Identifikationsort

Autor:
Peter Petz | Podest
Veröffentlicht am
Mai 6, 2015

Behnisch Architekten gewinnen den Wettbewerb «Stadtzentrumsentwicklung Puchheim». Robert Hösle stellt sich unseren Fragen zum Wettbewerb.
Lageplan Lageplan 
Peter Petz: Die oberbayerische Stadt Puchheim plant eine Stadtzentrumsentwicklung. Welche Bedeutung hat der Wettbewerb für Puchheim?
Robert Hösle: Für das städtische Leben der Stadt Puchheim haben die Aufwertung des Stadtzentrums und seine Anbindung an die umgebende Bebauung einen hohen Stellenwert. Schon 2002 begann die politische Debatte über die «Neue Mitte Puchheim». 2004 wurde nach einem Architektenwettbewerb ein Masterplan verabschiedet, aber nur Teile davon waren umsetzbar. Die Diskussion wurde weitergeführt, weil es im Zentrum der Stadt derzeit keine klar definierte Mitte gibt. Es mangelt an Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum, es fehlen öffentliche Einrichtungen, beziehungsweise sind diese dezentral über das Zentrum hinaus verstreut.

In einem weiteren Architektenwettbewerb sollten Ideen gefunden werden, die mit baulichen und infrastrukturellen Veränderungen die Voraussetzung dafür schaffen, dass sich aktives städtisches Leben um den öffentlichen Raum gruppieren kann und ein neuer «Identifikationsort» entsteht. Der Erhalt der Alten Schule ist dabei Ausgangspunkt dieser Überlegungen und sollte jetzt als Identität stiftendes Gebäude in die Gesamtplanung integriert werden.
Welche Maßnahmen zur Stärkung des Stadtraumes schlagen Sie vor?
Die bestehende Situation ist durch große Freiflächen mit gewachsenem Baumbestand geprägt. Diese Grünstrukturen werden größtenteils erhalten und gestärkt. Daneben ist ein wesentliches Ziel unseres Entwurfes, Ordnung zu schaffen, Räume zu definieren, Verbindungsachsen zu stärken, Entrees auszubilden und urbane Atmosphäre zu generieren. Der Maßnahmenkatalog umfasst dabei sowohl bauliche Eingriffe (Gebäudekubatur, Raumkanten) als auch geeignete Mittel aus dem Freiraum-Repertoire wie Alleen, Hecken oder ein Baumhain. Mit großen öffentlichen Bauten, neuen Wohn-, Geschäftshäusern und Wegen wird das Ortszentrum von Puchheim urbaner.

Ausgangspunkt ist die bestehende Alte Schule. Entlang einer neuen Verbindungsachse spannt sich eine Abfolge von Plätzen auf. Es sind öffentliche Räume von unterschiedlicher Ausprägung und mit differenzierten Nutzungsintentionen. So ist der Bereich östlich der Kirche durch einen Baumhain gekennzeichnet, der Grüne Markt hingegen wird mit seiner ungerichteten Geometrie klar als Zentrum definiert. Städtische Dichte charakterisiert der neue Bildungshof im Bereich zwischen Alter Schule, VHS und Bibliothek und der Platz vor dem Quartiersbüro an der Planie wird überdeckt von einem dichten Baumdach. So entstehen unterschiedliche und vielfältig attraktive Aufenthaltsorte, die zugleich auch funktionale Durchgangsräume sind.
Blick auf den Grünen Markt Blick auf den Grünen Markt 
Bieten Sie innovative verkehrstechnische Lösungen an?
Wir schlagen verschiedene Lösungen sowohl für Fußgänger und Radfahrer, als auch für den ruhenden und den Durchgangsverkehr vor. Verschiedene Maßnahmen sollen zu einer Verkehrsberuhigung der Adenauerstraße führen. Die Querungsbereiche mit den wichtigen Fußgängerverbindungen werden aufgepflastert, die Fahrbahnbreite wird auf ein verträgliches Maß reduziert und die Linearität der Straße wird durch leichtes Verschwenken gebrochen.

Dem Landschaftsgedanken folgend entsteht auf der Grünfläche südlich des Friedhofs eine zentrale, natürlich belüftet und belichtete Parkgarage. Sie ist etwa einen Meter in das Gelände eingegraben und durch die Überdeckung mit einem Gründach in die neue Hügellandschaft integriert. In die bewegte Topografie ist ein attraktiver Spielplatz eingebettet. Dieser Bereich kann flexibel für verschiedene Sport und Kulturaktivitäten (zum Beispiel open-air Kino «Puchheimer Filmspiele», Freilufttheater, Fußballspiele, Schlittenfahren) sowohl im Sommer als auch im Winter genutzt werden.

