Das Exempel Eiermann

Noch immer droht den Stuttgarter IBM-Bauten von Egon Eiermann der Abriss. Der Fall zeigt typische Probleme im Umgang mit Werken der Boomjahre, bietet aber auch die Chance für prototypische Lösungen. Im Kampf um Abbruch oder Erhalt des Stuttgarter IBM-Campus ist noch alles offen. Die Vertreter der Eigentümer wollen das denkmalgeschützte Ensemble abreißen, der zuständige Baubürgermeister lehnt dies ab. Damit zeichnet sich ein anstrengender Rechtsstreit ab – unnötigerweise, denn ein Kompromiss drängt sich geradezu auf.
 
Die Vorgeschichte   Ende der Sechzigerjahre entwarf Egon Eiermann für ein Waldgrundstück am Autobahnkreuz Stuttgart die Deutschlandzentrale von IBM. Bauhistoriker zählen sie zu seinen besten Werken. Die gewaltige Baumasse von 40.000 Quadratmetern verteilte er auf vier Büropavillons gleicher Fläche, aber unterschiedlicher Höhe, ergänzt um einen Baukörper für die Kantine. Zusammen bilden sie eine fein austarierte Komposition, die repräsentativ, aber nicht auftrumpfend wirkt. Noch immer springt die Eleganz der Bauten ins Auge: Umlaufende Balkone verleihen ihnen die Eiermann-typische Leichtigkeit, die Bauausführung ist von beeindruckender Präzision, das zugrunde liegende Konstruktionsraster bis ins kleinste Detail durchgeplant. So findet man etwa in den Foyers keine einzige angeschnittene Bodenfliese, weder am Treppenauge, noch am Fußpunkt der freistehenden Stützen, noch an den Wandvorlagen des Aufzugsschachts. Das Denkmalamt hat das Ensemble im Jahr 2000 unter Schutz gestellt. Seit IBM im Herbst 2009 auszog, stehen die Bauten leer und verfallen zusehends, denn der Investor, der sie sanieren und vermarkten wollte, ging pleite. Die Insolvenzverwalter versuchten, die Gebäude zu veräußern, doch vergeblich. Nun behaupten sie, der Denkmalschutz sei ein Verkaufshindernis, und fordern von der Stadt die Abrissgenehmigung, um anschließend das leergeräumte Grundstück verkaufen zu können.
 
Widerstreitende Interessen   Nur weil ein Immobilienunternehmen sich offensichtlich verspekuliert hat, soll jetzt also ein Kulturdenkmal zerstört werden – die Chuzpe, mit der die Eigentümerseite private über öffentliche Interessen stellt, sucht ihresgleichen. Dass die Bauten unter Schutz stehen, hätte dem Investor vor dem Kauf auffallen können, ebenso, dass sie sich in isolierter Lage am Stadtrand befinden und dass die Büropavillons seit Jahren nicht modernisiert worden waren. Mit 83 Millionen Euro, wie es in der Lokalpresse heißt, hat er schlicht einen zu hohen Preis weit über dem tatsächlichen Marktwert gezahlt. Wenn diese Kosten nun wieder eingespielt werden sollen, ist es nur logisch, dass sich kein Käufer findet. Jetzt im Nachhinein zu argumentieren, der Erhalt der Gebäude sei für die Eigentümer (in diesem Fall die Gläubiger) wirtschaftlich unzumutbar, ist schon eine etwas eigenwillige Interpretation der Tatsachen.
     Der Fall zeigt einige Muster, die im Umgang mit denkmalgeschützten Werken der Sechziger- und Siebzigerjahre immer wieder zu beobachten sind. Es beginnt mit einer weitverbreiteten Geringschätzung der Architektur jener Zeit. Weil keine andere Epoche uns so viele Gebäude hinterlassen hat wie die Boomjahre, scheint der Verlust einzelner Bauten leicht verschmerzbar. (Eiermanns Architektur etwa fand so viele Epigonen, dass sie vom Durchschnittsbetrachter nicht als wertvoll und damit nicht als schützenswert wahrgenommen wird.) Dies macht es Eigentümern leichter, den Denkmalschutz auszuhebeln und einen Abriss durchzusetzen. Breiten Widerstand müssen sie in der Regel nicht fürchten, auch wenn es zuletzt ein paar bemerkenswerte Initiativen in diese Richtung gegeben hat. Hinzu kommt: Wie bei vielen Gebäudehüllen, die einst als "ehrliche Konstruktion" gedacht waren, reiht sich auch bei den IBM-Bauten aus heutiger Sicht Wärmebrücke an Wärmebrücke; eine energetische Sanierung scheint damit nur mit hohem Aufwand möglich. Und nicht zuletzt stehen die Pavillons – durchaus bauzeittypisch – von viel Freiraum umgeben auf dem Grundstück, das sich mit einer dichteren Bebauung besser ausnutzen ließe; häufig wecken solche Solitäre Begehrlichkeiten bei Investoren, die den Wert der Gebäude schlicht nach der Formel "Grundstückswert minus Abrisskosten" bemessen.
 
