts als auch anderer Städte, könnten vergleichbare Low-Budget-Interventionen junger Architekten, junger Künstler Qualitäten sichtbar machen, die die Routine der Planung und der Stadtentwicklungsprozesse zudeckt. Sie müssen ja nicht immer mit diesem Aufwand betrieben werden.
 
Denn Orte wie das Nordbahnhofviertel gibt es viele: Jahrelang wenig berücksichtigt, kommen sie durch veränderte ökonomische Rahmenkonstellationen ins Blickfeld von Politik und Planung. Ein Besuch solcher Orte mit unvoreingenommenen Blick ist meist eine unerwartete Entdeckungsreise. Man stößt dort auf eine, auf die jahrelange stiefmütterlichen Behandlung zurückzuführende, spezifische Mischung von verschiedenen, gealterten Leitbildern mit Strukturen, die als Spuren Geschichte unmittelbarer, rauer und unromatischer spürbar werden lassen, als dies in den herausgeputzten, aufgemöbelten und touristentauglich abgeschliffenen Kernen der Fall ist. Mit solchen rauen Schönheiten zu arbeiten, sie zu erleben, sich an ihnen zu reiben und sie dennoch als Qualitäten zu respektieren, ist eine Herausforderung zu der die Rücksicht auf die, die jahrelang mit diesen Strukturen gelebt haben, gehören muss.
Hier lassen sich soziale Konflikte durch marktgängige, den Vorstellungen einer hegemonialen Mehrheit entsprechenden Standardlösungen höchstens unterdrücken oder verdrängen. Statt dessen gilt es, Spuren zu legen, die Prozesse der Stadt, ihren Gebrauch, die Geschichte des Ortes als Option ihrer Weiterentwicklung lesbar zu machen, und ihr verborgene wie neue Qualitäten zu entlocken. Dabei geht es weniger darum, die erprobten Instrumente der Planung in Frage zu stellen, als vielmehr darum, sie zu ergänzen. Erst wenn es gelingt, komplementäre Ansätze sich wirkungsvoll (wenngleich nicht notwendigerweise reibungslos) aufeinander beziehen zu lassen, wird jeder sein Potenzial entfalten können. Sollte es aber glücken, hier zu zeigen, wie sensible Stadterneuerung zeitgemäß verstanden werden kann, werden die 72 Stunden von Stuttgart daran daran einen wichtigen Anteil gehabt haben. ch
Autor:
ch
Veröffentlicht am
Juli 18, 2012