Tempelhofer Feld

Autor:
Thomas Geuder
Veröffentlicht am
Mai 28, 2014

Tempelhofer Feld (Quelle: Google Maps) 
Der Berliner Architekt Stephan Braunfels hat im Vorfeld bereits ein «Central Park Berlin, so wie das Pendant in New York» vorgeschlagen. (Bild: Stephan Braunfels Architekten BD) 
Der Berliner Architekt Stephan Braunfels hat im Vorfeld bereits ein «Central Park Berlin, so wie das Pendant in New York» vorgeschlagen. (Bild: Stephan Braunfels Architekten BD) 
«Ein Amphitheater», in dem sich Luxusdesign, preiswerte Unterkünfte und Gewerbe mischen sollen, schlug im Vorfeld der Berliner Architekt Hans Kollhoff vor. (Bild: Hans Kollhoff) 

Berlin jubelt! Das Tempelhofer Feld bleibt erhalten! (Dauer: 1:24 min.)
Letzten Sonntag durfte gewählt werden: Europawahl, Ukraine-Wahl, Kommunalwahlen, Gemeinderatswahlen und: der Volksentscheid über die vom Berliner Senat geplante Bebauung der Randflächen. Insgesamt 738.124 Bürger, also 64,3 Prozent aller Teilnehmer am Volksentscheid, stimmten für den Gesetzentwurf der Bürgerinitiative «100% Tempelhofer Feld» und damit gegen die Bebauung des Areals. Das nötige Quorum von einem Viertel der Stimmberechtigten wurde damit deutlich übertroffen, der Entwurf der Initiative ist nun Gesetz. Dabei lässt es lässt sich kaum leugnen, dass dieser Volksentscheid auch an den regierenden Oberbürgermeister Klaus Wowereit gerichtet war, dem man nach Flughafen-, U-Bahn-Debakel sowie anderen «Kleinigkeiten» nun kein weiteres Projekt in der Hauptstadt zutrauen wollte. Entsprechend groß war die Freude über die gewonnene Abstimmung, bekennende Befürworter waren in den letzten Tagen nur schwer auszumachen. Wir werfen einen Blick auf die Reaktionen der letzten Tage.

«Senat vom Feld gejagt» (taz.de, 25.05.2014)

Michael Schneidewind, Vorstand der Initiative «100% Tempelhofer Feld», ist «überglücklich und froh» über den Ausgang des Volksentscheids. «Wir wollten für unsere Stadt das Beste, das haben die BerlinerInnen wohl verstanden.» Das Resultat des Volksentscheids bedeute ein «starkes Signal, dass die Stadtentwicklung in Berlin zukünftig anders funktionieren kann». (in: taz.de, 25.05.2014)

«Klaus Wowereits ultimative Demütigung: Es ist eine schallende Ohrfeige für Klaus Wowereit. Die Berliner haben es dem Bürgermeister verboten, das Tempelhofer Flugfeld zu bebauen. Für ‹Berlin-Versteher› Wowereit wird die Luft nun dünn. […] Die Berliner haben sich für ihren eigenen Central Park entschieden – wie in New York, nur ohne Bäume und Bänke.» (N24, 26.05.2014)

«Für den Senat bedeutet die Niederlage in Tempelhof, dass er den mühsamen Weg der Vermittlung weiter gehen muss. Bisher hat dies in der Wohnungsfrage vor allem Michael Müller auf sich genommen, mit viel Einsatz und mäßigem Erfolg. Aber die Schuld am Scheitern trägt nicht er allein. Die Wucht trifft den gesamten Senat, und an der Spitze Klaus Wowereit. Er lernt sie gerade neu kennen, seine Berliner. […] Tempelhof ist kein Fanal, sondern ein Symbol.» (Lorenz Maroldt, Der Tagesspiegel, 26.05.14)

«Das Tempelhofer Feld bleibt, was es ist: eine Brache. Mehr als ein Viertel der Berliner haben dafür gestimmt. Dabei war das Votum eher ein Dagegen-Votum: gegen Klaus Wowereit, der, obwohl in Tempelhof aufgewachsen, die Stimmung seiner Bürger nicht mehr zu deuten weiß; gegen die Politik in Berlin, die im Großen wie im Kleinen immer wieder zeigt, dass sie ambitionierten Bauprojekten nicht gewachsen ist; gegen die Durchökonomisierung noch des letzten Winkels, wie sie zum Beispiel in München zu beobachten ist.» (Jan Heidtmann, Süddeutsche.de, 26.05.14)

«Womöglich war die Abstimmung vom Sonntag weder ein Votum gegen den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit noch gegen Bauen in Tempelhof an sich. Es war eine Abstimmung gegen die Veränderung. Über die Art und Weise, wie der rasante Wandel sich hier abspielt. Es geht die Furcht um, dass Berlin seinen Charakter verliert. Dass die deutsche Hauptstadt bald nicht mehr die Metropole der Brachen und Ruinen ist. Dass Berlin so wird wie andere Großstädte auch, normal.» (Rüdiger Schaper, Der Tagesspiegel, 27.05.14)

«In der Berliner Morgenpost beispielsweise wird Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) mit den folgenden Worten zitiert: ‹Die Berlinerinnen und Berliner haben sich entschieden. Das nehme ich mit Respekt zur Kenntnis. Dennoch bedaure ich die vergebene Chance, 4700 dringend in der Innenstadt benötigte städtische Wohnungen auch für kleine und mittlere Einkommen bauen zu können.› Deutlicher gesagt: ‹Na gut, das muss ich jetzt zähneknirschend akzeptieren, schade aber, dass sich die Berlinerinnen und Berliner gegen bezahlbaren Wohnraum in der Innenstadt entschieden haben.› Und das ist eine Frechheit.» (Johnny Haeusler, Spreeblick, 26.05.2014)

«Vergesst das ‹Berghain›, im Kiez liegt die Wahrheit: Die Abstimmung zeigt die Spießigkeit des scheinhippen Berlins. Hier regieren ewige Studenten, das Projektprekariat und schmerbäuchige Wenignutze. […] In der preußischen Hauptstadt wurde das Hippietum Staatsraison. Das reicht von den zurückgebliebenen Unionsspießern über die Beamten-WG aus Linken und Sozialdemokraten bis hin zu den hyperintoleranten Veganern, die ihre grünen Kieze gesinnungsrein halten wollen. Wer Berlin liebt, muss Geduld mitbringen. Es hört nicht auf zuzumuten: der politische Apparat ist bis auf einige Ausnahmen bestenfalls zweitligatauglich, die Bevölkerung sich selbst genug, der zivilisatorische Humus weiterhin dünn ausgelegt.» (Ulf Poschardt, Die Welt, 26.05.14)

Am 14. Mai hat unser Autor Oliver Pohlisch (Journalist, Kulturwissenschaftler und Mitglied des Berliner Zentrums für städtische Angelegenheiten, metroZones, außerdem Chef vom Dienst bei taz.de) die Details um das Dilemma Tempelhofer Feld einmal näher angeschaut: Berliner Feldversuch. tg