Verdichtung statt Vernichtung   Schaut man dagegen etwas differenzierter hin, so spricht vieles dafür, dass im Fall des IBM-Campus längst nicht alle Möglichkeiten zum Erhalt ausgeschöpft sind. Gerade das weitläufige Gelände bietet die Chance, die Bauten zu retten. Das Ensemble ist an zwei Seiten von riesigen Parkplatzflächen umgeben. Würde man die Stellplätze in einem Parkhaus konzentrieren und die freiwerdenden Flächen zur Bebauung freigeben, ließen sich dort ohne Weiteres zwei bis vier zusätzliche Gebäude errichten. Auf diese Weise würde der monetäre Wert des Grundstücks beträchtlich steigen und der Gewinn könnte in eine Sanierung der Bestandsbauten fließen. Mit sensibler, anspruchsvoller Architektur könnte die Anlage weiterentwickelt werden. Der Denkmalwert würde dadurch nicht ernsthaft geschmälert, denn Eiermann hatte ohnehin die Möglichkeit einer späteren Erweiterung vorgesehen. Auch der Nachteil des etwas abgelegenen Standorts im Wald ließe sich damit abmildern. Durch die Nachverdichtung könnte es sich rentieren, die Buslinie, die bereits am Gelände vorbeiführt, direkt auf dem Campus halten zu lassen und die Taktfrequenz zu erhöhen.
 
Potentiale nutzen   Einer Anpassung der Pavillons an heutige Nutzerwünsche steht nicht viel entgegen. Als Stahlskelettbauten bieten sie die nötige Flexibilität, Wände zu verschieben oder zu entfernen – eine Eigenschaft, die sie mit vielen Zeitgenossen teilen. Mit einer Gebäudetiefe von knapp 14 Metern eignen sie sich für alle Büroformen vom Zellen- über das Kombi- und Gruppenbüro bis zum modernen Business Club. Die Grundrissstruktur mit vier Erschließungskernen pro Pavillon ermöglicht eine nahezu beliebige Aufteilung für Vermietung oder Verkauf – sei es als Gesamtensemble, als getrennte Pavillons, als einzelne Etagen oder in noch kleineren Einheiten.
     Vieles spricht dafür, dass sich ein Umbau zu wirtschaftlichen Bedingungen realisieren lässt. Zum einen erleichtert die elementierte Konstruktion der Pavillons den Austausch von Bauteilen, sofern dies nötig ist; was einst seriell errichtet wurde, bietet auch die Möglichkeit serieller Modernisierung. Zum anderen sind dank der besonderen Größe der Gesamtanlage durch den Mengeneffekt günstige Preise erzielbar. Mit einem intelligenten Energiekonzept lässt sich der Aufwand für die Sanierung der Gebäudehülle begrenzen. Für den Energieverbrauch ist bei Bürobauten wegen der hohen internen Wärmelasten vor allem der Kühlbedarf im Sommer entscheidend, weniger der Heizbedarf im Winter. Daher dürften die zahlreichen Wärmebrücken, die sich durch die umlaufenden Balkone ergeben, tolerabel sein. Mit neuer Haustechnik, effektiver Verschattung und maßvoller Dämmung, vor allem der Dächer, sollten sich Energieverbrauch und Betriebskosten deutlich senken lassen.

Exempel schaffen   Einige der hier skizzierten Lösungsvorschläge sind auch auf andere Bauten der Boomjahre übertragbar. Umso mehr lohnt es sich, um den Erhalt des IBM-Campus zu ringen. In vielerlei Hinsicht ist er kein Einzelfall, sondern steht – durch die immense Bauproduktion der Zeit um 1970 – exemplarisch für eine große Zahl ähnlicher Gebäude. Wenn es gelingt, ihn zu retten, könnte davon ein starker Impuls für andere gefährdete Bauwerke jener Jahre ausgehen. Christian Schönwetter

Christian Schönwetter arbeitet als freier Journalist in Stuttgart. 2007 gründete er die Fachzeitschrift "Metamorphose – Bauen im Bestand", die er bis 2012 als Chefredakteur leitete.


Hinweis auf eine Sendung des SWR zum Thema:
Auf SWR2 fand kürzlich eine informative Diskussion mit dem Titel "Der Streit um die Architektur der 60er Jahre" statt. Es diskutierten Architekt Meinhard von Gerkan, Kritiker Falk Jaeger und Bauhistoriker Klaus Jan Philipp – u.a. auch über die Stuttgarter IBM-Bauten. Der Podcast lässt sich hier runterladen. Die Diskussion wurde im Vorfeld der Tagung "Vom Wirtschaftsboom zur Wachstumsgrenze. Bauten der 1960er und 1970er Jahre in Klein- und Mittelstädten" geführt, die vom Forum Stadt e. V. und der Wüstenrot Stiftung organisiert wurde. Es erscheint eine Dokumentation.
Autor:
Christian Schönwetter
Veröffentlicht am
Juni 12, 2013