Die wichtigen Fußgängerverbindungen zwischen Rathaus und Grünem Markt, zwischen Planie und Grünem Markt sowie zwischen Bahnhof und Planie werden gestärkt. Dies spiegelt sich wider in den Wegebreiten, den bevorrechtigten Straßenquerungen und den wegbegleitenden Baumreihen. Informationstafeln zu den Partnerstädten Puchheims könnten im Boden eingelassen werden, interaktive, punktuelle Spiele, Mosaike, Musikspiele und Kunstobjekte begleiten die Straße. Kommunikative Sitzangebote laden zum Verweilen oder zu einer kurzen Rast ein.
Prinzipskizze Straßengestaltung mit Querschnitt Prinzipskizze Straßengestaltung mit Querschnitt 
Welche Neubaumaßnahmen schlagen Sie vor?
Die «Alte Schule» als Identität stiftendes Gebäude wird in die neue Stadtstruktur integriert. Der Mehrzweckraum im Erdgeschoss und die Räumlichkeiten im Obergeschoss können für besondere Zwecke und als Treffpunkt für Vereine genutzt werden. Das Gebäude bildet zum Grünen Markt hin eine selbstbewusste Platzkante, auf der anderen Seite wird es Teil des neu geschaffenen Bildungscampus mit Volkshochschule, Bibliothek, Musikschule und Erweiterungsbau.

Verschieden maßstäbliche Baukörper liegen wie «Steine» im Wegenetz des öffentlichen Raumes. Während die Raumkanten nach außen zu den Straßen und Plätzen hin eher hart und klar definiert sind, entwickeln sich die Baukörper zum Hof hin sowohl in Ihrer Erscheinung als auch in Ihrer Höhe und Offenheit vielschichtiger. Die Zugänge zu den verschiedenen Einrichtungen liegen hier, hier trifft man sich, hier tauscht man sich aus, hier geht man Kaffee trinken.

Am Rathaus und neben dem Jugendzentrum werden Baukörper vorgeschlagen, die ganz im Sinne des Entwurfsansatzes eigene Orte definieren, Entrees ausbilden und urbane Atmosphäre schaffen. Mit dem Wohn- und Geschäftsturm an der Ecke Kennedy-und Adenauerstraße wird ein neues Zeichen gesetzt. Er ist Bindeglied, lenkt um und schafft zugleich eine neue Quartiersadresse.
«Alte Schule» und Neubau «Alte Schule» und Neubau 
Ist schon ein Rahmenplan in Arbeit?
Nach unserem Kenntnisstand will die Stadt Puchheim die städtebauliche Rahmenplanung mit aller Kraft vorantreiben. Zunächst sollen die Ergebnisse des Architektenwettbewerbs zur Neugestaltung Ihres Stadtzentrums den Bürgern vorgestellt werden und deren Meinung eingeholt werden. Bis Mitte Juli wollen Kommunalpolitiker und Bürger über die verschiedenen Wettbewerbsergebnisse und Konzepte diskutieren und dann wird die Stadt eine Entscheidung treffen, wie es weiter gehen soll.
Modell Modell 
Stadtzentrumsentwicklung Puchheim
Nicht offener städtebaulicher Realisierungs- und Ideenwettbewerb

Jury
Prof. Ulrich Holzscheiter, Vors.
Ina Laux
Dr. Lore Mühlbauer
Jochen Rümpelein
Eberhard von Angerer
Robert Wenk
Norbert Seidl
Thomas Hofschuster
Rainer Zöller
Dr. Reinhold Koch

1. Preis
Arch.: Behnisch Architekten, Stuttgart, München, Boston

2. Preis
Arch.: MORPHO-LOGIC | Architektur und Stadtplanung, München
L.Arch.: Lex-Kerfers Landschaftsarchitekten BDLA, Bockhorn bei Erding, München

3. Preis
Arch.: IS Architektur, Nürnberg
L.Arch.: WGF Nürnberg, Nürnberg

4. Preis
Arch., L.Arch.: Stadtlandschaft, Hannover

5. Preis
Arch.: KOPPERROTH - Architektur und Stadtumbau, Berlin
Arch.: ISA Internationales Stadtbauatelier, Stuttgart, Beijing, Seoul, Santiago de Chile, Jeddah
L.Arch.: bbz landschaftsarchitekten, Berlin, Freiburg, Bern